100'000 Dollar für eine Staatsbürgerschaft

Winzige Karibikstaaten vergeben Staatsbürgerschaften an Personen, die noch nie im Land waren. Gegen eine kleine Spende, versteht sich. Einige der Pässe sind auch Eintrittskarten in die Europäische Union.

Unbekannte Hauptstadt: Roseau auf der Karibikinsel Dominica.

Unbekannte Hauptstadt: Roseau auf der Karibikinsel Dominica. Bild: Wikimedia Commons/Hans Hillewaert

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Viele Staaten in der Karibik bieten Reisepässe – im Gegenzug für überschaubare Investitionen in ihrem Land. Zielgruppe sind vor allem Menschen aus Krisenregionen. Das Geschäft boomt. Aber es gibt auch Angst vor Missbrauch.

Hadi Mesawi hat noch nie einen Fuss auf das Staatsgebiet der Inselrepublik Dominica gesetzt. Er hat weder die Regenwälder gesehen noch die Strände mit schwarzem Sand. Trotzdem ist er vor kurzem Staatsbürger des Landes geworden.

Dubai nie verlassen

Ohne seinen Wohnort Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten jemals zu verlassen, hat der Palästinenser seinen druckfrischen dominicanischen Reisepass erhalten. Dafür hat er rund 100'000 Dollar an den karibischen Inselstaat gespendet, der am anderen Ende der Welt liegt.

«Am Anfang hatte ich etwas Bedenken, dass es sich um einen Schwindel handelt. Aber alles lief dann so glatt und einfach. Und jetzt bin ich Dominicaner», sagte Mesawi, der wie viele Palästinenser nicht als Staatsbürger eines Landes anerkannt wird. Der Reisepass werde ihm helfen, wenn er für seinen Arbeitgeber, einen brasilianischen Lebensmittelkonzern, auf Reisen sei, sagt er.

Nachfrage angekurbelt

Die prekäre Lage in Nahost und in Nordafrika hat die Nachfrage nach zweiten Pässen für unbeschwertes Reisen oder auch für eine Fluchtmöglichkeit aus dem Heimatland enorm angekurbelt. Als Gegenleistung für die neue Staatsbürgerschaft wird eine ordentliche Spende erwartet. Nirgendwo läuft dieser Deal einfacher und schneller als in den winzigen Karibikstaaten Dominica und St. Kitts und Nevis.

Die Nachfrage ist so gross, dass eine Firma mit Sitz in Dubai ein zehn Quadratkilometer grosses Areal auf St. Kitts errichtet, wo Investoren gleichzeitig Eigentum und Staatsbürgerschaft erwerben können. Im ersten Schritt sollen etwa 375 Anteilseigner einen Reisepass erhalten, wenn sie 400'000 Dollar (knapp 369'000 Franken) in das Projekt investieren, das auch ein 200-Zimmer-Hotel und einen Hafen für Luxusjachten umfassen soll. Andere Investoren werden ihre Ausweise erhalten, wenn sie eine der 50 Eigentumswohnungen kaufen.

Wohnung plus Staatsbürgerschaft

«Je mehr sie da drüben kämpfen, je mehr politische Probleme sie haben, desto mehr Anfragen bekommen wir», sagt Victor Doche, Geschäftsführer einer Firma, die vier Projekte mit Wohnungen anbietet, bei denen die jeder Käufer die Staatsbürgerschaft im Zwergstaat St. Kitts dazu bekommt, das nicht einmal halb so gross wie die amerikanische Hauptstadt Washington ist.

»Investoren-Visa» oder sogenannte Staatsbürgerprogramme gibt es auch in vielen anderen Staaten – etwa in den USA, in Kanada, Grossbritannien oder Österreich. Doch nirgendwo geht es schneller und preisgünstiger als in den Karibikstaaten. Der gesamte Prozess dauert auf St. Kitts weniger als 90 Tage. Und es besteht keine Verpflichtung, jemals in dem Land zu wohnen oder es auch nur zu besuchen.

Billiger als in den USA

Mit einer Spende in Höhe ab 250 000 Dollar an eine Rentenstiftung für Zuckerrohr-Plantagenarbeiter oder einem Immobilienkauf ab 400'000 Dollar ist man in St. Kitts dabei. In Dominica beträgt die Mindestspende sogar nur 100'000 Dollar.

Ein verschwindend geringer Aufwand im Vergleich etwa zu den USA, wo man etwa ein Visum erst bekommt, wenn man mindestens eine Million Dollar in ein Unternehmen steckt, das zehn oder mehr Beschäftigte hat. Der Investor kann dann nach zwei Jahren eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung beantragen und sich nach fünf weiteren Jahren um die Staatsbürgerschaft bewerben. In Kanada war die Nachfrage zuletzt so hoch, dass das Land seit Juli keine neuen Bewerbungen mehr annimmt.

Ohne Visum in die EU

Mit einem dominicanischen Reisepass kann man ohne Visum in 50 Staaten der Erde reisen, mit Papieren aus St. Kitts sind es sogar 139 Länder, darunter die gesamte Europäische Union. Das ist eine verlockende Option für Menschen, die aus Ländern mit Reisebeschränkungen kommen oder der Ausweise bei Ein- und Ausreise stets Argwohn erwecken.

Kritiker monieren, dass die Programme die nationale Integrität der Länder unterwandern. Zudem gebe es Sicherheitsrisiken. Auch wenn bislang kein Fall bekannt ist, in dem Terroristen der Programme bedient haben, so besteht doch zumindest die Möglichkeit des Missbrauchs.

Kanada etwa hat vor zehn Jahren die Visa-Pflicht für dominicanische Staatsbürger eingeführt, nachdem immer wieder Kriminelle mit Dokumenten des Inselstaats eingereist waren.

Iraner nicht mehr zugelassen

Auch auf St. Kitts gibt es mittlerweile Beschränkungen. Im Dezember 2011 schloss das Land sein Programm für iranische Staatsangehörige, nachdem iranische Studenten die britische Botschaft gestürmt hatten. Bis dahin waren Iraner eine der grössten Bewerbergruppen, wie Geschäftsführer Doche berichtet.

Trotzdem prüfen mittlerweile auch andere Karibikstaaten das Staatsbürgerschafts-Modell von St. Kitts. Antigua und Barbuda etwa hat gerade sein eigenes Programm gestartet, um sich so eine neue Einnahmequelle zu erschliessen. Und auch auf Grenada erwägt man eine Wiederaufnahme des Programms, das nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ausgesetzt wurde – aus Angst vor Missbrauch durch Terroristen.

Hadi Mesawi, der Palästinenser aus Dubai, sagt, er treffe immer wieder andere Besitzer eines dominicanischen Reisepasses. Meistens seien es Menschen iranischer und palästinensischer Herkunft. «Nach dem Arabischen Frühling ist es für uns deutlich schwieriger geworden, ungehindert in der Welt herumzureisen – sogar in der arabischen Welt. Aber als Bürger Dominicas läuft es viel besser für uns.»

Erstellt: 14.02.2013, 23:46 Uhr

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