«Und zwar auf Englisch, Herr Zuckerberg, nicht Swahili»

Sechs Erkenntnisse aus der Zuckerberg-Anhörung: Von der Kleidung des Facebook-Bosses zu den politischen Folgen.

Nichts für Unterhaltungsfanatiker: Mark Zuckerberg vor seiner Anhörung vor den gemeinsamen Senatskomitees aus Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz und Wirtschaft. Foto: Keystone

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Amerikanische Medien hatten den Termin wie einen Hollywood-Showdown verkauft. Doch die beinahe fünfstündige Senatsanhörung von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg war nichts für Unterhaltungsfanatiker. Auch wenn es diesen einen Moment gab, der später in allen Fernsehnachrichten auftauchen sollte.

Dick Durbin (demokratischer Senator aus Illinois): «Wäre es in Ordnung, wenn Sie uns einweihen würden, in welchem Hotel Sie die vergangene Nacht verbracht haben?»

Mark Zuckerberg, nach kurzem Nachdenken: «Hmm, nein.»

(leises Gelächter)

Durbin: «Wenn Sie jemandem diese Woche eine Nachricht geschrieben haben, würden Sie uns teilhaben lassen, wie die Personen heissen?»

Zuckerberg, lächelnd: «Senator, das würde ich wahrscheinlich nicht hier öffentlich tun wollen.»

Durbin, milde lächelnd: «Ich denke, das könnte es sein, worum es hier geht: Ihr Recht auf Privatsphäre.»

Einerseits bringt dieser «Erwischt»-Moment die Facebook-Debatte auf den Punkt. Andererseits symbolisiert er auch das Problem: Wenn Firmenchefs nach Skandalen vor dem Kongress antanzen müssen, geht es an erster Stelle nicht um Aufklärung, sondern um die TV-gerechte Kanalisierung des Volkszorns durch Volksvertreter.

Dennoch bot die Anhörung einige Erkenntnisse, wie es nach dem Facebook-Datenabfluss an Cambridge Analytica weitergeht und was politisch zu erwarten ist:

1. Selbstkritik, aber wenig Konkretes
Zwar war Zuckerberg zunächst sichtlich nervös. Seine Stimme zitterte leicht, als er abermals Fehler einräumte und sich entschuldigte. Mit der Zeit wurde er zunehmend mutiger, widersprach Senatoren und fiel ihnen zum Teil auch ins Wort. Dabei wiederholte er gebetsmühlenartig, dass Facebook keine Nutzerinformationen verkaufe, sondern Werbekunden nur selbst den Zugang zu Mitgliedern ermögliche – und die Daten den Nutzern gehörten.

Zuckerberg, inzwischen einer der erfahrensten Entschuldiger der Branche, übernahm mit ruhiger Stimme erneut die Verantwortung für den Datenabfluss und bedauerte, die russische Wahl-Beeinflussung 2016 zu spät erkannt zu haben.

Zugleich konnte er routiniert darauf verweisen, mit diversen Daten-Zugangsbeschränkungen für App-Entwickler und der Fahndung nach politischen Clickbait-Fabriken bereits reagiert zu haben. Zuckerberg führte ausserdem an, dass «Werkzeuge und Lösungen» wie künstliche Intelligenz die Probleme in absehbarer Zeit besser lösen könnten.

2. Viele Senatoren haben keine Ahnung von Facebook
Die Senatoren haben Zuckerberg mit Fragen zu den Grundfunktionen von Facebook gespickt. Wie erhält Facebook Daten? Wie können Benutzer kontrollieren, welche Daten sie gemeinsam nutzen? Die Politiker verplemperten so Zeit mit Antworten, die sie auch über Google hätten finden können.

Senator Roy Blunt wollte gar die Instagram-Karriere seines Sohnes pushen: «Mein Sohn Charlie, der 13 ist, hat einen Instagram-Account, und er wollte sichergehen, dass ich ihn erwähne, während ich hier bei Ihnen war.»

3. Die Börse glaubt an Zuckerberg
Wäre die Börse ein Massstab, war Zuckerbergs Auftritt ein Erfolg für Facebook: 4,5 Prozent legte der zuletzt gebeutelte Aktienkurs des Konzerns während der Anhörung zu. Zuckerbergs Nettowert erholte sich am Nachmittag um mehr als 3 Milliarden Dollar und wuchs laut Bloombergs Milliardärsindex auf 67 Milliarden Dollar.

4. Die Nutzungsbedingungen sind «Mist»
Mehrere Senatoren fragten Zuckerberg, warum die Firma nach Bekanntwerden des Datenabflusses 2014 weder die Millionen betroffenen Nutzer noch die Handelsbehörde FTC informierte, die seit 2011 die Privatsphären-Politik des Konzerns überwacht. Auch hier zog sich Zuckerberg auf die Geschäftsbedingungen zurück: In diesen sei eine Datenweitergabe an Drittparteien erwähnt gewesen. Als die Nutzer sich bei Facebook angemeldet hätten, «haben sie sich auch dafür angemeldet». Ob die Nutzungsbedingungen wirklich die ungefragte Datenweitergabe an Apps von Freunden deckten, ist derzeit Gegenstand von FTC-Ermittlungen, die eine Milliardenstrafe zur Folge haben könnten.

Der Republikaner John Kennedy gab Zuckerberg eine klare Kritik mit auf den Weg: «Ihre Nutzungsbedingungen sind Mist.» Das Ziel des Textes sei, Facebook rechtlich abzusichern – und nicht die Nutzer über ihre Rechte zu informieren. «Ich würde vorschlagen, dass sie nach Hause gehen und das neu schreiben, und zwar auf Englisch, nicht Swahili, so dass alle es verstehen», sagte der 66-jährige Senator aus Louisiana im Lehrer-Ton. «Ich will Facebook nicht regulieren – aber bei Gott, ich werde es tun.»

5. Zuckerbergs Kleidung
Jeans und T-Shirt: So kennt man Mark Zuckerberg. Er und andere Silicon-Valley-Grössen haben so die Kleidung in Büros weltweit verändert. Arbeitet man nicht in einer Bank, sind Anzug und Krawatte meistens nicht mehr obligatorisch. Doch zur Anhörung kam Zuckerberg in einem «Marine Ensemble»: in weissem Hemd und blauer Krawatte. Wie «Quartz» analysiert, wollte er so Respekt und Ernsthaftigkeit signalisieren, zwei Attribute, die er nach dem Skandal um Facebook und Cambridge Analytica dringend braucht.

6. Fazit: Der Facebook-Widerspruch
Einerseits vermittelte Mark Zuckerberg vor dem Senat den Eindruck, dass jeder Facebook-Nutzer weiss, welche Daten er mit wem teilt (eine Ansicht, der wohl viele Mitglieder widersprechen würden). Zugleich aber stellte er den Datenmissbrauch als etwas dar, was die Facebook-Verantwortlichen damals nicht vorhersehen konnten, obwohl die Plattform das Sammeln detaillierter Datenpunkte perfektioniert hat. Genau diesen Kern des Geschäftsmodells (kostenloser Dienst für kostenlose Nutzerdaten) möchte Facebook nicht ändern, auch wenn Zuckerberg erstmals ein alternatives Bezahlmodell andeutete («eine Version von Facebook wird immer kostenlos bleiben»). Die durchaus milde Anhörung lässt vermuten, dass die Firma und ihre Lobbyisten bei allen Gesetzen ein gewaltiges Wort mitzureden haben werden – doch derzeit ist zweifelhaft, ob im zerstrittenen Kongress überhaupt etwas passieren wird.

Am Mittwoch wird Zuckerberg den letzten Tag seines Auftrittsmarathons absolvieren und vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses aussagen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2018, 09:39 Uhr

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