«Libyens Armee hat Waffen, aber keine Munition»

Ghadhafi hat die Streitkräfte bewusst schwach gehalten, sagt die Nato-Expertin Florence Gaub. Und erklärt, von wem Ghadhafi noch beschützt wird.

Die militärische Lage in Libyen.

Die militärische Lage in Libyen.

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Wie beurteilen Sie die militärische Lage in Libyen?
Die Luftwaffe steht eindeutig auf Ghadhafis Seite. Sie besteht komplett aus Leuten des Ghadhafi-Stamms. Die Armee ist durchmischt. Ich schätze, dass dort noch 60 Prozent loyal sind zum Regime. Aber der Wind kann schnell drehen. Im Osten haben sich Einheiten der Armee mit den Aufständischen verbrüdert. Der Rest des Landes ist eine Blackbox. Aber es lassen sich Rückschlüsse ziehen aus dem miserablen Zustand des Militärs vor dem Aufstand.


Ist Ghadhafi denn kein Diktator,der viel Geld ins Militär pumpt?
Nein, er hat seit seinem Staatsstreich 1969 Angst, dass auch er weggeputscht werden könnte. Er hat viel Energie darauf verwendet, seine Herrschaft vor Coups sicher zu machen: Er will hundertprozentige Sicherheit vor Revolten. Diese Paranoia hat das Militär geschwächt.


Wie das?
Aus Angst vor einem Putsch durfte niemand mit echter Munition trainieren. Die libysche Armee hat zwar Waffen, aber keine Munition. Hinzu kommt: Wer aus dem Kader zu mächtig wurde, wurde exekutiert. Offiziere wurden permanent versetzt, damit sie zu Untergebenen keine Bindungen aufbauen konnten. Niemand sollte befehlen können: So, jetzt stürmen wir Ghadhafis Palast!


Und wieso laufen jetzt Einheiten zu den Aufständischen über?
Es entstand ein enormer Frust, vor allem unter jungen Offizieren. Auf der einen Seite wird einem beigebracht: Im Militär erhält der beste Mann den besten Job. Doch das ist Blabla. Alles funktioniert nach dem Prinzip «Herrsche und teile»: Mal wird der eine Stamm bevorzugt, mal die andere Truppe benachteiligt. Die Kampfkraft wird geschwächt, die Loyalität ebenso. Die libysche Armee schnitt im Tschad und gegen Ägypten auch deswegen schlecht ab.


Doch wieso sagen sich erst jetzt viele Armee-Einheiten los?
Ein Grund könnte darin liegen, dass aus finanziellen Gründen zuletzt keine Rotation der Militärkader im Land mehr stattfand. Lokal wuchs die Loyalität zwischen Offizieren und Soldaten.


Alte Kampfgefährten wenden sich nun von Ghadhafi ab, sogar Minister.
Das war überfällig. Der Unmut darüber, wie Ghadhafi Land und Armee managt, war stets gross, wie die vielen Putschversuche in den letzten vier Jahrzehnten zeigten. Nun ist die internationale Aufmerksamkeit enorm. Viele Libyer sehen die Gelegenheit, zu verwirklichen, was sie schon lange wollten. Selbst Leute aus dem Führungszirkel wagen zu sagen: Übrigens, ich bin auch dagegen.


Kann Ghadhafi die befreiten Gebiete zurückerobern?
Er ist wild entschlossen, an der Macht zu bleiben. Sein Regime hat eine weit grössere Gewaltbereitschaft, als jene in Ägypten oder Tunesien hatten. Wer wie Ghadhafi nach einem Gefängnisaufstand 1200 Menschen niedermetzelt, ist zu allem fähig. Die Frage ist, wer mitmacht bei einer allfälligen Rückeroberung.


Welche Rolle spielen die Söldner, die Aufständische jagen sollen?
Milizionäre aus dem Kongo, aus Kenia oder Uganda sind Teil des verschachtelten Sicherheitssystems des paranoiden Diktators. Sie dürften schon länger im Land sein, spätestens seit es Ende 2010 in den Nachbarländern unruhig wurde.


Wer schützt Ghadhafi selber?
Ghadhafi verfügt über eine Revolutionäre Garde, besetzt mit Loyalisten. Die 3000 Elitesoldaten sind als Einzige top ausgebildet, können lesen und schreiben und haben moderne Waffen – samt Munition. Das System Ghadhafi basiert auf dem Ungleichgewicht der starken Revolutionären Garden zur schwachen Armee, die nur aus 25 000 Mann mit schlecht gewarteten Waffen besteht.


Ist eine internationale Intervention möglich?
Militärisch ja. Unsere Nato-Eingreiftruppe wäre in fünf Tagen mit 25 000 Mann einsatzbereit. Politisch würde es kompliziert werden: Die UNO müsste jemanden zur Intervention ermächtigen, falls sie den Weltfrieden gefährdet sieht. Bei der Nato liesse sich aber kaum ein Konsens aller 28 Mitglieder finden. Bedenken Sie, dass Berlusconi und Gha-dhafi Freunde sind. Auch andere Nato-Staaten sind skeptisch angesichts der vielen Missionen von Afghanistan bis zum Kosovo.


Ist ein Alleingang der USA möglich?
Die USA werden sich hüten, alleine in ein muslimisches Land einzumarschieren, nachdem sie sich im Irak eine blutige Nase geholt haben. Sie haben zu viel Schaden angerichtet, gerade was ihr Image betrifft. Zwar könnte Obama denken: Wir können unser ramponiertes Image bei den Arabern verbessern, indem wir den Despoten stürzen. Doch die Bedenken werden überwiegen.

Erstellt: 25.02.2011, 08:58 Uhr

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