«Religion ist diesmal wichtiger denn je»

Im amerikanischen Wahlkampf sind die Evangelikalen ein zentraler Faktor. Viele setzten auf Sarah Palin, sagt der Harvard-Theologe Harvey Cox, die jüngeren und kriegsmüden aber auf Barack Obama.

Info-Tafel in Elko, Nevada, über das religiöse Angebot in der Stadt.

Info-Tafel in Elko, Nevada, über das religiöse Angebot in der Stadt. Bild: Adam Tanner/Reuters

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Letztes Mal sicherten die Evangelikalen dem Republikaner Bush die Wiederwahl. Werden sie Anfang November wieder das Zünglein an der Waage sein?
Es ist diesmal etwas anders: Rund 15 Prozent der weissen Evangelikalen, die 2004 Bush wählten, sind jetzt für Obama. Das ist viel. Es würde für den Sieg reichen. Obama muss insbesondere grosse Staaten wie Ohio und Pennsylvania gewinnen, wo die Evangelikalen eine signifikante Grösse sind. Ich selber arbeite in der Obama-Kampagne in Pennsylvania mit.

Haben diese 15 Prozent Probleme mit dem Republikaner McCain?
Die Elite der religiösen Rechten, die 2004 Bush unterstützte, mag McCain nicht. Er hatte einige evangelikale Führer scharf kritisiert. Jerry Fallwell hat er einen «Agenten der Intoleranz» genannt. Der zweimal verheiratete McCain hat sich in den Augen der Frommen auch nicht genug für das Lebensrecht und gegen die Schwulenehe eingesetzt. Obendrein musste er sich von seinem Pastor John Hagee distanzieren, einem TV-Prediger mit düsterer Endzeittheologie. Viele Evangelikale unterstützten deshalb den früheren Baptistenpfarrer Mike Huckabee und sind jetzt in einem Dilemma.

Bis McCain für die radikalen Christen Sarah Palin aus dem Hut zauberte.
Das war in der Tat eine sehr inspirierte Entscheidung von McCain. Palin scheint eine vom Computer generierte Kandidatin zu sein, so perfekt kommt sie daher: charismatisch, hübsch, konservativ. Sie war Pfingstlerin und gehört jetzt zu einer unabhängigen Bibel-Kirche in Wasilla. Als Fundamentalistin ist sie strikt gegen die Abtreibung und hält die drohende Klimakatastrophe nicht von Menschen gemacht.

In verschiedenen Blogs gilt Palin als Darling der christlichen Zionisten, welche die Juden in Israel vor der Wiederkunft Christi sammeln wollen.
Die christlichen Zionisten sind in den USA eine sehr starke Strömung, insbesondere bei den Evangelikalen. Bei Palin weiss man noch nicht genau, ob sie christliche Zionistin ist, vermutlich ist sie es schon.

Womit sie in Washington die Israel-Lobby aufmischen würde. Oder gab es christliche Zionisten auch in der Regierung Bush?
Nein. Die christlichen Zionisten vertreten eine Endzeittheologie, wonach es um Israel einen grossen Konflikt geben muss, bevor Christus wiederkommt. Die Regierung Bush jedoch vertritt keinen christlichen Zionismus mit dieser endzeitlichen Zuspitzung, sondern eine friedliche Zweistaatenlösung. Auch viele jüngere Evangelikale würden eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts begrüssen.

Vor Palins Nomination hiess es, die Evangelikalen hätten stark an Einfluss auf die republikanische Partei eingebüsst. Wegen McCain?
Nicht nur. Das hat auch mit einem Generationenwechsel bei den Evangelikalen zu tun. Die Galionsfiguren Jerry Fallwell, Pat Robertson, James Dobson sind tot oder sehr alt. Die Evangelikalen haben jetzt jüngere Führerfiguren: Jim Wallis zum Beispiel, der wie ich zur religiösen Linken zählt, oder Rick Warren, einen Mann der Mitte. Warren, der das Treffen mit McCain und Obama organisierte, ist einer der wichtigsten religiösen Leitfiguren im heutigen Amerika. Auch ein Mann wie Joel Osteen, der die grosse Lakewood-Church in Houston leitet, sagt, er könne nicht mehr gegen die Homoehe predigen, weil viele der jüngeren Leute schwule Freunde hätten.

Abtreibung scheint aber nach wie vor ein Hauptthema der Evangelikalen zu sein.
Sie ist noch immer ein grosses Thema. Aber auch da gibt es eine neue Entwicklung unter den Evangelikalen. Leute wie Jim Wallis oder Rick Warren sagen: Sorgen wir dafür, dass wir die Zahl der Abtreibungen reduzieren können, statt die Frauen zu kriminalisieren. Dazu braucht es neue politische Leitplanken wie Mutterschaftsurlaub und Kinderkrippen. Das könnte Frauen ermutigen, ihre Kinder zu bekommen.

Sind jüngere Evangelikale generell offener für linke Themen?
Ja, sie sind offen für Themen wie Klimaschutz, Aids, Armutsbekämpfung. Und der grosse Unterschied zu 2004: Die jüngeren Evangelikalen und Pfingstler tendieren auch viel mehr dazu, den Irak-Krieg abzulehnen. McCain und Palin indessen bestehen darauf, den Krieg bis zu einem Sieg weiterzuführen, was immer das heisst. Mein Eindruck ist, dass die jüngeren Evangelikalen darum eher mit Obama sympathisieren.

Sie erwähnen die Pfingstler, die immer einflussreicher werden. Sind die nicht gleich fundamentalistisch wie die Evangelikalen?
Im Rahmen der Obama-Kampagne habe ich es als Theologe hauptsächlich mit religiösen Gruppen zu tun, auch mit den Pfingstlern, über die ich ein Buch geschrieben habe. Es gibt viele Pfingstler unter den Schwarzen und unter den lateinamerikanischen Immigranten. Der Mann, der in Obamas Kampagne für die religiösen Angelegenheiten zuständig ist, Joshua DuBois, ist Pfingstler. In Amerika sind die meisten Pfingstler keine Fundamentalisten. Sie werden im Gegenteil von evangelikalen Fundamentalisten mit Argwohn angesehen, weil sie sich auf ihre persönliche Glaubenserfahrung mit dem Heiligen Geist berufen und weniger auf die Bibel.

Wie wichtig ist Religion in diesem Wahlkampf?
Wichtiger als je zuvor. Bei der Wahl von John F. Kennedy war Religion ein zentrales Thema, weil er Katholik war. Diesmal aber ist das Thema noch viel bedeutender.

Weshalb?
Es gibt verschiedene Gründe. Es war schon sehr speziell, dass mit Mitt Romney ein Mormone Präsident werden wollte. Auch der ganze Wirbel um Obamas Pastor Jeremy Wright spielte sicher eine Rolle. Dann gab es diesen denkwürdigen Abend vor zwei Monaten in der Saddleback-Kirche mit Rick Warren. So etwas hat es noch vor keiner Wahl gegeben, dass der Pastor einer Kirche beide Präsidentschaftskandidaten interviewt und ihnen sehr persönliche Fragen zu ihrem Glauben stellt.

Warren selber sagte am Glaubensgipfel, er stehe zur Trennung von Kirche und Staat, nicht aber zur Trennung von Glaube und Politik. Ist das eine gängige Haltung in Amerika?
Das ist eine gute und mittlerweile prominente Position. Sie bejaht die institutionelle Trennung von Kirche und Staat. Die beiden Ebenen von Glaube und Politik sind aber nicht zu trennen, wenn man Entscheidungen über Krieg oder soziale Fragen auf der Grundlage des Glaubens trifft.

Auch bei den Demokraten wird in diesen Tagen viel gebetet. Obama bemüht sich intensiv um die Gläubigen. Ist das blosse Strategie?
Nein. Obama ist ein gläubiger Mensch. Das spürt man schon an seiner Art zu sprechen. Er nimmt oft Bezug auf die Bibel. Wenn er über Glaubensdinge spricht, erinnert er mich stark an Martin Luther King.

Auch sein früherer Pastor Jeremy Wright stand in der Tradition von Martin Luther King. Hat man ihn missverstanden? Hat ihn Obama gar verraten?
Wright wurde teilweise missverstanden. Die meisten weissen Amerikaner haben nie schwarze Predigten gehört und sind geschockt, wenn sie solche hören. Es stimmt, auch Wright kommt von Luther King her. Obama und Wright haben eine sehr ähnliche soziale Theologie. Hört man gewisse kritische Statements Obamas über die amerikanische Politik oder Wirtschaft, tönt das ähnlich wie bei Wright, nur dass dieser ein Strassenidiom spricht. Obama konnte nicht alles unterschreiben, was Wright sagte. Er hatte keine andere Wahl, als sich von ihm zu trennen.

Glauben Sie, dass Obama mehr religiöse Wähler gewinnen kann als John Kerry 2004?
Auf jeden Fall. Kerry war ein Katholik, dem es schwer fiel, öffentlich über seinen persönlichen Glauben zu sprechen.

Erstellt: 24.10.2008, 12:20 Uhr

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