Salvini feierte nach dem Brücken-Einsturz

Am Abend des Unglücks in Genua zeigte sich Italiens Innenminister vergnügt in Messina. Kritiker sind entsetzt.

Das schwere Unglück: Die Autobahnbrücke bricht in der Stadt im Nordwesten Italiens ein. (Video: Tamedia)

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Im Nachgang des schweren Unglücks in Genua gerät Italiens Innenminister Matteo Salvini in die Kritik. Bilder zeigen den Chef der fremdenfeindlichen Lega Stunden nach dem Einsturz der Brücke an einer Feier der Partei in Messina. Gut gelaunt und mit einem Kuchen, auf dem steht: «Die Mannschaft gewinnt.»

Sozialdemokrat Matteo Orfini (43), Präsident des Partito Democratico, fand deutliche Worte zu den Bildern. Sie seien eine Ohrfeige für den Schmerz des Landes. Andere Politiker verlangten eine Entschuldigung oder legten Salvini den Rücktritt nahe.

Italiens Innenminister verteidigte sich und ging zum Gegenangriff über: «Einige Schakale der Linken haben mich attackiert, weil ich es am Abend des 14. Augusts gewagt habe mit 300 Personen in Sizilien zu essen. Den Abgeordneten der PD, die über meine Bewegungen in diesen zwei Tagen informiert wurden, bitte ich im Namen der Italiener, über ihre Arbeit in den letzten Jahren Rechenschaft abzulegen.»

Salvini hatte nach dem Unglück der EU indirekt eine Mitschuld am Modernisierungsrückstand italienischer Verkehrswege gegeben. Er legte nahe, die EU verhindere durch ihre rigiden Sparauflagen Investitionen in die Sicherheit von Schulen und Autobahnen. Die EU wies die Vorwürfe zurück. Ein Kommissionssprecher sagte am Donnerstag , Brüssel habe Italien noch im Frühjahr dazu ermutigt, in seine Infrastruktur zu investieren. Ausserdem wies er darauf hin, dass die EU im April grünes Licht für einen Investitionsplan zugunsten italienischer Autobahnen gab. Dabei ging es um etwa 8,5 Milliarden Euro, die auch der Region um Genua zugute kommen sollten.

Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt

Der Einsturz der Autobahnbrücke in Genua hat auch die französische Justiz auf den Plan gerufen. Die Staatsanwaltschaft in Paris leitete eine Untersuchung wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Tötung ein. Der Grund: Unter den Opfern waren vier Franzosen.

Derweil haben Rettungskräfte die dritte Nacht in Folge nach möglichen weiteren Opfern in den Trümmern gesucht. «Wir versuchen Hohlräumen in dem Schutt zu finden, wo Menschen sein könnten – lebendig oder tot», sagte Feuerwehrsprecher Emanuele Gissi am Freitag. Die Aussichten, Überlebende zu finden, gelten mittlerweile allerdings als gering.


Video: Fahrt über die Morandi-Brücke

Das Video zeigt eine Autofahrt über das Polcevera-Viadukt im Jahr 2012. Die eingestürzte Stelle ist bläulich eingefärbt. (Video: SDA/Tamedia)


Nach Angaben von Genuas Staatsanwaltschaft könnten noch zehn bis 20 Menschen unter den Trümmern sein. Die Rettungskräfte wurden bei ihrer gefährlichen Suche in den instabilen Trümmern von Baggern und Kränen unterstützt. Spezialisten arbeiteten daran, die Trümmer in grosse Betonblöcke zu zerschneiden. «Wir werden dann Hunde und Rettungskräfte hineinschicken um zu sehen, ob wir irgendwelche Lebenszeichen finden können», sagte Gissi.

Bericht mit neuen Details

Die Einsatzkräfte haben derweil die auf den Resten der Brücke noch stehenden Fahrzeuge geborgen. Darunter war auch der grüne Lastwagen, dessen Fahrer beim Unglück wenige Meter vor der Abbruchstelle bremsen konnte.

Bei dem Unglück waren mindestens 38 Menschen ums Leben gekommen. Laut italienischen Presseberichten vom Freitag wollen die Angehörigen von 17 der 38 Opfer aus Ärger über die Regierung in Rom nicht an der für Samstag angesetzten offiziellen Trauerfeier teilnehmen.

Die Regierung hatte den privaten Betreiber Autostrade per l'Italia für das Unglück verantwortlich gemacht. Jener versicherte, seinen Wartungspflichten stets nachgekommen zu sein. Die Zeitung «La Repubblica» berichtete am Freitag aber, dass eine von der Firma in Auftrag gegebene Studie schon 2017 Schwächen in den Tragseilen der Brücke entdeckt habe. (nlu/afp)

Erstellt: 17.08.2018, 11:29 Uhr

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