Hintergrund

Amerikas atomare Ursünde

Am Herstellungsort der ersten Atombombe brodelt es wieder: Im Endlager von Hanford wurden Lecks entdeckt. Dies weckt unliebsame Erinnerungen an eines der düstersten Kapitel der US-Geschichte.

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Jay Inslee sprach von einer «beunruhigenden Nachricht». Dennoch bestehe aber «keine unmittelbare Gefahr» für die Gesundheit der Bevölkerung, erklärte der Gouverneur des US-Bundesstaates Washington. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass im Atommülllager von Hanford an sechs unterirdischen Behältern Lecks entdeckt worden waren (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete).

Die undichten Stellen konnten bis jetzt nicht verschlossen werden. Niemand weiss genau, wie lange die mehr als 150 Behälter noch standhalten, in denen sich Abfälle aus der einstigen Plutoniumfabrik seit Jahrzehnten befinden. «Keiner dieser Tanks sollte heute noch in Betrieb sein. Sie sind komplett veraltet», sagt Tom Carpenter von der lokalen Inspektionsbehörde Hanford Challenge gegenüber der Nachrichtenagentur AP.

«Schwerstverstrahlte Gegend der westlichen Hemisphäre»

Unabhängig davon, wie viel Schaden durch den Ausfluss an radioaktivem Material nun entstanden ist: Der Vorfall weckt unliebsame Erinnerungen an eines der düstersten Kapitel der US-Geschichte; Hanford ist Amerikas atomare Ursünde. Eine ehemalige Plutoniumfabrik, die heute zwei Drittel der atomaren Abfälle des Landes lagert. Hier wurde im Zweiten Weltkrieg die erste Atombombe der Geschichte entwickelt. Heute gilt die Region als schwerstverstrahlte Gegend der westlichen Hemisphäre.

Im Rahmen des Manhattan-Projekts begann die US-Regierung 1943 mit dem Bau des Nuklearkomplexes in der Nähe von Seattle. Das erklärte Ziel: Die Produktion grosser Mengen an Plutonium für Kernwaffen. Das erzeugte Material wurde benutzt, um die Bombe Fat Man zu bauen, die 1945 über der japanischen Stadt Nagasaki abgeworfen wurde. Die verheerenden Folgen von diesem Ereignis sind bekannt.

Fehlgeburten und sterbende Tiere

Nicht nur die Kriegsfeinde der USA bekamen das Leid zu spüren, das von Hanford ausging, sondern auch die eigene Bevölkerung. Schon bei der Errichtung der Anlage mussten Menschen zwangsumgesiedelt werden. Die US-Regierung sah keinen alternativen Standort, um das Plutonium herzustellen, das den Erzfeind Russland über Jahrzehnte in Schach halten sollte. Die Menschen, die ihren Wohnort im Umkreis der Anlage behalten durften, hatten später mit den Folgen zu kämpfen.

Davon erzählt etwa das 1993 publizierte Buch «Atomic Harvest» (Atomare Ernte). Über Fehlgeburten, Missbildungen und seltsame Kinderkrankheiten wird darin geschrieben. Ein Farmer namens Nels Allison musste im Frühjahr 1962 erleben, wie der Grossteil seiner Lamm-Herde über Nacht starb. Die Fischer des Columbia Rivers berichten über dreiäugige Lachse, die sie aus dem Wasser zogen.

Verseuchtes Wasser in Fluss geleitet

Die verheerenden Schäden sind das Resultat der intransparenten Informationspolitik, welche die USA zur damaligen Zeit verfolgte. Im Geheimen wurde der anliegende Columbia River genutzt, um die überhitzten Reaktoren zu kühlen, ehe das verstrahlte Wasser wieder in den Fluss zurückgeleitet wurde. Einen Sekundärkühlkreis, der für solche Anlagen zum Baustandard gehören sollte, gab es in Hanford nicht. Als 1988 die Anlage stillgelegt wurde, waren die Folgen noch lange spürbar. Bis 500 Kilometer flussabwärts, wo der Columbia River in den Pazifik mündet, wurde noch eine erhöhte Strahlung gemessen.

Auf dem 1518 Quadratkilometer grossen Gelände lagern heute rund 200'000 Kubikmeter hochradioaktiven Mülls. Nach Angaben der US-Regierung soll die Dekontaminierung Hanfords noch bis ins Jahr 2052 dauern – dann werden seit Inbetriebnahme der Anlage mehr als 100 Jahre vergangen sein. Die undichten Stellen an den Behältern könnten diesen Prozess noch einmal verzögern.

«Grösste Entsorgungsaktion der Menschengeschichte»

Die Lecks weisen auf das Hauptproblem hin, das sich aus dieser grössten Müllhalde Amerikas ergibt: Die veralteten Behälter und die daraus resultierenden Kosten. Gemäss der Nachrichtenagentur AP wird aktuell an einer Anlage gebaut, die den flüssigen Atommüll in eine glasartige Masse umwandeln soll. Kostenpunkt: Über 10 Milliarden Dollar. Die US-Regierung sprach einst von der «grössten Entsorgungsaktion der Menschengeschichte». Als sei sie stolz darauf.

Erstellt: 23.02.2013, 18:35 Uhr

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