Welche Websites die weissen Rassisten besuchen

Der Attentäter von El Paso verbreitete seine Hassbotschaft auf 8chan. Davon gibt es Hunderte Alternativen – und Schweizer reden mit.

Der jugendlich wirkende 66-jährige Betreiber von 8chan, Jim Watkins (Mitte), in einem Youtube-Video-Stream vor einem Jahr auf den Philippinen. In seinem Online-Forum radikalisieren sich viele Jugendliche. Quelle: Youtube / The Goldwater.

Der jugendlich wirkende 66-jährige Betreiber von 8chan, Jim Watkins (Mitte), in einem Youtube-Video-Stream vor einem Jahr auf den Philippinen. In seinem Online-Forum radikalisieren sich viele Jugendliche. Quelle: Youtube / The Goldwater.

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Für einmal sind sich alle einig, selbst in den USA. In seiner gestrigen Pressekonferenz über die Attentate vom Wochenende sagte US-Präsident Donald Trump, es müsse endlich etwas gegen die Hass speienden Internet-Foren getan werden, zum Beispiel gegen die Plattform 8chan. Diese hat der Attentäter von El Paso dazu benutzt, um die Welt in einem vierseitigen Manifesto vor einer«hispanischen Invasion» zu warnen. 20 Minuten nach der Veröffentlichung erschoss der 21-jährige Attentäter in einem texanischen Einkaufszentrum 22 unschuldige Menschen.

Der Sicherheitsanbieter des Online-Forums 8chan, eine Firma namens Cloudflare, hat schnell reagiert. Cloudflare hat sukzessive dem Dienst den Schutz vor sogenannten Denial-of-Service-Attacken entzogen. Seit heute 9 Uhr Schweizer Ortszeit steht 8chan gewissermassen komplett schutzlos im Internet da und kann von Internet-Aktivisten beliebig oft aufgerufen werden, was die Server in die Knie zwingt. Der CEO Matthew Prince sagte: «Die Plattform hat sich wiederholt als Senkgrube des Hasses entpuppt. Das muss ein Ende haben.» Tatsächlich hat schon der Attentäter im neuseeländischen Christchurch den Dienst 8chan als Plattform gebraucht, um seine Hassbotschaften zu verbreiten. Nur: Wer 8chan weiterhin nutzen will, kann das tun. Mit dem speziellen Tor-Browser ist die Community im sogenannten Darknet weiterhin zugänglich.

Auch Schweizer reden mit

Online-Foren wie 8chan funktionieren zunehmend als Radikalisierungsmaschinen. Ihre meist anonymen Nutzer fluchen und toben gegen Minderheiten und schaukeln sich gegenseitig hoch, bis einer explodiert und seine Wut und die furchtbaren Fantasien ausserhalb der digitalen Realität auslebt – wie am Wochenende gleich zweimal in den USA geschehen. Wobei das Mordmotiv des zweiten Attentäters in Dayton, Ohio, nicht restlos geklärt ist. Doch auch der 24-jährige Attentäter hielt sich oft in den sozialen Medien auf. Seine Konten auf Facebook, Twitter und Instagram sind mittlerweile alle gesperrt.

Es handelt sich dabei um ein globales Phänomen. Auch Schweizer reden mit. Im rechtsradikalen 8chan-Forumsbereich namens Heidi schrieb etwa kürzlich ein Nutzer, der sich als Eidgenosse betitelt und für sein Avatar die Schweizer Flagge gewählt hat: «Wir treiben die Isolation sehr weit, wir hassen sogar die Franzosen.» Ihm antwortete ein anderer: «Recht so. Ich bewundere euren Patriotismus.» Worauf der angebliche Schweizer präzisierte: «Ich meine damit natürlich nicht Neger, Araber oder Perser. Das sind keine Franzosen und kommen erst recht nicht rein.» Als Antwort bekommt er diesmal ein Daumenhoch.

Die 15 Millionen Community-Mitglieder von 8chan können auf Hunderte Alternativ-Foren wechseln.

Äusserungen in diesen anonymen Gemeinschaften sind unmöglich an nationale Rassismusgesetze zu binden. In der Regel ist unklar, welcher Rechtsraum überhaupt gilt. Die Site 8chan wurde bei Cloudflare zwar lange auf amerikanischen Servern abgespeichert. Betrieben wird die Site aber von einem 66-jährigen US-Steuerflüchtigen namens Jim Watkins von den Philippinen aus.

Aber selbst wenn es gelingen sollte, 8chan mit gerichtlichen Verfügungen ganz vom Internet zu zwingen, könnten deren heute rund 15 Millionen Community-Mitglieder auf Hunderte Alternativ-Foren wechseln. Das zeigt ein Abgleich der Nutzerschaft von 8chan mit anderen Online-Angeboten. Auf Knopfdruck lassen sich mithilfe des Web-Dienstes Alexa die 100 Websites herausfiltern, die mit 8chan das weltweit ähnlichste Publikum teilen. Für die Messung ausschlaggebend waren die gemeinsamen Besucher einer Website und Schlagwörter, die von den Betreibern der Dienste erfasst werden, damit ihre Angebote von Suchmaschinen gefunden werden.

Die deckungsgleichste Nutzerschaft hat das 8chan-Publikum demnach mit den Diensten 4channel und Yuki. Auf beiden Internet-Foren ist ähnlich verstörender Inhalt zu finden wie auf 8chan. Es ist ein Hinweis darauf, dass die Forenmitglieder auf mehreren Orten gleichzeitig aktiv sind. In der Liste sind auch ganz andere Web-Dienste zu finden. Darunter zum Beispiel Communitys zu japanischen Manga-Comics, das Angebot Know Your Meme, das täglich virale Videos für das Internet produziert, und natürlich sehr viele Porno-Sites.

Auffällig ist der Dienst Patreon.com. Es handelt sich dabei um eine alternative Bezahlplattform. Nutzer können damit anonym zum Patron von anderen Webnutzern werden und sich Geld spenden lassen. Als Gegenleistung erhalten sie etwa Inhalte, die speziell für sie hergestellt werden, Musik, Texte, Bilder. Besonders beliebt sind pornografische Privatvideos.

Patreon soll aber auch in der Vergangenheit von rechtsradikalen Geldgebern benutzt worden sein, um Schläger anzuheuern, um andersfarbigen Menschen aufzulauern. Laut dem Dienst fliessen jeden Monat 2 Millionen US-Dollar von Patronen an Künstler, Autoren, Musiker – und womöglich auch an Schläger.

Die einzigen Nachrichtenangebote, die mit 8chan viele ähnliche Besucher haben, heissen Breitbart und Zero-Hedge. Publikationen mit einem starken Hang nach Rechts, die während des US-Wahlkampfs Verschwörungstheorien in Umlauf gebracht haben. So berichtete Breitbart etwa über die erfundene Geschichte, dass Hillary Clinton in Washington in einem Pizzaladen einen Kinderporno-Ring betrieben habe.

Die UNO hat konkrete Pläne

Mainstream Medien wie CNN, «New York Times» oder BBC sind in der Liste der ähnlichsten 8chan-Sites keine vertreten. Viele 8chan-Nutzer leben folglich in so etwas wie einer digitalen Parallelwelt, umgeben von extremistischem Gedankengut, japanischen Manga-Comics, Gaming-Foren und Porno.

Wenn Donald Trump sagt, es müsse etwas gegen die Hass speienden Internet-Foren getan werden, was meint er dann genau? Das Netzwerk solcher Angebote ist mittlerweile so gross, dass es gar nichts bringt, einzelne Sites auszuschliessen.

Auf der internationalen Ebene am konkretesten wird derzeit die UNO. Sie hat das Thema gar zur Chefsache gemacht. Im Juni listete der UNO-Generalsekretär António Guterres die Empfehlungen höchst persönlich an einer Pressekonferenz auf. Unter anderem: Die Hass speienden Internet-Foren nicht schliessen, sondern systematisch dokumentieren, was dort geschrieben wird; die Urheber von Rassismus oder Frauenfeindlichkeit aus der Anonymität führen und die Opfer identifizieren; und vor allem die durch das Internet fragmentierte Gesellschaft wieder zusammenbringen.

Guterres schloss seinen Bericht mit der Beobachtung ab, dass das Problem von Hass im Internet keines ist, das von den anonymen Plattformen ausgeht, sondern vielmehr von der obersten Politik selber. Er sagte: «Sowohl in liberalen Demokratien als auch in autoritären Regimes bringen einige politische Führer die hasserfüllten Ideen und die Sprache dieser Gruppen in den Mainstream, machen sie normal. Sie vergröbern so den öffentlichen Diskurs und schwächen das soziale Gefüge.»

Wen Guterres damit unter anderem meinte, ist klar: Donald Trump, der nun selber angekündigt hat, gegen die Hass speienden Internet-Foren vorzugehen.

Erstellt: 06.08.2019, 13:02 Uhr

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