Halbschuhe statt Gummistiefel

Kanzlerin Angela Merkel verbreitete bei ihrem Katastrophenbesuch in Passau vor allem eines – gute Stimmung.

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Gut ein Dutzend Soldaten hat sich am Inn versammelt. In einer halben Stunde kommt die Kanzlerin, ihr Kommandierender gibt den Männern die letzten Befehle. Jeder solle sich Schaufeln besorgen, damit «die geforderten Bilder» zustande kommen, weist er die Truppe an. Wer auch immer die Bilder eingefordert hat – sie kommen zustande. Merkel mit Soldaten, Merkel mit der Wasserwacht, Merkel mit Hochwassergeschädigten - bei sinkenden Pegelständen gerät ihr Besuch in Passau zur Inszenierung.

Für den Beginn ihrer Fahrt durch die Hochwassergebiete in Bayern, Sachsen und Thüringen wählte Merkel zusammen mit Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) die Dreiflüssestadt Passau aus. Dort erreichte das Hochwasser von Donau und Inn am Montag den höchsten Stand seit gut 500 Jahren. In der Nacht zu Dienstag besserte sich die Lage allerdings erheblich. Die Pegel sanken, die ersten noch am Vortag überfluteten Strassen lagen wieder frei.

Alles ruhig vor dem Eintreffen

Auch am Ende der Passauer Nikolastrasse sah es am Dienstag schon viel besser aus als noch am Montag. Kurz vor dem Eintreffen der Kanzlerin war dort alles ruhig. Doch dann begannen zuerst die Soldaten damit, mit Schaufeln Schlamm zu schaufeln. Danach wurden zwei Feuerwehrwagen mit Martinshorn geschickt, obwohl die Feuerwehrleute anschliessend nur ein bisschen die Strasse abspritzen mussten.

Wer auch immer sich diese zur akuten Hochwasserbekämpfung unnötigen Auftritte ausgedacht hat - es wirkte deutlich zu dick aufgetragen. Merkel selbst verzichtete allerdings in Passau auf alle Übertreibungen. Statt demonstrativ in Gummistiefeln kam sie in festen Halbschuhen, statt Friesennerz trug sie eine robuste blaue Jacke - genau die passende Bekleidung für das besser gewordene Wetter.

Charme-Offensive

Die Kanzlerin nutzte die Zeit in Passau, um gute Stimmung zu verbreiten. Sie fragte die Soldaten, woher sie stammen. Sie dankte den Helfern vom Technischen Hilfswerk und der Wasserwacht und lobte die «sehr, sehr gute Zusammenarbeit». Bei Geschäftsleuten, die ihre Läden wieder trocken legen, erkundigte sie sich nach den entstandenen Schäden.

Eine Charme-Offensive, der auch Passaus Oberbürgermeister Jürgen Dupper von der SPD erlag. Bevor Merkel Passau erreichte, sagte der noch forsch fordernd, er wolle Geld von Merkel. Als Merkel Passau aber verliess, bedankte sich Dupper mit vielen warmen Worten für das «klare Signal» der unbürokratischen Hilfe.

Das Ausmass der Schäden in ganz Deutschland ist wegen der noch nicht absehbaren weiteren Entwicklung in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt unklar. Alleine für Passau rechnet OB Dupper damit, dass der Schaden bei 20 Millionen Euro liegt.

Ernte verloren

Zu den Zerstörungen in Passau kommen die in Regensburg und Rosenheim. Ausserdem verloren viele Bauern in Bayern ihre Ernte. Doch ebenso erhebliche Schäden an Städten, Dörfern und in der Landwirtschaft drohen in Ostdeutschland.

Merkel sagte in Passau 100 Millionen Euro Soforthilfe zu, die rasch an die Betroffenen in Deutschland fliessen sollen. «Vor allem geht es darum, dass wir jetzt unbürokratisch auszahlen.» Bayern nahm allerdings gleich von diesen 100 Millionen Euro 75 Millionen in Beschlag: Seehofer sagte, der Bund habe versprochen, die Hälfte der 150 Millionen Euro schweren bayerischen Soforthilfe zu tragen.

Wenn sich das Ausmass der Schäden erst richtig zeigt, dürfte die Debatte um die Hilfe noch an Fahrt gewinnen. Merkel zeigte sich grosszügig: «Wenn die Mittel sehr schnell abfliessen, werden wir sicher noch mal beraten», sagte sie und betonte, die 100 Millionen seien nur ein erster Schritt. (wid/AFP)

Erstellt: 04.06.2013, 15:02 Uhr

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