«Wir sind die Generation Putin»

Junge Russen haben in ihrem Leben nur einen einzigen Staatsführer kennen gelernt. Warum wehren sie sich nicht mehr gegen ihn? Antworten der 18- bis 25-Jährigen.

Viele junge Russen sind desillusioniert und apolitisch: Jugendliche an einer Massen-Kissenschlacht im russischen Sochi. Foto: Getty Images

Viele junge Russen sind desillusioniert und apolitisch: Jugendliche an einer Massen-Kissenschlacht im russischen Sochi. Foto: Getty Images

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Alexander Chasbijew war fünf Jahre alt, als Wladimir Putin zum ersten Mal als russischer Präsident vereidigt wurde. Mit der privaten Zeremonie zu Beginn des neuen Jahrtausends begann der Aufstieg des einstigen Spions vom nervösen Newcomer zur politischen Weltprominenz.

Im Mai 2018 sass Alexander – damals 24 Jahre alt – bei der jüngsten Amtseinführung des Präsidenten im Publikum; die glanzvolle, im Fernsehen übertragene Zeremonie im Grossen Kremlpalast markierte den Beginn von Putins vierter Amtszeit.

In zwei Jahrzehnten wurde Putin vom anonymen Apparatschik zu einem der mächtigsten Männer der Erde, und Russlands Wirtschaft ist, nach massiven, vom Öl befeuerten Aufschwungphasen und harten Rezessionen, gegenüber dem Jahr 2000 auf mehr als das Sechsfache angewachsen. Das Land ist der Welthandelsorganisation beigetreten, wurde aus der G8 ausgeschlossen, ist in zwei Nachbarländer einmarschiert und war Gastgeber einer Weltmeisterschaft und Olympischer Winterspiele. Putin, inzwischen 67, hatte es mit vier US-Präsidenten zu tun.

«Für mich gab es keine Zeit, in der Putin nicht da war, in der es ihn nicht gab», sagt Alexander, ein Hochschullehrer, der in St. Petersburg lebt und seine Eintrittskarte zur Amtseinführung von Network, einer ProPutin-Jugendgruppe, bekommen hat. «Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie dieses Land ohne ihn als Präsident wäre. Ich glaube, Putin als Politiker, der irgendwann abtreten wird, ist das eine; aber das System, das er geschaffen hat, wird bleiben», sagt er. «Zumindest hoffe ich das.»

Fünfzig Junge befragt

Alexander ist nicht der Einzige, der so fühlt. Eine ganze Generation von Russen – etwa vierzig Millionen Menschen – wurde in ein politisches System geboren, das sich um einen einzigen Mann dreht. Diese Generation Putin, die jungen Menschen, die unter ihm aufwuchsen, sind nun Erwachsene. In den letzten Monaten haben wir fast fünfzig von ihnen befragt, alle zwischen 18 und 25 Jahren, aus Moskau, St. Petersburg, Sibirien und dem Rest des Landes. Putins Kreml hat es darauf angelegt, eine Generation zu formen, die der Politik gegenüber weitgehend taub ist. Mittel, um dies zu erreichen, sind die Unterdrückung von Oppositionsbewegungen, schwere mediale Propagandageschütze und der Personenkult um Putin.

Besucher der Ausstellung «Superputin» im Dezember 2017 in Moskau. Foto: Maxim Shemetov, Reuters

Für Millionen Russen war der einzige Führungswechsel in ihrem Leben ein kosmetischer – ein von Putin arrangierter Jobtausch, bei dem er das Land zwischen 2008 und 2012 als Premierminister regierte, bevor er als Präsident zurückkehrte. Seine Zeit an der Spitze des Landes ist die zweitlängste nach Josef Stalins 31-jähriger Herrschaft über die Sowjetunion; seine Partei «Einiges Russland» hatte nie weniger als 238 Sitze im 450-köpfigen Parlament.

Fast alle Russen, mit denen wir gesprochen haben, erkennen den unausgesprochenen Vertrag an, den ihnen das Putin-Regime aufgezwungen hat: soziale Stabilität und wirtschaftlichen Fortschritt zum Preis eingeschränkter demokratischer Rechte. Viele bekundeten Unterstützung und Bewunderung für den einzigen politischen Führer, den sie kennen. Andere dagegen sind wütend auf den Mann, der länger regiert hat, als sie auf der Welt sind, und der ein System geschaffen hat, in dem sie sich zunehmend machtlos fühlen.

Von den Eltern und dem Kreml wurde ihnen eingetrichtert: Machtwechsel sind verbunden mit Hunger und Leid.

Putins schlagendes Argument gegenüber Wählern aller Generationen ist einfach: Er ist der Mann, der das Chaos der 1990er-Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beendet, der Gesetzlosigkeit und Instabilität durch einen soliden Staat und durch Wirtschaftswachstum ersetzt hat. Oder wie Witja, ein 24-Jähriger aus Zentralsibirien, es ausdrückt und dabei ein Mantra wiederholt, das ihm von den Eltern und dem Kreml eingetrichtert wurde: «Machtwechsel sind für uns verbunden mit Hunger und Leid.»

Die einen Wechsel wollen, haben gemerkt, dass sie nicht nur gegen die Macht des Kreml und die Knüppel der Polizei ankämpfen müssen, sondern auch gegen die Apathie, die unter der grossen Mehrheit ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger verbreitet ist – einer Generation, die systematisch zu politischer Gleichgültigkeit erzogen wurde. «Wir sind in diesem System geboren, und dieses System ist in unseren Köpfen. Das macht es sehr, sehr schwierig, auch nur daran zu denken, dass man es ändern könnte», sagt Maria, 21, aus Taganrog am Asowschen Meer.

Russlands Wirtschaft ist zwischen 1991 und 1999 um sechzig Prozent geschrumpft – ein grösserer Rückgang als während des Zweiten Weltkriegs. Unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin fiel das Land in eine nationale Depression, war der Verlierer des Kalten Krieges und nicht mehr der mächtige globale Akteur, für den es sich immer gehalten hatte.

Mit dem starken Führer kam Geld aufs Konto

Die Propaganda stellt Putin dagegen als Spender jenes Geldsegens dar, den die Versechsfachung des Ölpreises zwischen 1998 und 2008 mit sich brachte – sie trieb Russlands Einnahmen aus Energieexporten massiv in die Höhe. Dieser Erzählung zufolge sind mit Jelzin auch seine Oligarchenkumpane gegangen und wirtschaftliche Unsicherheit und innere Unruhen verschwunden. Stattdessen kamen ein starker, verlässlicher Führer und mit ihm Bargeld auf dem Konto sowie Einkaufszentren, in denen eine neu entstandene Mittelschicht Zara-Jeans kaufen, Nike-Turnschuhe probieren und bei KFC frittiertes Poulet essen konnte.

«Ich komme aus einer Soldatenfamilie, bin in einer Garnisonsstadt aufgewachsen. Ich erinnere mich an die TV-Übertragung [von Putins Amtseinführung im Jahr 2000] und an die Atmosphäre der Erwartung, an den Wunsch nach Veränderung in meiner Familie», sagt Alexander. «Meine beiden Eltern waren Offiziere, sie hatten seit einem halben Jahr keinen Lohn mehr bekommen. Ihr ganzes Umfeld hatte das Gefühl, vom eigenen Land verraten worden zu sein. Als Wladimir Putin antrat, hatten sowohl meine Mutter als auch mein Vater so grosse Hoffnungen, dass sich etwas ändern würde. Und dies ist ja auch geschehen. Es hat sich alles zum Besten gewandelt. Wenn du heute in Russland etwas erreichen willst, kannst du es schaffen. Diese Freiheit haben wir zum ersten Mal in der Geschichte unseres Landes», sagt er. «Wir sind die glücklichste Generation der russischen Geschichte.»

Vor 2014 waren nur wenige anderer Meinung. Russlands Wirtschaft blühte im ersten Jahrzehnt der Putin-Herrschaft auf, der Lebensstandard verbesserte sich merklich. Die Zahl der Uni-Absolventen stieg um fünfzig Prozent, und die Arbeitslosigkeit der unter 25-Jährigen sank um ein Viertel. Überall eröffneten Cafés und Bars, europäische und amerikanische Marken überschwemmten das Land für die erste Generation von Russen, die problemlos Zugang zur westlichen Kultur bekam und weltweit reisen konnte.

«Die Generation junger Russen heute ist die glücklichste seit 1991», sagt Eduard Ponarin, Professor für Soziologie an der Higher School of Economics in Moskau. «Sie ist, ganz generell, happy, unpolitisch und nationalistisch. Politik erscheint den meisten als nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste. Es müsste etwas Dramatisches oder sehr, sehr Schlimmes passieren, um sie zu politisieren.»

Der doppelte Schock von 2014

Doch eine neue, nüchternere wirtschaftliche Realität bestimmte die zweite Periode von Putins Präsidentschaft. 2014 erlitt Russland einen doppelten Schock: den Einbruch des Ölpreises, der eine kurze Rezession und einen fünfzigprozentigen Wertverlust des Rubels auslöste; und die Verhängung westlicher Sanktionen als Reaktion auf Moskaus Annexion der Krim. Seither geht es mit Russlands Wirtschaft abwärts. Die Realeinkommen sind in fünf der letzten sechs Jahre gesunken. Die Jugendarbeitslosigkeit in Russland war 2018 mehr als dreimal so hoch wie die Arbeitslosigkeit insgesamt, im Jahr 2000 war sie nur doppelt so hoch. Eine im Oktober durchgeführte Studie des Levada Center – Russlands einziges unabhängiges Meinungsforschungsinstitut – ergab, dass 53 Prozent der 18- bis 24-Jährigen das Land verlassen wollen, der höchste Stand seit 2009. Für diesen Teil der Putin-Generation ist der Gesellschaftsvertrag des Präsidenten gescheitert.

Vom Moskauer Architekturmuseum, wo er arbeitet, kann Wassili die hohen Mauern des Kreml sehen. Er ist nur ein paar Hundert Meter entfernt, aber es könnten genauso gut Hunderte Kilometer sein. «Das sind zwei Welten; die, in der ich lebe, und die mit den Wagenkolonnen und dem Blaulicht», sagt der 23-Jährige, der in St. Petersburg aufgewachsen ist.

Wie viele, mit denen wir sprachen, wollte auch er nicht, dass sein Nachname öffentlich wird, aus Angst vor Repressalien. «Einerseits verstehe ich, dass mich diese [politische] Welt betrifft», sagt er. «Aber andererseits wirkt sie auf mich nur wie eine Art Spiel.»

Wassili hat nur einmal in seinem Leben gewählt, bei einer kleinen Stadtratswahl, und das auch nur, weil ein Freund kandidierte. «Ich diskutiere nicht wirklich über Politik, weil ich nicht viel davon verstehe. Sie interessiert mich nicht, und sie verstärkt mein Gefühl der Entfremdung», sagt er. «Ich weiss, dass wir Probleme haben und dass wir uns in mancherlei Hinsicht in die falsche Richtung bewegen, aber wenn es dir gut geht, hast du keine Lust, etwas zu verändern. Viele meiner Freunde würden mich für das, was ich gerade gesagt habe, umbringen – [sie sagen,] wir müssen eine Zivilgesellschaft aufbauen. Aber solange mich mein Leben nicht an den Rand des Abgrunds treibt, will ich nicht handeln – denn das macht mehr Ärger, als es mir wert ist.»

Viele kritisieren, niemand tut etwas

Unter ihren Freunden in Tomsk, einer mittelgrossen Stadt in Zentralsibirien, gebraucht die 19-jährige Irina einen gängigen Ausdruck für Leute, die sich gerne über Putin beschweren, aber Angst davor haben, selbst etwas zu unternehmen: divannyje kritiki – Sofakritiker. «Viele Leute kritisieren, aber niemand tut etwas», sagt sie. «Die Haltung ist, dass alle in der Pflicht sind, aber als Einzelner will man nichts tun. Sie denken: ‹Was kann ich allein verändern?› Also geben sie auf. Wenn man auf einer Party ist, wirkt es seltsam, wenn man über Politik diskutieren will, also versuchen wir es gar nicht erst», sagt sie. «Ich bin auch zu jung, um politische Probleme zu lösen. Ich habe meine eigenen Probleme.»

Wassili und Irina sprechen für viele. Zwei Drittel der russischen Schüler sagen laut einer Umfrage von letztem Oktober, dass sie kein Interesse an Politik haben. Das Leben unter einem einzigen Präsidenten hat die jungen Leute «nicht pro-Putin oder anti-Putin gemacht, sondern desinteressiert», sagt ein hoher Beamter, der im Kreml gearbeitet hat. «Es ist offensichtlich, das Politik umso attraktiver wird, je mehr Konkurrenz herrscht, egal ob zwischen Parteien oder Einzelpersonen. Und Mangel an Wettbewerb macht Politik weniger attraktiv, besonders für junge Leute. Strategisch gedacht, macht das die Jugend für Machthaber weniger gefährlich», sagt er. «Mangel an Wettbewerb macht die Menschen in jedem Bereich dümmer – in der Wirtschaft wie in der Politik. Darüber kann sich freuen, wer das Monopol hat.»

Putin geniesst sicherlich sein Monopol. Von den Parlamentssitzen, die nicht von «Einiges Russland» besetzt sind, werden fast alle von Abgeordneten der «systemischen Opposition» eingenommen, einem Netzwerk scheinbar unabhängiger Parteien, die vom Kreml Geld oder Weisungen erhalten. Diese Parteien dienen als Ventil des Wählerzorns nach unbeliebten Entscheidungen der Regierung. Noch übler ist, dass sie verärgerte Wähler aufnehmen, die sich sonst vielleicht einer echten Opposition angeschlossen hätten. Der Mann, der wie kein anderer versucht, die Opposition zu einer Bewegung zu machen, ist Alexei Navalny. Der 43-jährige Anwalt, der nationale Berühmtheit erlangte, nachdem er 27 Prozent der Stimmen bei der Moskauer Bürgermeisterwahl im Jahr 2013 erhalten hatte, nutzt investigative Recherchen über Korruption unter hochrangigen Politikern dazu, die Wut auf das Regime anzufachen.

Youtube spielt eine wichtige Rolle

Er versucht auch, die Generation Putin bei Demonstrationen und an den Wahlurnen zu mobilisieren. Jungen Leuten auf der Suche nach Anti-Putin-Medien bleiben praktisch nur seine Postings und die Social-Media-Kanäle einiger weiterer Oppositionsfiguren, darunter auch Rapper. Die Youtube-Kanäle von Navalny haben mehr als 4,4 Millionen Abonnenten – meistens junge, urbane Russen.

Ein Schüler aus Kemerowo im Herzen des sibirischen Kohlegebiets erinnert sich, dass Offiziere des FSB, des russischen Inlandsgeheimdienstes, in seine Schule kamen und dem Schulleiter befahlen, den Schülern zu verbieten, die Social-Media-Seiten von Navalny zu abonnieren. «Ich habe nicht einmal nach Informationen über Navalny gesucht, weil ich weiss, dass ich deswegen ins Gefängnis zu kommen kann», sagt er. «Die Leute reden über solche Übergriffe nicht – und jeder akzeptiert die Situation, wie sie ist.»

Viele, mit denen wir gesprochen haben, sagten, dass sie die Aktionen Navalnys nicht unterstützen, weil sie die Märsche und Proteste, die oft in Polizeiaggression und Massenverhaftungen enden, für vergeblich und unproduktiv halten. «Ich bin mit meinem Bruder und einigen Freunden zu den Navalny-Treffen gegangen», sagt Wassili. «Ich mag seine Methoden nicht, sie sind unschön. Er und seine Leute gehen zu aggressiv vor.»

Junge werden durch persönliche Erlebnisse mobilisiert

Die Ereignisse des letzten Sommers, bei denen bis zu 60 000 Menschen an den wöchentlichen Kundgebungen in Moskau teilnahmen, waren die grössten anhaltenden Demonstrationen in Russland seit den Protesten auf dem Bolotnaja-Platz, die 2011 begannen. Aber die jungen Russen, die damals der extremen Kälte und brutalen Polizeikampfmassnahmen trotzten, um gegen mutmassliche Wahlfälschung bei den Parlamentswahlen zu demonstrieren, mussten zusehen, wie ihre Bewegung versandete, während die Regierung hart und im Amt blieb.

Diese Erfahrung hat, so hörten wir von mehreren Gesprächspartnern, viele so zermürbt, dass sie darum an den Protesten im vergangenen Sommer gar nicht erst teilnahmen.

Sogar Xenia Sobtschak, 38, eine Fernsehgrösse und Schlüsselfigur bei den Bolotnaja-Protesten, die 2018 auch gegen Putin kandidierte, sagt, es könne klüger sein, «im Schatten zu bleiben». «Die Leute werden müde, sie können nicht immer wieder herauskommen und protestieren», sagt sie. «Sie wollen zu Hause bleiben, den Abend mit ihrer Freundin verbringen, ins Kino gehen. Ich kann nicht erwarten, dass jedes Mal Tausende an meiner Seite stehen.»

«Ich finde Proteste gut, das ist Demokratie», sagt Irina. «Aber wenn Polizeikräfte diese Proteste unterdrücken, ist das auch gut. Denn wenn es keine Unterdrückung gibt, dann wird Chaos herrschen. Also zwei Seiten einer Medaille.»

Seit 2011 haben Navalny und andere Aktivisten in lockerer Folge Proteste gegen Putin und sein Regime organisiert, manchmal aus Anlass neuer Korruptionsenthüllungen. Es kamen jeweils ein paar Tausend Menschen mit Transparenten, die unter schwerer Polizeipräsenz durch das Zentrum von Moskau marschierten. Keiner dieser Märsche hatte grössere Auswirkungen.

Aber letzten Sommer änderte sich etwas, als eine Protestwelle durch das Land rollte, die sich gegen bestimmte Aktionen der Behörden richtete, oft angeführt von politisch engagierten jungen Menschen. Im Juni 2019 verhafteten Polizisten in Moskau auf offener Strasse Iwan Golunow, einen 36-jährigen Journalisten, der über Polizeikorruption recherchierte. Nach einer Wohnungsdurchsuchung wurde er wegen Drogenbesitzes angeklagt, in der Haft geschlagen und ihm anfangs ein Anwalt verweigert. Seine Verhaftung löste sofort eine Reaktion aus. Die drei grössten Qualitätszeitungen Russlands haben aus Protest identische Titelseiten veröffentlicht. Führende Medienvertreter und Oppositionelle verurteilten die Polizei. Und vor dem Moskauer Polizeipräsidium begannen die Menschen mit Ein-Mann-Protesten.

Für Dascha Kurowa, 22, eine Filmstudentin aus Wolgograd, war es das erste Mal, dass sie fand, sie müsse Stellung beziehen. «Ich bin kein Protestler. Wenn draussen Demonstrationen stattfinden, sitze ich lieber zu Hause und schaue mir den Livestream an: eine Sofakritikerin», sagt sie. «Aber in diesem Sommer habe ich so viele Dinge gesehen, die ich nicht verstehen konnte. Ich war schockiert. Und ich hatte das Gefühl, dass ich wirklich etwas tun musste.»

Dascha war am Tag von Golunows Freilassung vor dem Polizeigebäude; gegen die Verantwortlichen, welche die Anklagen konstruiert hatten, wurde ermittelt. Kurz darauf demonstrierte sie wieder, diesmal vor der Präsidialverwaltung, nachdem die Polizei im Zuge einer Aktion gegen Proteste, die sich gegen das Verbot der Kandidatur von Oppositionskandidaten bei Kommunalwahlen in Moskau richteten, den 23-jährigen Schauspieler Pawel Ustinow verhaftet hatte. Die Verhaftung Ustinows, der gar nicht an den Demonstrationen teilgenommen hatte, durch maskierte, mit Schlagstöcken bewaffnete Spezialkräfte wurde zum Auslöser der Proteste gegen einen Sommer der Polizeibrutalität. «Sie haben einen Schauspieler verhaftet. Ich mache Filme. Vielleicht könnte auch mir etwas zustossen», sagt Dascha. «Mir wurde klar, dass ich vielleicht unrecht hatte, als ich mich von allem unbeteiligt gab.»

Viele junge Russen erzählten, sehr konkrete Fälle, bei denen der Staat Einfluss auf ihr Leben nahm, seien der Auslöser für sie gewesen seien, gegen Putin Stellung zu beziehen. Korruption und Autokratie der Elite schienen sie zu tolerieren, wütend wurden sie erst bei staatlichen Übergriffen, mit deren Opfern sie mitfühlen konnten oder die ihr eigenes Leben direkt betrafen.

«Die junge Generation in Russland ist weitgehend desinteressiert an Politik, an dem System und daran, was es repräsentiert», sagt Tatjana Stanowaja, Gründerin von R. Politik, einem Institut für politische Analyse. «Aber die Jugend ist sensibel für jeden Eingriff des Staates in ihren persönlichen Raum. Wenn jemand versucht, zum Beispiel Social Media zu zensieren, werden sie wütend und mischen sich ein.»

Auch Richard Burakow, ein 25-jähriger Masterstudent, wurde von den Protesten des letzten Sommers erfasst. «Zum ersten Mal seit langem protestierte ich wieder. Das war für mich keine politische Sache für Navalny oder seine Verbündeten. Wir sind nicht für eine bestimmte Person auf die Strasse gegangen, sondern für eine Idee von Freiheit», sagt er. «Sehr unterschiedliche Leute sind da zusammengekommen. Menschen, die sich vorher nicht auf Proteste einlassen wollten, auch wenn sie gegen Putin waren.»

Fehlende Vorbilder für liberale Russen

Als Sohn russischer Eltern in Italien geboren und in Sibirien aufgewachsen, beklagt Richard den Mangel an alternativen Vorbildern für junge, liberale Russen. «Dies ist die Realität: Wir sind die Generation Putin. Ich weiss absolut, dass er mich als Person geprägt hat, auch wenn mir das nicht gefällt. Es ist eine Tatsache.»

«So viele Dinge in diesem Land laufen falsch, wegen der Verantwortlichen an der Spitze, die alles kontrollieren», sagt er mit Blick auf Korruption und Oligarchen. «Diese Leute werden auch noch da sein, wenn Putin geht. Das ist das Problem: Es gibt ein System. Die Jüngeren sind heute furchtloser und prinzipientreuer als früher. Sie wissen, dass sie verhaftet werden könnten, wenn sie auf die Strasse gehen, aber sie tun es trotzdem. Diese junge Generation hat nichts zu verlieren. Die Generation meines älteren Bruders, meine Eltern – sie haben viel zu verlieren: Alles, was sie in den 2000ern während des Wirtschaftsbooms verdient oder eingesammelt haben.»

Junge Menschen, die während der Moskauer Proteste letzten Sommer verhaftet wurden, sagten, sie hätten ihre Mobiltelefone aus den Fenstern der Polizeistationen geworfen, um die Polizisten daran zu hindern, die Geräte zu konfiszieren und zu durchsuchen. Oft kamen ihre Eltern, um die Handys aus den Büschen zu fischen, während die Jugendlichen die Verhöre über sich ergehen liessen, nach denen sie nur Verwarnungen und kleine Geldstrafen bekamen.

«Vielleicht erzählen Putins Leute ihm nichts. Vielleicht denkt er, dass er in einem perfekten Land lebt. Vielleicht weiss er nicht, was vor sich geht», sagt Dascha. «Ich liebe mein Land. Ich will hier bleiben. Ich will hier Filme machen. Aber warum? Warum ist Russland so?»

Viele westliche Politiker und Pro-Demokratie-Aktivisten hoffen seit langem, dass eine junge, liberale Bewegung das Putin-Regime erschüttern und die Zukunft Russlands verändern könnte. Aber damit unterschätzen sie junge Russen wie Diana Alumjats, die mit dreizehn Jahren (offiziell ein Jahr zu jung) in die Jugendorganisation von Putins Regierungspartei «Einiges Russland» eingetreten ist.

Die «Junge Garde» der Regimetreuen

Heute ist sie 21 Jahre alt und eine aktive Organisatorin in der «Molodaja Gwardija», der «Jungen Garde». Die Gruppe ist eine Initiative des Kreml, um junge Menschen einzufangen, die von einer politischen Elite desillusioniert sind, in der viele leitende Funktionen seit 2012 immer von denselben Personen besetzt sind.

«Typischerweise hört man solche Klagen von Leuten, die nichts tun. Die rumsitzen und fernsehen und sich beschweren, dass nichts getan wird und nichts sich bessert. Typischerweise tun junge Leute, die im Internet alles beklagen, selbst gar nichts», sagt Diana. «Wenn Putin geht, werden die Menschen und das System, das er geschaffen hat, immer noch da sein. Es wird nicht alles völlig anders sein, hoffe ich.»

Die iMacs in den Büros von Molodaja Gwardija – in einer umgebauten Textilfabrik neben dem russischen Regierungshauptquartier – sollen das Gefühl des Fortschritts vermitteln, das seine Mitglieder mit Putin verbinden. Rund 170 000 Russen im Alter von 14 bis 35 Jahren gehören heute der Jungen Garde an; 2000 von ihnen wurden im vergangenen Sommer zu Gemeinderäten gewählt.

«Wir wurden in diese Situation, in diese Umstände hineingeboren», sagt Diana, die an der Universität studiert. «Meine Eltern reden nicht viel über die politische Situation der 1990er-Jahre. Sie reden über die sozialen Probleme, die es gab, über die Nahrungsmittelknappheit. Und darüber, wie die Dinge anfingen, sich zu verbessern.» Sie erinnern sich an eine harte Zeit, die sie durchlebten. Putin hat das alles geändert.

«Wir wollen jungen Menschen vermitteln, dass es in der Politik darum gehen kann, Dinge möglich zu machen», sagt sie. «Wir gehen nicht in Schulen und sagen, dass alle Einiges Russland wählen sollen.»

Analysten sagen, dass Gruppen wie Molodaja Gwardija einerseits eine Antwort auf Navalnys Erfolg in den sozialen Medien sind. Sie zeigten aber auch, dass der Kreml erkannt hat, dass seine Strategie, Politik langweilig zu machen, ihm zwar geholfen hat, seine Macht zu stützen, dass er damit aber auch den Anschluss an die sich ändernden gesellschaftlichen Trends verloren hat. Ein Kreml-Beamter sagt, Putins Strategen hätten ihm geraten, endlich Online-Plattformen wie Periscope und Instagram zu nutzen.

Putins vierte Amtszeit als Präsident endet 2024. Die Verfassung in ihrer jetzigen Form verbietet ihm eine erneute Kandidatur bis 2030, er wäre dann 77 Jahre alt. Zuletzt hat er sich für eine Stärkung der Rolle des Parlaments ausgesprochen, was einige als Hinweis darauf verstehen, dass er wieder Premierminister werden könnte.

Die Herausforderung für junge Russen, die ein Ende von Putins Regime wollen, ist gross: Sie müssen sich vereinigen und eine nachhaltige Bewegung aufbauen, die eine Alternative bieten könnte; und sie müssen ihre apathischen Landsleute überzeugen, dass Wandel nicht automatisch Chaos bedeuten muss.

«Wir müssen Dinge ändern»

«Wir haben eine Perspektive, die unsere Eltern nicht haben», sagt Dascha. «Aber es gibt Millionen von Menschen, die auf dem Land oder in kleinen Städten leben und denken: ‹Mir geht es jetzt gut. Ich will nichts ändern, denn alles andere könnte schlimmer sein.› Früher war ich auch so», sagt sie. «Aber nach diesem Sommer ist mir klar, dass wir einige Dinge ändern müssen.»

«Ich nehme wahr, dass es viele junge Leute gibt, die zwar nicht unbedingt protestieren, aber doch nicht einverstanden sind mit dem, was in diesem Land geschieht», sagt Richard. Seine Eltern rieten ihm auszuwandern, aber das wollte er nicht.

«Zum ersten Mal seit langem denken die Leute: ‹Was kann ich tun, damit sich die Dinge ändern?› Sie könnten zu einer kritischen Masse werden, die alles in diesem Land verändert, wenn Putin geht.» Richard macht eine Pause. «Und hoffentlich tut er das.»

Aus dem Englischen von Sven Behrisch. Henry Foy leitet das Büro der «Financial Times» in Moskau. © Financial Times 2020

Erstellt: 01.02.2020, 19:35 Uhr

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