Alles wegen eines Posters

Der amerikanische Student Warmbier, der nur eine Abenteuerreise in Nordkorea unternehmen wollte, wird zum Spielball der internationalen Politik.

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Man wird nie erfahren, was dem US-amerikanischen Studenten Otto Warmbier in nordkoreanischer Gefangenschaft widerfahren ist. Die Ärzte in den USA stellten Schädigungen am Gehirn fest, die wohl von Sauerstoffmangel stammen. Tatsache ist, Warmbier ist ein Opfer des Diktatorenregimes in Pyongyang, wie Hunderttausende Gefangene – vor allem Nordkoreaner – vor ihm.

Spätestens seit dem Zeugenbericht des Nordkoreaners Shin Dong-hyuk, der seine Zeit im Strafgefangenenlager im Buch «Flucht aus Lager 14» beschrieb, weiss die Welt um die Grausamkeit in nordkoreanischen Gefängnissen. «Häftlinge, die es wagten, aus Hungersnot Ratten zu verspeisen, wurden brutal bestraft, weil sie Staatseigentum stahlen», schrieb Shin Dong-hyuk. Auch der Amerikaner Warmbier hat gestohlen. Er nahm in einem Hotel ein Poster von der Wand und packte es ein.

Der Tod Warmbiers könnte Donald Trump nützen.

Es mag zynisch klingen, aber das politische Geschäft läuft nun mal so: Der Tod Warmbiers könnte Donald Trump nützen. Der angeschlagene US-Präsident, der seit Wochen im Sumpf der Russlandaffäre steckt, braucht Heldengeschichten. Vor allem aber braucht er neue Feinde, die von den lästigen Ermittlungen gegen Mitglieder seines Wahlkampfteams ablenken.

Trump behauptet, er habe seinen Aussenminister Rex Tillerson persönlich beauftragt, die Freilassung des 22-jährigen Studenten voranzutreiben, was den Amerikanern dann auch gelang. Die Öffentlichkeit reagierte bestürzt auf die emotionalen Bilder des im Koma liegenden Warmbier, die Brutalität der nordkoreanischen Diktatur hatte plötzlich ein neues Gesicht. Schon werden die Rufe nach einer starken Hand lauter. Trump muss jetzt reagieren.

Bereits ist davon die Rede, Unternehmen, die mit Nordkorea Geschäfte tätigen, weiter zu sanktionieren. Es wird gefordert, dass Trump den Druck auf die chinesische Regierung erhöht, endlich etwas gegen den nordkoreanischen Aggressor zu unternehmen. Der amerikanische Student Warmbier, der eigentlich nur eine Abenteuerreise in Nordkorea unternehmen wollte, wird zum Spielball der internationalen Politik. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.06.2017, 21:52 Uhr

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