Der 20. April 1999 veränderte die USA für immer

Seit Columbine vor 20 Jahren haben Amokläufe an US-Schulen Hunderte Opfer gefordert – an den Waffengesetzen änderte das nur wenig.

Am 20. April 1999 erschütterte der Amoklauf in der Columbine High School die USA und die Welt. Video: Reuters

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Der 20. April 1999 veränderte die USA für immer. An diesem verhängnisvollen Dienstag stürmten der 18-jährige Eric Harris und der 17-jährige Dylan Klebold schwer bewaffnet ihre High School in Columbine, einem Vorort von Denver, und eröffneten das Feuer auf Mitschüler und Lehrer. 15 Menschen starben – inklusive der Täter, die beide Selbstmord begingen. Weitere 24 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Es war bei weitem nicht der erste Schulamoklauf in den USA. Die enorme Medienberichterstattung erregte jedoch erstmals weltweites Aufsehen und entfachte zahlreiche Debatten zu möglichen Ursachen der Tat. Themen wie Mobbing, gewalttätige Videospiele oder das liberale amerikanische Waffenrecht rückten in den Fokus der Öffentlichkeit. Columbine wurde zum Archetyp der sogenannten School Shootings.

Zahlen bestätigen den «Columbine-Effekt»

Als Reaktion auf das Massaker erhöhten zahlreiche Schulen ihre Sicherheitsvorkehrungen, und die Polizei änderte ihre Taktik beim Einschreiten in Amokfällen. Verhindern konnten sie ähnliche Ereignisse dadurch nicht – im Gegenteil: Viele spätere Täter beriefen sich auf Columbine als Inspiration und Vorbild, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. Unter anderem gelten die Amokläufe von Erfurt (2002), Emsdetten (2006) und Jokela (2008) als Nachahmungstaten des berühmten Massakers. Beobachter sprechen vom «Columbine-Effekt».

Denn nach dem 20. April 1999 kam es zu einem deutlichen Anstieg von Schulschiessereien. Das zeigt unter anderem die Datenbank des Center for Homeland Defense and Security (CHDS), der Ausbildungsstätte des US-Heimatschutzes. Zählte es in den 90er-Jahren noch insgesamt 265 Vorfälle mit Waffen, waren es in den Nullerjahren schon 353, in den vergangenen zehn Jahren 364, und 2019 dauert ja noch achteinhalb Monate.

Mit Abstand das schlimmste Jahr erlebten die Amerikaner 2018. Ganze 97 Mal musste die Polizei einschreiten, weil in einer Schule eine Waffe zum Einsatz kam. In grossen Teilen der USA gibt es jährlich 180 Schultage. Das heisst also: Im Durchschnitt ereignete sich jeden zweiten Schultag eine Schiesserei.

Das CHDS registrierte alle diese Vorfälle, allerdings nur diejenigen im primären und sekundären Bildungsbereich, «K-12» genannt, also vom Kindergarten bis zum zwölften Schuljahr. Ereignisse an Colleges und anderen Universitäten sind nicht mal in seiner Datenbank, obwohl es ebenfalls viele von ihnen gibt. Dafür erfasst das CHDS auch Taten, bei denen es keine Verletzten oder Toten gab. Diese weist es separat aus.

Immer mehr Opfer

2018 wurden bei Schulmassakern demnach 56 Kinder und Jugendliche getötet und 109 weitere verletzt – beides Rekord. Laut Experten war das Jahr ein Ausreisser, vor allem wegen zweier schrecklicher Ereignisse: Ein Amoklauf an einer High School nahe Houston forderte 10 Menschenleben und 13 Verletzte, einer in Parkland, Florida, sogar 17 Tote und noch einmal so viele Verletzte. Der Parkland-Täter war ein Teenager, der im Vorfeld Recherchen zu Columbine betrieben hatte.

An der grundsätzlich negativen Entwicklung ändert dieser Ausreisser aber nichts: Auch bei den Opfern wird seit Jahren ein Anstieg beobachtet. In den 90ern starben im Schnitt jährlich 49 Kinder und Jugendliche bei Schulmassakern, in den vergangenen zehn Jahren waren es 55, das laufende Jahr mitgezählt. Seit Columbine sind insgesamt 725 Schüler durch Schusswaffen ums Leben gekommen und fast 1500 körperlich verletzt worden.

Die psychischen und seelischen Verletzungen, welche die Überlebenden davontragen, werden in den Statistiken nicht erfasst. Viele der damaligen Schüler in Columbine leiden bis heute an den Folgen des Ereignisses. Und Experten stellten eine Art Dominoeffekt fest: Das Trauma wirkte sich auch auf Angehörige, Freunde und Kollegen sowie den gesamten Ort im US-Bundesstaat Colorado belastend aus. Einige Betroffene nahmen sich später das Leben.

Schon nach Columbine kritisierten Politiker und Aktivisten die mangelhafte Waffenkontrolle in den USA. Gegen die Jahresversammlung der National Rifle Association (NRA) einige Tage später demonstrierten 8000 Personen – ohne grosse Wirkung. Auch Proteste nach späteren Amokläufen hatten kaum politische Folgen, weil sich die mächtige Waffenbesitzerlobby NRA und konservative Politiker gegen jede Einschränkung der Gesetze wehren.

Der March for Our Lives änderte das im vergangenen Jahr. Die Protestbewegung, die im Zuge des Schulmassakers in Parkland entstand, wuchs in kurzer Zeit zu einer Massenbewegung nie da gewesener Grösse an. Am 24. März 2018 gingen an über 700 Kundgebungen im ganzen Land mehrere Millionen Menschen für schärfere Waffengesetze auf die Strasse, allein in Washington nahmen geschätzte 800'000 teil.

Riesiger Protest gegen Waffengewalt: In Washington gingen im März 2018 Hunderttausende auf die Strasse. Foto: Keystone

«Nie wieder!», skandierten die Massen. Oder: «Schützt Kinder, nicht Waffen.» Und die Mobilisierung zeigte Wirkung. Der damalige US-Justizminister Jeff Sessions legte eine Gesetzesvorlage zum Verbot von sogenannten Bump Stocks vor, leicht erhältlichen Vorrichtungen, die aus halbautomatischen Waffen quasivollautomatische Maschinengewehre machen. In 14 Bundesstaaten wurden im vergangenen Jahr die Waffenrechte verschärft, unter anderem in Florida, wo sich der Parkland-Amoklauf zutrug.

Dass ein klarer Zusammenhang zwischen Waffengesetzen und Todesopfern besteht, zeigen verschiedene Zahlen. Zum Beispiel diejenigen des Giffords Law Center, das sich der Bekämpfung von Waffengewalt verschrieben hat. Ihnen zufolge haben sieben der zehn US-Bundesstaaten mit den strengsten Gesetzen gleichzeitig am wenigsten Schusswaffentote. Auf der anderen Seite hat Mississipi die laschesten Gesetze und die fünfthöchste Todesrate.

Die Waffenlobby verneint diesen Zusammenhang. Sie argumentiert sogar, dass mehr Waffen für mehr Sicherheit sorgen würden. «Der einzige Weg, einen bösen Kerl mit Knarre zu stoppen, ist ein guter Kerl mit Knarre», behauptet Wayne La Pierre, der Präsident der NRA. Unterstützung bekommt er dafür aus dem Weissen Haus. Eine Woche nach dem Parkland-Attentat sagte US-Präsident Donald Trump: «Wenn es einen Lehrer gegeben hätte, der sich mit Feuerwaffen ausgekannt hätte – dies hätte sehr gut dazu führen können, den Angriff sehr schnell zu beenden.»

Jeder rechtschaffene Bürger, der eine Schusswaffe mit sich führt, trägt also zur Verbrechensbekämpfung bei – eine Logik, die gerade für viele Europäer nicht nachvollziehbar ist. Für die «Gun rights»-Befürworter in den USA sind Waffen aber auch ein Symbol der Freiheit und Selbstbestimmung. Sie beziehen sich gerne auf den 2. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung: «Da eine wohlgeordnete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.»

Kaufen ohne Überprüfung

Wie dieser uneindeutig formulierte Text interpretiert werden soll, ist höchst umstritten. Jeder Bundesstaat setzt ihn anders um. In Kalifornien etwa müssen Käufer von Waffen mindestens 21 Jahre alt sein, sich registrieren lassen, ein Sicherheitstraining absolvieren und zehn Tage warten. In Nevada kann jeder, der 18 Jahre alt ist, ohne Lizenz, Registrierung oder Wartezeit eine Waffe kaufen, sogar auf Flohmärkten oder im Internet. Diese darf offen getragen und fast überallhin mitgebracht werden.

Ein anderes Problem sind Waffenshows, von denen es in den USA unzählige gibt. In 38 der 50 Bundesstaaten kann dort jeder ohne jegliche Registrierung oder Überprüfung Gewehre und Munition kaufen. Wie viele Waffen an solchen Shows den Besitzer wechseln, ist unbekannt, denn in vielen Fällen sind keinerlei Formalitäten notwendig.

Knarre to Go: Auf Waffenshows kann jeder Amerikaner ohne Überprüfung eine Waffe kaufen. Foto: Keystone

Viele Kritiker fordern gar kein generelles Verbot von Waffen, aber eine wenigstens universelle Überprüfung des Käufers, sogenannte Backgroundchecks. Ein Grossteil der Amerikaner spricht sich in Umfragen dafür aus, sogar viele Waffenbesitzer. Bei solchen Checks würde die Identität des Käufers kontrolliert, um allfällige Vorstrafen oder psychische Krankheiten zu entdecken.

Doch die einflussreiche NRA wehrt sich mit allen Mitteln gegen solche Massnahmen und hat mit ihrer Argumentation Erfolg: Nach medienpräsenten Massakern wie jenen in Columbine oder Parkland zieht der Waffenkauf meist deutlich an. Und so scheint ein nachhaltiger Kurswechsel immer noch in weiter Ferne, trotz der Zunahme von Amokläufen und von Protesten der «Generation Columbine».

«Generation Columbine»? So werden in den USA Schüler bezeichnet, die nach dem 20. April 1999 geboren wurden und nie eine Welt ohne School Shootings erlebt haben.

Erstellt: 20.04.2019, 11:33 Uhr

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