1000 Tage im Amt – und nur Ärger

Selbst seine Republikaner geisseln Donald Trumps Syrien- und Türkei-Politik. In Washington ist eine veritable Meuterei ausgebrochen.

Erklärung vor dem Weissen Haus: Donald Trump muss seine Politik rechtfertigen. Foto: Chip Somodevilla (Getty Images)

Erklärung vor dem Weissen Haus: Donald Trump muss seine Politik rechtfertigen. Foto: Chip Somodevilla (Getty Images)

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An diesem Mittwoch war Donald Trump genau 1000 Tage im Amt. Amerika und die Welt haben sich in dieser Zeit an viele Dinge gewöhnt, von denen man nicht erwartet hätte, dass der Präsident der Vereinigten Staaten sie denkt, geschweige denn sagt oder tut.

Aber Trump ist Trump. Und so war es wohl nur folgerichtig, dass der Jubiläumstag mit der Frage endete, ob der Präsident die Vorsitzende des Abgeordnetenhauses nun als «drittklassige Politikerin» oder als «Drittklässler-Politikerin» beschimpft hatte, als third-rate oder third-grade. Unstrittig war hingegen, dass Trump Nancy Pelosi bei einem Treffen im Weissen Haus so angepflaumt hatte, dass sie aufstand und ging. Später, als sie mit Journalisten redete, liess sie das Wort «Kernschmelze» fallen. Ein ganz normaler Tag im Washington des Donald J. Trump also.

Demütigung im Kongress

Pelosi war zu Trump gekommen, um über Syrien zu reden. Der Präsident hat mit seiner Entscheidung, die amerikanischen Truppen von der syrisch-türkischen Grenze abzuziehen und damit de facto den Weg für den Angriff der Türkei auf die Kurden frei zu machen, eine veri­table Meuterei in Washington ausgelöst. Nicht nur die Demokraten werfen dem Präsidenten vor, Amerikas kurdische Waffenbrüder verraten und einen gigantischen strategischen Fehler gemacht zu haben. Auch die meisten Republikaner denken so, selbst enge Vertraute des Präsidenten.

Das ärgert Trump masslos. Aber es freut Pelosi, weswegen sie Trump bei dem Treffen auch dezidiert darauf hinwies, dass das Abgeordnetenhaus den Rückzug in einer Resolution mit 354 zu 60 Stimmen missbilligt hatte. Das wiederum bedeutete: Auch mehr als zwei Drittel der 197 republikanischen Abgeordneten hatten gegen ihren Präsidenten votiert, mehr als je zuvor bei einer Abstimmung im Kongress. Als Trump von dieser ­Demütigung hörte, bekam er – siehe oben – einen Wutanfall.

Trump versichert, der Abzug sei ein «brillantes Manöver» gewesen, die Kurden seien auch «keine Engel».

Trump und Syrien – das ist eine komplizierte Geschichte. Denn einerseits ist der Präsident ganz offensichtlich nach wie vor der Ansicht, dass der Rückzug der amerikanischen GI von der Grenze richtig war. Zumindest sagt er das öffentlich so.

Der Abzug sei ein «brillantes» Manöver gewesen, versicherte Trump am Mittwoch gleich bei mehreren Auftritten mit dem ­italienischen Präsidenten Sergio Mattarella. Kurden, Syrer, Türken, die kämpften doch schon seit Jahrhunderten miteinander, dozierte er. Und die Kurden, die Amerika zwar im Krieg gegen die Kopfabschneider des Islamischen Staats prima geholfen ­hätten, seien schliesslich «keine Engel». Es sei auch nicht die ­Aufgabe der Amerikaner, Syrien gegen einen Angriff durch die Türkei zu verteidigen, sagte Trump.

«Seien Sie kein Narr!»

Sein Fazit klang daher weniger wie das des Präsidenten der einzigen echten Supermacht, sondern mehr wie das des selbstzufriedenen Bürgers aus dem Osterspaziergang im «Faust»: Wenn da irgendwo weit hinten die Völker aufeinanderschlagen, dann gehe das Amerika nichts an, so Trump. Von ihm aus könnten sich die Russen darum kümmern. «Es gibt dort viel Sand, mit dem sie spielen können.»

Andererseits aber dämmert Trump offenbar doch, dass der Abzug seiner Soldaten keine uneingeschränkt gute Idee war. Der Wahlkämpfer Trump will zwar von seinen Anhängern dafür gelobt werden, dass er Amerikas «dumme, endlose Kriege» im Nahen Osten beendet und die Soldaten heimholt. Aber der Präsident Trump will doch vermeiden, für die blutigen und geopolitisch riskanten Folgen dieses Abzugs verantwortlich gemacht zu werden – in diesem Fall für den türkischen Einmarsch in ­Syrien. Sonst hätte Trump wohl nicht seinen Vizepräsidenten Mike Pence und seinen Aussenminister Mike Pompeo nach Ankara fliegen lassen.

Es war keine leichte Aufgabe für die beiden, aber es gelang ihnen in mehrstündigen Gesprächen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan dazu überreden, die Invasion zu stoppen. Daheim in Washington stand unterdessen ihr eigener Chef ja vor den Medien und verkündete, dass ihm Kurden, Syrer, Türken und Russen eigentlich allesamt egal seien.

Um die Verwirrung perfekt zu machen, verteilte das Weisse Haus praktisch gleichzeitig voller Stolz Kopien eines Briefs, den Trump am Mittwoch voriger Woche an Erdogan geschrieben hatte. Darin hatte er in einer für den diplomatischen Schriftverkehr durchaus ungewöhnlichen Wortwahl an die Türkei appelliert, nicht in Syrien einzumarschieren. «Seien Sie kein Narr!», beschwor er Erdogan.

Neues Twitter-Bild für Pelosi

Das sei, so Trump, der Beweis, dass er Ankara keineswegs «grünes Licht» für die Invasion gegeben habe, wie Pelosi behaupte. Dass dieser bizarre Brief erst drei Tage nach einem von Trump wohl ziemlich verbockten Telefonat mit Erdogan abgeschickt worden war, aus dem der türkische Präsident die gegenteilige Botschaft mitgenommen hatte, erwähnte das Weisse Haus natürlich nicht. Auf Erdogan machte das Schreiben jedenfalls keinen besonderen Eindruck mehr. Noch am gleichen Tag begann die türkische Invasion.

Als Nancy Pelosi am Mittwoch längst wieder in ihrem Büro im Capitol war, twitterte Trump ihr noch ein Foto von dem missratenen Treffen hinterher. Es zeigt die Demokratin, wie sie aufrecht und mit erhobenem Zeigefinger vor Trump steht. Pelosi sei nicht gesund «da oben», schrieb Trump, sie brauche Hilfe.

Aber das Bild zeigte eher das Gegenteil: einen überforderten, mies gelaunten Präsidenten, der wie ein frecher Schüler zwischen seinen Beratern sitzt, die betreten auf ihre Hände starren. Ein drittklassiger Drittklässler – scharf und in Farbe. Pelosi kopierte das Foto kurzerhand und verwendete es als neues Hintergrundbild für ihr eigenes Twitter-Konto.


Podcast «USA: Entscheidung 2020»

Hören Sie sich die neuste Folge des Podcasts «Entscheidung 2020» mit USA-Korrespondent Martin Kilian und Auslandchef Christof Münger auch auf Spotify oder auf iTunes an.


Erstellt: 17.10.2019, 23:03 Uhr

Trumps Brief an Erdogan

Sehr geehrter Herr PräsidentLassen Sie uns einen guten Deal ausarbeiten! Sie wollen nicht dafür verantwortlich sein, dass Tausende Menschen niedergemetzelt werden, ich will nicht dafür verantwortlich sein, die türkische Wirtschaft zu zerstören – was ich aber tun werde. Ich habe Ihnen davon schon ein kleines Beispiel gegeben im Fall von Pastor Brunson.

Ich habe hart gearbeitet, um einige Ihrer Probleme zu lösen. Enttäuschen Sie nicht die Welt. Sie können einen grossen Deal machen. General Mazlum ist bereit, mit Ihnen zu verhandeln, und er ist bereit, Zugeständnisse zu machen, zu denen Sie bisher nie bereit waren. Ich füge vertraulich eine Kopie seines Briefes an mich bei, der eben eingetroffen ist.

Das Urteil der Geschichte wird positiv ausfallen, wenn Sie diese Sache ordentlich und human erledigen. Man wird Sie aber für immer als Teufel sehen, wenn das Gute nicht zustande kommt. Geben Sie nicht den starken Mann. Seien Sie kein Narr!

Ich rufe Sie später an.

Hochachtungsvoll,

Donald Trump

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