Mit Sand und Todessehnsucht

Die IS-Terroristen haben im Irak und in Syrien unerwartete Erfolge erzielt. Aber nicht nur dank erbeuteter Waffen.

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Das Timing war schlecht. Die Strategie der internationalen Koalition und der irakischen Sicherheitskräfte, um die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu besiegen, sei «klar und auf gutem Wege», sagte US-Brigadegeneral­Thomas D. Weidley am 15. Mai. Ramadi sei umkämpft, sagte der Kommandant der Operation Inherent Resolve im Irak. In der folgenden Nacht nahm der Islamische Staat die Hauptstadt der Provinz Anbar ein. Sechs Tage später fiel den Extremisten auch die strate­gisch bedeutende Stadt Tadmur in Syrien in die Hände – und mit ihr das Unesco-Weltkulturerbe Palmyra.

Über Wochen hatte es so ausgesehen, als häuften sich die militärischen Niederlagen des IS. Weshalb können die Jihadisten nun in schneller Folge bedeutende Siege feiern? Zunächst unterscheidet sich die Situation zwischen Syrien und dem Irak – und im Irak von Provinz zu Provinz. Klar ist allerdings auch: Ein schneller Sieg gegen den IS ist nicht möglich, und Luftangriffe allein können die Terrormiliz nicht entscheidend schwächen.

In Ramadi war die Lage seit längerem brenzlig; einen ersten Vorstoss des IS im Schutze eines Sandsturms Anfang Mai hatten die in der Stadt stationierten Einheiten der irakischen Regierung noch zurückschlagen können. Zehntausende Bewohner flohen dennoch. Zwei Wochen später attackierte der IS erneut mit Hilfe eines Sandsturms, der selbst für Drohnen undurchdringlich war und Luftangriffe unmöglich machte.

Die grosse Angst vor dem IS

Mit Autobomben, gefahren von Selbstmordattentätern, sprengten sie sich durch die Befestigungen der Vertei­diger. Diese zogen sich nach schweren Verlusten entgegen ihren Befehlen aus der Stadt zurück – die Munition wurde knapp, und die Soldaten und Polizisten wussten nur zu gut, welches Schicksal ihnen drohte, wenn sie den Schergen des Kalifen in die Hände fielen.

Die Asymmetrie des Kampfes liegt nicht nur darin, dass die Jihadisten oft die besseren Waffen und die bessere Ausrüstung haben. Sie suchen den Tod geradezu. Sie nehmen auf humanitäre Erwägungen keinerlei Rücksicht, noch schonen sie die Infrastruktur. Sie können deswegen oft länger durch­halten. Die Soldaten dagegen kämpfen um ihr Leben und sollen unnötige Zerstörung möglichst vermeiden. Zudem räumen selbst die Amerikaner ein, dass die Logistik der irakischen Armee «sehr problematisch» ist.

Was als schwere Niederlage für Premier Haider al-Abadi und die Amerikaner gewertet wurde, nahm zumindest ein Teil der mächtigen schiitischen Fraktionen in Bagdad sehenden Auges in Kauf. Sie verhinderten, dass die sunnitischen Stämme in Anbar Waffen erhielten, wie es Abadi versprochen hatte. Letztlich sah sich Abadi gezwungen, dem Provinzrat die Zustimmung zum Einsatz der Schiiten-Milizen in Anbar abzuringen – was er zuvor im Einklang mit wichtigen sunnitischen Stammesführern und den Amerikanern zu verhindern versucht hatte.

Die Befürchtung ist, dass es zu Rachemorden und Plünderungen kommt, die nur weiter die Spaltung des Landes entlang ethnischer und kon­fessioneller Linien vertieft. Viele schiitische Politiker, die oft eng mit dem Iran verbunden sind, wollen in erster Linie verhindern, dass die Sunniten wieder erstarken und die Amerikaner ihren Einfluss ausbauen.

Die Schwäche der Armee

Die irakischen Sicherheitskräfte allein sind aber derzeit nicht in der Lage, grössere Operationen in Anbar oder Ninawa ohne Unterstützung durch die sogenannten Volksmobilisierungseinheiten zu führen. Die Amerikaner bilden zwar neue Verbände aus, bisher aber haben nur knapp 6000 Mann dieses Training absolviert. Zunehmend unwahrscheinlicher wird daher eine Offensive zur Rückeroberung von Mosul noch in diesem Jahr, der zweitgrössten Stadt des Landes. Das Problem ist nicht die Stärke des Islamischen Staates, sondern die Schwäche der irakischen Armee.

In Syrien ist die Armee des Regimes nach vier Jahren Bürgerkrieg überdehnt, die Moral niedrig. Aber auch hier werden die Truppen eher fliehen, als zu riskieren, dem IS in die Hände zu fallen. In Palmyra war das so; das Regime sah den Fall der Stadt zuletzt offenbar als unvermeidlich an, verlegte Gefangene aus dem Foltergefängnis in Tadmur in andere Gebiete.

Einheiten der syrischen Armee waren schon im März abgezogen worden, um einen Vorstoss einer Allianz der mit al-Qaida verbündeten Nusra-Front und gemässigter Rebellen abzuwehren. Inzwischen wurde dieses heterogene Bündnis von der Hizbollah zurückgeschlagen, das Regime ist zunehmend auf die Hilfe schiitischer Milizen angewiesen.

Es rächt sich nun, dass Assad den Islamischen Staat lange gewähren liess und dass er nur Rebellengruppen bekämpfte. Tadmur war die erste Stadt, die das Regime direkt an die Jihadisten verlor; die anderen Gebiete, inzwischen die Hälfte Syriens, hatte der IS ungehindert von Assads Truppen gemässigten Rebellen ab­genommen. Luftangriffe fliegen die Amerikaner und ihre Alliierten in Syrien zudem überwiegend in von Kurden kontrollierten Gebieten, um IS-Kader zu töten oder Einrichtungen wie mobile Raffinerien zu zerstören.

Taktik angepasst

Die Jihadisten haben sich zudem längst angepasst: Sie fahren nicht mehr in Konvois durch die offene Wüste, sondern verschanzen sich in Dörfern und Städten, um kein Ziel zu bieten. Alleine mit Luftangriffen Territorium zurückzuerobern, ist so gut wie unmöglich; oft aber fehlt es abgesehen von kurdischen Einheiten im Irak wie auch in Syrien an Partnern, deren Truppen am Boden dazu in der Lage wären.

Jüngere Studien zeigen zudem, dass der IS finanziell nach wie vor grosse Reserven hat. Er ist nur zu geringen Teilen auf den Ölverkauf angewiesen und finanziert sich aus Steuern und Schutzgeldern. Zudem erbeutet er immer wieder grosse Waffenlager, offenbar auch in Ramadi und Tadmur. Niederlagen wie jene in Tikrit haben den Islamischen Staat nicht entscheidend geschwächt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2015, 19:36 Uhr

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