Angst und Schrecken in Culiacán

Nachdem Soldaten einen Sohn des Drogenbosses Chapo Guzmán verhaftet hatten, reagierte das Kartell von Sinaloa mit einer militärischen Grossoffensive.

Kriegsähnliche Zustände in Culiacán: Mitglieder des Sinaloa-Kartells liefern sich Schusswechsel mit der Polizei. Video: Tamedia

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Culiacán, Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Sinaloa, 800'000 Einwohner. Am vergangenen Donnerstagnachmittag um drei Uhr scheint es, als öffne sich hier der Schlund zur Hölle. Kurz zuvor ist es der mexikanischen Armee gelungen, Ovidio Guzmán zu verhaften, einen der mindestens zehn Söhne des Drogenbosses Chapo Guzmán, der in einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis seine lebenslange Strafe absitzt.

Das Sinaloa-Kartell reagiert überwältigend schnell und unglaublich gewaltsam. Im Handumdrehen mobilisiert die Kriminellenorganisation Hunderte ihrer Mitglieder, laut Augenzeugen fallen viele in Vans und Pick-ups aus den umliegenden Bergen regelrecht in die Stadt ein. Sie liefern sich stundenlange Feuergefechte mit Armee und Polizei.

Auf sozialen Netzwerken zeigen Bilder und Videos, wie sich in Culiacán das Chaos ausbreitet. Terrorisierte Bewohner hasten durch die Strassen, Autofahrer stürzen aus ihren Fahrzeugen und bringen sich in Deckung, in Restaurants, Schulen, Büros geraten Menschen wegen der ständigen Maschinengewehrsalven in Panik. Auf den Strassen liegen Tote, es brennen Autos, auf wichtigen Verkehrsachsen patrouilliert das organisierte Verbrechen wie eine Besatzungsmacht. Aus einem Gefängnis fliehen dreissig Verbrecher.

Die Behörden fordern die Menschen auf, zu Hause zu bleiben, und blockieren die Autobahnzufahrten zur Stadt. Ein Fussballspiel der höchsten mexikanischen Fussballliga wird abgesagt, weil sich die Spieler der Gastmannschaft nicht aus dem Hotel getrauen.

Dass es in Mexiko Regionen gibt, in denen die Drogenmafia dem Staat das Gewaltmonopol entrissen hat, war bekannt. Aber dass das Sinaloa-Kartell imstande ist, in einer der grossen Städte des Landes eine derartige militärische Operation durchzuführen, damit hat kaum jemand gerechnet. Mexikos Öffentlichkeit ist schockiert, obwohl sie im Verlaufe des mehr als zehnjährigen «mexikanischen Drogenkrieges» manchen Schrecken erlebt hat.

Ovidio Guzmán López alias «El ratón» (die Maus) ist 28 Jahre alt. Nach der Verhaftung seines Vaters Chapo Guzmán brachen innerhalb des Kartells Kämpfe um die Nachfolge aus, an denen neben Ovidio Guzmán auch andere Söhne des Drogenbosses beteiligt waren. Ausserdem kämpft das Sinaloa-Kartell gegen einen furchterregenden Gegner: das «Cartel Jalisco Nueva Generación», dessen Kürzel CJNG in ganz Mexiko Angst verbreitet.

Musste freigelassen werden: Ovidio Guzmán Lopez. Foto: Mexikanische Polizei

Viele Experten glauben, die 2010 gegründete Organisation sei mittlerweile noch mächtiger als das Sinaloa-Kartell. Wie hoch Ovidio Guzmán in der Verbrecherorganisation seines Vaters aufgestiegen ist, weiss man nicht. Er ist aber in Mexiko und in den USA als wichtiger Dealer von Kokain, Amphetaminen und Marihuana gesucht.

Am Donnerstagabend sind die Strassen von Culiacán laut einem Augenzeugen leer gefegt. «Es brannten noch mehrere Fahrzeuge, aber Schüsse waren keine mehr zu hören.» Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador gibt bekannt, sein Sicherheitskabinett sei zu einer Krisensitzung zusammengetreten. Mexikos Polizeichef Alfonso Durazo verkündet, seine Behörde habe sich gezwungen gesehen, Ovidio Guzmán wieder freizulassen. Die Sicherheit und das Wohlergehen der Einwohner von Culiacán seien wichtiger.

Erstellt: 18.10.2019, 15:29 Uhr

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