Reportage

An ihr wird es nicht liegen

Die amerikanische First Lady Michelle Obama sorgte gestern Abend für einen ersten Höhepunkt beim Parteitag der Demokraten in Charlotte. Die Halle gehörte ihr – und sie verhielt sich anders als Ann Romney.

Der erste Tag in Charlotte gehörte ihr: First Lady Michelle Obama.

Der erste Tag in Charlotte gehörte ihr: First Lady Michelle Obama. Bild: AFP

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Das Beste kommt zuletzt, ein Nachtisch sozusagen am Ende eines langen Tages in Charlotte, dem ersten von drei Tagen des demokratischen Parteitages. Die Halle ist endlich voll; und wach ist sie geworden, als Michelle Obama die Bühne betritt. Draussen regnete es bisweilen heftig, drinnen zelebriert die Demokratische Partei ihre First Lady. Ein Video stellt die Präsidentengattin vor. Sie ist beliebter als ihr Ehemann, nicht immer aber war es so. 2008 eckte sie an, als sie sagte, zum ersten Mal in ihrem Erwachsenenleben sei sie «stolz auf meine Nation».

Jetzt ist sie die Queen von Charlotte, eine Preziose, die den Tag beschliessen und den Delegierten das Herz erwärmen will. Den Amerikanern möchte sie die fetten Bäuche nehmen, sich besser ernähren sollen sie sich und Sport treiben. Das ist ihr Anliegen als First Lady. Privat ist sie indes hochpolitisch, eine insgesamt starke Person, die ihrem Präsidenten gelegentlich den Marsch bläst und auch ohne das Weisse Haus auskäme. Es heisst, sie beklage die Isolierung in Washington und könne sich ein Leben ohne das Amt des Gatten vorstellen.

Untermalt mit Musik von Stevie Wonder

Das Video über sie und ihren Barack und die gemeinsamen Töchter ist weichgezeichnet und ein wenig schmalzig. Danach wird sie von einer Mutter von vier Soldaten vorgestellt – Michelle kümmert sich besonders um Militärfamilien – und betritt die Bühne zu den Klängen von Stevie Wonders «Signed, Sealed and Delivered». Die Halle tobt, sie sagt: «Thank you so much.» Natürlich zeigt sie ihre durchtrainierten Oberarme. Als sie zu sprechen beginnt, wird die Menge still. Sie ehrt die Familien der Soldaten. Und danach spricht sie über ihre eigene Familie.

Völlig unvorstellbar, dass eine Mamie Eisenhower, Pat Nixon oder Ladybird Johnson einen derartigen Auftritt hingelegt hätte: First Ladies bequemten sich bei Präsidentschaftskongressen auf Geheiss des Gatten kurz auf die Bühne, um als Kulisse zu fungieren und sich kurz abbilden zu lassen. Sie nahmen ein Gesichtsbad in der Menge. Michelle Obama hingegen ist ein Pfeil in Barack Obamas Köcher. Sie macht Wahlkampf für ihn. Vor allem bei Frauen macht sie Wahlkampf.

Kein Wort über die Romneys

Nun also redet sie über Mama und Papa und über ihren Mann, selbstverständlich alles Menschen wie du und ich und Leute von nebenan: harte Arbeit, Aufstieg, famose Arbeitsethik, stets nahe an der Volksseele. Die Eltern neideten niemandem nichts; sie führten ein beispielhaftes, ja manchmal sogar heroisches Leben. Über die Romneys verliert Michelle Obama kein Wort; allenfalls indirekt kontrastiert sie die Welt der kleinen Leute, der sie und Barack entsprangen, mit dem Reichtum der Romneys. Wir sind wie ihr, sagt sie. Barack? Klar auf Seiten der kleinen Leute!

Zu gern wäre man eine Fliege im Weissen Haus der Obamas, um zuzuhören, wenn diese Frau ihren Gatten kritisiert. Sie ist kämpferischer als er, weniger kopfgesteuert und doch geradeso intelligent. Wie bescheiden wir lebten, als wir jung verliebt waren! Und die Schulden, die wir wegen unserer Ausbildung hatten! Und wie unverändert Barack doch geblieben ist! Barack glaubt nicht ans Geld (wie Mitt Romney?); er glaubt an das Gute im Menschen und daran, dass wir einander helfen sollen.

Sie sei vor allem eine Mutter

Mag schon sein, die Realität aber, mit der sich der Gatte auseinandersetzen muss, wird von einer problematischen und nicht wegzuradierenden Zahl diktiert: Achtkommadrei. So hoch war die amerikanische Arbeitslosenrate, als Barack Obama ins Weisse Haus einzog. Und so hoch ist sie noch immer. Achtkommadrei. Michelle liebt ihn, sagt sie, mehr als vor vier Jahren. Denn er habe nie vergessen, woher er gekommen sei. Im Gegensatz zu Ann Romney geht sie nicht auf den politischen Gegner los. Ann Romney sagt, es sei Zeit, dass Erwachsene das Land regierten. Michelle Obama hingegen verliert kein Wort über die Konkurrenz.

Nein, Republikaner gibt es nicht für sie, zumindest nicht gestern Abend in Charlotte, wo die Uhr gegen elf zuschiebt und sie ein Amerika der helfenden Hände beschwört, die am Wahltag im November natürlich zuvorderst ihrem Ehemann helfen sollen, indem sie jene Taste der elektronischen Wahlmaschine drücken, auf der «Barack Obama» steht. Bewegt spricht sie, und letztendlich, sagt sie, sei sie vor allem eines: eine Mutter.

Emotional wird sie da, derweil in der Halle die Demokraten jubeln und sich sagen, mein lieber Mann, sie ist der Wahnsinn, und sie wollen wir doch weitere vier Jahre als First Lady im Weissen Haus haben. An ihr wird es jedenfalls nicht liegen, falls Barack Obama am ersten Dienstag im November im Club der Loser endet. Der erste Tag in Charlotte gehörte ihr.

Erstellt: 05.09.2012, 08:35 Uhr

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Parteitag der Demokraten in Charlotte Jubel beim Parteitag der Demokraten in Charlotte. Doch in der Bankenstadt in North Carolina protestieren auch Unzufriedene.

Michelle Obamas Rede


Die Rede der amerikanischen First Lady am Parteitag der Demokraten in voller Länge. (Video: Wall Street Journal/Youtube)

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Am Dienstag eröffnet der Parteitagsvorsitzende Antonio Villaraigosa, Bürgermeister von Los Angeles, die Veranstaltung. Im Zentrum des ersten Abends steht die Rede der First Lady Michelle Obama.

Am Mittwoch ergreift Ex-Präsident Bill Clinton das Wort, um für die Wiederwahl Obamas zu werben.

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