Russisches Gift

Alexander Litwinenko ist in London 2006 durch Verstrahlung mit radioaktivem Polonium gestorben. Die Ermittlungen zum Tod des Agenten führen zu Wladimir Putin und zur Tschetschenienfrage.

Durch Verstrahlung gezeichnet: Porträt von Alexander Litwinenko kurz vor seinem Tod im November 2006, in einer Moskauer Galerie. (22. Mai 2007)

Durch Verstrahlung gezeichnet: Porträt von Alexander Litwinenko kurz vor seinem Tod im November 2006, in einer Moskauer Galerie. (22. Mai 2007) Bild: Reuters

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Alexander Litwinenko war Geheimagent im Multipack. Er war Oberst im sowjetischen Komitee für Staatssicherheit, dem KGB, und in der russischen Nachfolgeorganisation FSB. Er arbeitete für den britischen Auslandsdienst MI6 und den spanischen Nachrichtendienst. Aber ein diskreter Spion war er nicht: Er suchte die Öffentlichkeit, schrieb ein viel beachtetes Buch, gab Interviews in Printmedien wie auch im Fernsehen. Selbst sein Tod hätte kaum öffentlicher sein können. Litwinenko wurde mit dem radioaktiven Element Polonium vergiftet, es zerstörte seine Organe von innen, unerbittlich, unaufhaltsam. Er wusste, dass er starb. Wochenlang verfolgte die Welt sein Siechtum, die Aufnahmen aus dem Spital in London sind zu Symbolbildern für die Grausamkeit des Kremls geworden.

Das war im November 2006. Mehr als sechs Jahre später hat Grossbritannien den Fall noch längst nicht bewältigt. Ein Gericht soll feststellen, wie genau Litwinenko starb und wer dafür verantwortlich war. Der Prozess beginnt im Oktober – wenn er nicht noch einmal verschoben wird. Denn der juristische Rahmen ist noch immer nicht festgelegt. Derzeit finden vorbereitende Anhörungen in London statt. Und dabei fällt das Schlaglicht auf einen Mann, der nicht im Gerichtssaal erscheinen wird: Wladimir Putin.

Ein Kriegsgrund für Putin?

Zwei Tage bevor er starb hatte Litwinenko einem Freund einen offenen Brief an den russischen Präsidenten diktiert. «Sie haben gezeigt, dass Sie so barbarisch und grausam sind, wie Ihre schärfsten Kritiker behaupten», schrieb der Sterbende seinem früheren Chef beim russischen Inlandsgeheimdienst FSB. «Sie mögen einen Mann zum Schweigen gebracht haben, aber das Protestgebrüll aus aller Welt wird den Rest Ihres Lebens in Ihren Ohren dröhnen.»

Litwinenkos Konflikt mit Putin drehte sich um Tschetschenien, jene Konfliktregion im Kaukasus, die Putins politische Karriere von Anfang an mitbestimmt hatte. Der ehemalige Geheimdienstoberst war kaum bekannt, als er 1999 die Nachfolge von Boris Jelzin antrat. Einen Namen machte sich Wladimir Putin durch den zweiten Tschetschenienkrieg, eine harte Kampagne gegen Separatisten und islamische Terroristen in der Kaukasusrepublik, die 1999 begann und erst 2009 formal beendet wurde.Auslöser des Krieges waren schwere Bombenexplosionen in Moskau und anderen Städten, bei denen ganze Wohnblocks zerstört und mehr als 300 Menschen getötet wurden. Putin machte tschetschenische Extremisten für die Anschläge verantwortlich. Mehrere Tschetschenen wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. Doch Litwinenko, schon 1998 als Kritiker der Geheimdienste an die Öffentlichkeit getreten und 2000 nach London ins Exil geflüchtet, behauptete, dass der FSB die Bomben gelegt habe, um Putin einen Kriegsgrund zu liefern.

Heute steht Tschetschenien wieder weltweit im Fokus: Die Brüder Tsarnaev, die beiden Bombenleger vom Bostoner Marathon, stammen aus dem Kaukasus und sind wohl von den anhaltenden Spannungen in ihrer Heimat radikalisiert worden. Putin dreht den Spiess freilich um: «Russland ist auch ein Opfer des internationalen Terrorismus», betonte er unlängst in einer fünfstündigen Frage-und-Antwort-Sendung im russischen Fernsehen. «Es hat mich immer entsetzt, dass unsere Partner im Westen die Leute, die in unserem Land blutige Verbrechen begingen, als ‹Rebellen› bezeichneten und nicht als ‹Terroristen›.»

Im Westen wird derweil infrage gestellt, wie Russland mit Tschetschenien umgeht. Dazu trägt nicht zuletzt die gerichtliche Untersuchung von Litwinenkos Tod bei. «Eine Stimme sollte zum Schweigen gebracht werden, die Putins Verbrechen in Tschetschenien hätte aufdecken können», sagt Thor Halvorssen, Präsident der New Yorker Human Rights Foundation. Es war ein perfider Mord, der nie hätte entdeckt werden sollen – und auch beinahe unentdeckt blieb.

Treffen in einer Hotelbar

Am 1. November 2006 trifft sich Alexander Litwinenko in einer Londoner Hotelbar mit zwei russischen Geschäfts-leuten. Der eine, Andrei Lugowoi, ist ein ehemaliger KGB-Kollege von Litwinenko, der inzwischen Millionen mit der Herstellung von Kwass macht, dem russischen Leichtbier. Auch dabei ist Dimitri Kowtun, ein ehemaliger Armeeoffizier, der Anfang der 90er-Jahre eine gewisse Zeit lang in Hamburg lebte und westliche Firmen berät, die mit Russland ins Geschäft kommen wollen. Es sei bei dem Treffen um Kontakte zu britischen Unternehmen gegangen, erklärt Lugowoi später. Litwinenko, der Alkohol nicht anrührt, trinkt eine Tasse Tee. Sie ist mit Polonium vergiftet, geschmacklos, radioaktiv, aber ausserhalb des Körpers ungefährlich. Denn das Element gibt kaum Gammastrahlung ab, die nur durch Blei aufgehalten wird, aber erst in hoher Konzentration schädlich ist. Dafür ist Polonium eine starke Quelle für Alphastrahlung, die auf kurze Entfernung extrem zerstörerisch wirkt. Schon ein Mikrogramm – eine mit blossem Auge nicht erkennbare Menge – ist tödlich. Und Litwinenko schluckt ein Vielfaches der tödlichen Dosis.

Wenige Stunden nach dem Treffen fühlt sich der 44-Jährige unwohl. Er wird in ein Londoner Spital eingewiesen, aber die Ärzte sind ratlos. Er hat alle Symptome einer Strahlenkrankheit: Übelkeit, Durchfall, die Haare fallen ihm aus, Organe versagen. Doch eine Untersuchung mit einem Geigerzähler verläuft negativ: Es wird keine Strahlung festgestellt. Das Beste, was die Londoner Medizin zu bieten hat, reicht nicht aus. Litwinenko ist zäh, er hält länger durch, als seine Mörder erwartet haben. Doch am 23. November stirbt er schliesslich. Seine verstrahlte Leiche wird in einem Bleisarg beigesetzt.Wenige Stunden vor seinem Tod erst wird Litwinenkos Blut auf Polonium getestet. Die Polizei hat plötzlich eine heisse Spur: Der Stoff mag zwar ausserhalb des Körpers unschädlich sein, doch er hinterlässt in der Umwelt leicht zu messende Verstrahlungen. Und diese sind eindeutig: Sie führen zu Lugowoi. Die Restaurants, in denen er ass, die Hotelzimmer, in denen er übernachtete, die Sitze im Flugzeug, auf denen er sass – überall hinterliess er Polonium-Spuren.

Radioaktive Spuren

Auch Kowtun verbreitete Radioaktivität. Bei ihm sind die Spuren aber weniger eindeutig. Er sei in Moskau selbst wegen einer Polonium-Vergiftung behandelt worden, sagt Kowtun. Und man habe sich am 16. Oktober in London schon einmal mit Litwinenko getroffen. Tatsächlich ist an den Orten, wo die drei damals verkehrten, ebenfalls Polonium nachweisbar. Offenbar wurde schon einmal versucht, Litwinenko zu vergiften, ohne Erfolg. Er war sauber – bis zum Treffen in der Hotelbar.

Polonium ist äusserst selten, es kann nur in Nuklearreaktoren hergestellt werden – und jeder Reaktor hat einen charakteristischen «Fingerabdruck». Die Ermittler sind sich sicher: Litwinenko wurde mit Polonium vergiftet, das aus Russland stammte.Die Londoner Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Lugowoi und Kowtun und fordert deren Auslieferung. Russland weigert sich mit dem Hinweis, dass die Verfassung die Auslieferung russischer Bürger verbiete. Beide beteuern, sie seien unschuldig, Lugowoi absolviert sogar einen Lügendetektortest vor laufenden TV-Kameras. Der schillernde Unternehmer ist im Zuge der Litwinenko-Affäre zu einer Berühmtheit in Russland geworden. Seit 2007 ist er zudem Mitglied der Duma, des russischen Parlaments, und geniesst damit Immunität.Der 46-jährige Bierbrauer geniesst seinen Promistatus offensichtlich. Ende April hat er mit seiner 23 Jahre jüngeren Braut für das russische Klatschblatt «Heat» posiert. Bei ihrem ersten Treffen habe sie gar nicht gewusst, dass sie es mit einem Star zu tun habe, vertraute er der Postille an. Die mehrtägige Hochzeit fand im Ferienort Gelendschik am Schwarzen Meer statt, dem Mittelmeer des Ostens, wo es keinen russischen Winter gibt, wo Wein gedeiht und Palmen wachsen.

Vieles bleibt geheim

Der Fall Litwinenko belastet die Beziehungen zwischen Grossbritannien und Russland – auch ein Grund, warum sich die Vorabklärungen unter Richter Sir Robert Owen so lange hinziehen. Das Ganze ist eine Staatsaffäre. Eine Streitmacht hochrangiger Juristen vertritt: Marina Litwinenko (die Witwe) und Anatoli Litwinenko (den Sohn); Boris Beresowski (Gegenspieler Putins und Beschützer Litwinenkos, der sich im März in London das Leben nahm); die Polizei von London; das britische Aussenministerium; das Innenministerium; die russische Bundespolizei; verschiedene Medienorganisationen; die britische Abteilung für Atomwaffen; das Verteidigungsministerium.

Bis März gab es auch eine Vertretung für Lugowoi. Dann aber kündigte er an, dass er von einem britischen Gericht keine Gerechtigkeit erwarte und deshalb jegliche Kooperation einstelle. Kurz zuvor war bei einer Anhörung durchgesickert, dass Litwinenko sowohl für den britischen als auch den spanischen Geheimdienst tätig gewesen war und dass Lugowoi als Doppelagent mitgemischt hatte. Die britische Regierung gewährte Einsicht in geheime Dokumente, die auf eine Beteiligung russischer Regierungsstellen an Litwinenkos Tod hinwiesen.

Vieles ist geheim in diesem Fall – und das soll nach dem Willen der britischen Regierung auch so bleiben. Derzeit wird geprüft, ob einzelne Zeugen unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagen können. Man will durch weitere Enthüllungen die Beziehungen zu Russland nicht noch zusätzlich belasten.Dennoch wird jeder Verhandlungstag für Wladimir Putin unangenehme Fragen aufwerfen – auch zu Tschetschenien. Der russische Präsident schaut in nächster Zeit ohnehin mit besonderer Aufmerksamkeit Richtung Kaukasus. Er bereitet das grösste Prestigeprojekt seiner Präsidentschaft vor: die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi am Schwarzen Meer. Es sollen ganz besondere Spiele werden: unten Strand und Palmen, oben Schnee und Skipisten – an den Gipfeln des Kaukasus. Tschetschenien ist keine 500 Kilometer entfernt.

Erstellt: 07.05.2013, 10:03 Uhr

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