Er gibt ihnen Essen – sie geben ihre Stimme

Aus der früheren Erdölmacht Venezuela ist ein Hungerstaat geworden. Warum stimmen die Menschen trotzdem für die «Maduro-Diät»?

Yogleidis Alvarado mit Familie und Idolen: Die Poster in ihrer Wohnung zeigen die Präsidenten Nicolás Maduro und Hugo Chávez. Foto: Boris Herrmann

Yogleidis Alvarado mit Familie und Idolen: Die Poster in ihrer Wohnung zeigen die Präsidenten Nicolás Maduro und Hugo Chávez. Foto: Boris Herrmann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hunger ist zunächst einmal ein Gefühl. Wenn es dann aber nichts zu essen gibt, wie jeden Mittag im Hause der venezolanischen Familie Alvarado, schüttet das Gehirn Stresshormone aus, es senkt den Kreislauf und die Körpertemperatur herab. Dann wird der Hunger zur Psychose. «Man fühlt sich traurig und wütend», sagt Yogleidis Alvarado. «Es gibt Momente, da will man nur noch im Dreck kriechen.» Alvarado ist 31 Jahre alt, verheiratet, Mutter von vier Kindern. In ihr Haus im Stadtteil San Agustín von Caracas passt nur ein Bett, deshalb lebt der Vater mit der Schwiegermutter und den beiden älteren Söhnen, sechs und neun, nebenan in der Garage. Über der Kochecke kreisen Stechmücken, das Klo ist verstopft, Anfang des Jahres wurde das Wasser abgestellt.

An diesem Morgen gab es zum Frühstück einen kleinen Maisfladen für jeden. Am Abend wird Yogleidis Alvarado Yucca abkochen, wie gestern und vorgestern. «Bäh, Yucca schmeckt nicht», ruft der neunjährige Yogeider. Er wird seine Portion trotzdem nicht stehen lassen. Das Mittagessen ist abgeschafft bei den Alvarados. Zwei Mahlzeiten pro Tag, mehr ist nicht mehr drin. Wie hält man das aus? «Mit Patriotismus», sagt die Mutter. Diesen Sonntag hätten die Venezolaner die Möglichkeit, jenes Regime abzuwählen, das aus ihrem Land, einer der führenden Erdölmächte, einen Hungerstaat machte. Vieles deutet darauf hin, dass sie diese Gelegenheit verstreichen lassen. Fragt man Yogleidis Alvarado, für wen sie stimmen wird, reckt sie die Faust in die Luft: «Für das Vaterland! Für den Frieden! Für Hugo Rafael Chávez Frías!»

Aber Chávez ist vor fünf Jahren gestorben? «Ja klar», sagt Alvarado, «aber auf dem Sterbebett hat er uns noch seinen Nachfolger genannt.» Also wählt sie Nicolás Maduro.

87 Prozent der Bevölkerung lebt in Armut, rund 25 von 30 Millionen Menschen können sich nicht mehr ausreichend ernähren.

Laut einer Studie der drei führenden Universitäten Venezuelas leben inzwischen 87 Prozent der Bevölkerung in Armut, rund 25 von 30 Millionen Menschen können sich nicht mehr ausreichend ernähren, ein durchschnittlicher Venezolaner hat in den vergangenen Jahren 8,7 Kilogramm abgenommen. Fast allen geht es so wie den Alvarados. Internationale Beobachter sprechen von einem «komplexen humanitären Notstand». Ein Land hat aufgehört zu funktionieren. Dafür hat es keinen Krieg, kein Erdbeben und keinen Tsunami gebraucht. Es wurde von einem Mafia-Clan, der sich sozialistische Regierung nennt, heruntergewirtschaftet und ausgeraubt. Maduro geht trotzdem als klarer Favorit in diese Präsidentschaftswahl.

Damit auch wirklich nichts schiefgeht, wurden führende Köpfe der Opposition von einer Kandidatur ausgeschlossen. Aber zur vollen Wahrheit gehört: Maduro hat auch nach einem halben Jahrzehnt, in dem er sich als unfähiger, skrupelloser und zynischer Staatschef präsentierte, noch seine treue Anhängerschaft. In Umfragen schwanken seine Popularitätswerte zwischen 20 und 25 Prozent. Davon können seine Kollegen in Mexiko, Kolumbien oder Brasilien nur träumen. Offenbar sind immer noch Millionen übrig, die am Sonntag für die Fortsetzung der Hungerkrise stimmen wollen. Für die sogenannte Maduro-Diät.

«Wir leben in einem Wirtschaftskrieg»: Yogleidis Alvarado wäscht von Hand. Foto: Boris Hermann

Yogleidis Alvarado steckt ihre Haare zusammen, schnappt sich Unterhosen, Handtücher, Plastikeimer und geht ein paar Meter die Strasse hoch. An einer Ecke hat jemand ein kleines Loch in den Asphalt gebohrt. Ein Schlauch guckt heraus, aus dem Wasser sprudelt. Alvarado füllt den Eimer, wäscht darin die Unterhosen. Der sechsjährige Moises nimmt den Schlauch in den Mund und trinkt. Die Mutter sagt: «Wir leben in einem Wirtschaftskrieg. Das ist manchmal hart.»

Wahlkampf als Hunger-Spiel

Aus ihrer Sicht wird dieser Krieg von einer rechtsradikalen Opposition geführt, gemeinsam mit dem Imperium aus Washington und den fiesen Kolumbianern. Venezuela ist demnach von einem Blockade-Ring umschlossen, durch den keine Nahrungsmittel mehr durchkommen. So ähnlich erzählt das der Präsident seit Jahren im Staatsfernsehen. Alvarado ist sich sicher: «Wenn es einen Machtwechsel gibt, nehmen sie uns das bisschen, was wir haben, auch noch weg.»

Tatsächlich hat Maduro die Versorgungskrise nicht nur verschuldet, er will auch politisch von ihr profitieren. Sein Wahlkampf ist ein Spiel mit dem Hunger. Einer der zentralen Sätze seiner Kampagne lautet: «Esto es dando y dando». Ein Geben und Geben. Du gibst mir deine Stimme, ich gebe dir dein staatliches Nahrungsmittelpaket. Diese Kisten heissen Clap, darin sind: Reis, Nudeln, Linsen, Mehl, Zucker, Büchsenfisch, Öl. Das war ursprünglich als Nahrungsergänzung für die Ärmsten der Armen gedacht. Heute ist es für viele Venezolaner die Hauptnahrung. Die Claps werden angeblich alle 14 Tage verteilt, aber oft kommen sie nur einmal im Monat. Bei der Familie Alvarado reicht der Inhalt höchstens eine Woche. Danach gibt es Yucca oder Suppe von ausgekochten Knochen. Was sie sich halt leisten können in Zeiten der Hyperinflation. Ökonomen sind mit ihren Kalkulationen bei 13'000 Prozent angelangt und sprechen von der schnellsten Geldentwertung in der Geschichte Südamerikas.

Yogleidis Alvarado und ihr Mann sind arbeitslos. Die Schwiegermutter verdient als Lehrerin den staatlichen Mindestlohn von 2,5 Millionen Bolívares im Monat. Eine Schachtel Eier kostet derzeit 700'000, ein Kilo vom billigsten Fleisch gut 3 Millionen. Jeder kann die tagesaktuellen Preise auswendig in Venezuela. Im ganzen Land geht es um eine Frage: Wie komme ich an Essen?

Maduro hat die Krise verschuldet, und nun profitiert er von ihr.

Man könnte glauben, dass der Hauptverantwortliche dieses Desasters keine Chance haben dürfte auf eine Wiederwahl. Aber in Venezuela funktioniert die Logik umgekehrt: Wer die Nahrungsmittelversorgung kontrolliert, kontrolliert die Hungernden. Kaum einer kann von den Claps leben, aber wer sie gestrichen bekommt, kann nicht einmal überleben. Das schafft Abhängigkeiten.

Offiziell gibt es keine Krise in Venezuela. Nicolás Maduro lehnt humanitäre Hilfe aus dem Ausland strikt ab, und auch das könnte wahltaktisches Kalkül sein. Vier Millionen Menschen sind nach Schätzungen bereits geflüchtet. Vier Millionen potenzielle Oppositionswähler. Für die Übriggebliebenen sind neben Kartoffeln und Milch auch Nasentropfen und Aspirin zu unerschwinglichen Luxusgütern geworden. Wer aber zu wenig isst, wird krank. Die ganze Gesellschaft gehört im Grunde auf die Intensivstation. Nördlich der Altstadt von Caracas befindet sich das Spital Vargas, es zählte einmal zu den renommiertesten Krankenhäusern Venezuelas. Heute wird die Klinik von regierungstreuen Schlägertruppen kontrolliert, den sogenannten Colectivos. Das Regime weiss, dass sie nicht mehr vorzeigbar ist. Hunde und Katzen wühlen im Müll, der auf den Fluren und Innenhöfen herumliegt. Es gibt hier definitiv mehr Katzen als Ärzte. Eine Chirurgin spricht von einer Katzenplage. Warum tut keiner was? «Unser Direktor sagt: besser als Ratten.»

In Saal 16 liegen etwa 30 Patienten, wie in einem Lazarett. Die Chirurgin beginnt ihre Visite bei Lerida Quintema, 55, dreifacher Knöchelbruch. «Wie gehts uns denn heute?» – «Och jo.» – «Schon was ­gegessen?» – «Mein Sohn hat mir was vorbeigebracht.» Das Spital Vargas gehört zu den 96 Prozent der Kliniken im Land, die keine Mahlzeiten mehr anbieten. Auch Matratzen, Decken und Kissen müssen die Patienten selbst mitbringen. Fliessend Wasser? «Hatten wir zuletzt vor zwei Monaten», sagt die Chirurgin. Wenn sie mal muss, geht sie in die Bar gegenüber.

Noch einmal lachen, dann sterben

Manchmal bringt sie auf eigene Rechnung Spritzen, Desinfektionsmittel und Plastikhandschuhe mit; das muss sie an der Spitaldirektion vorbeischmuggeln, «sonst verschwindet das». Auf dem Schwarzmarkt bekäme man ein paar Bolívares dafür. Die Chirurgin, 25, hat oft daran gedacht, aufzugeben, das Land zu verlassen, so wie all die Kollegen. Von den 100 Leuten ihres Abschlussjahrgangs an der Uni sind noch zehn da. Auch das Monatsgehalt eines Mediziners reicht höchstens für fünf Tiefkühlpoulets. «Ein Arzt, der keine Familie hat, die ihn unterstützt, kann in Venezuela nicht überleben», sagt sie. Sie bleibt trotzdem, weil sie will, dass sich etwas ändert.

«Wir werden jeden Tag bespitzelt und bedroht; wer sich beklagt, kriegt Ärger.»Chirurgin in Caracas

Vergangene Woche hat die Chirurgin mit grossen Teilen der Ärztebelegschaft der Vargas-Klinik gegen die untragbaren Zustände demonstriert. Der Protest dauerte zehn Minuten, dann kamen die Colectivos: drei Verletzte, ein entführter TV-Reporter. «Wir werden jeden Tag bespitzelt und bedroht; wer sich beklagt, kriegt Ärger.» Auf dem Gebiet der Medizin war Venezuela einmal ein südamerikanischer Vorzeigestaat. Infektionskrankheiten wie Malaria und Diphtherie galten als weitgehend ausgelöscht, HIV als gut kontrolliert. 2004 zertifizierte die WHO das Land als «masernfrei». Schon unter Chávez bröckelte das System, unter Maduro brach es zusammen. Eine Million Malariafälle in diesem Jahr, 5000 Aids-Tote 2017, die Masern breiten sich aus. Die Müttersterblichkeit steigt jährlich um etwa ein Viertel. Im Spital Vargas gibt es immerhin zwei Clowns mit roten Pappnasen. Das ist die Gesundheitsversorgung von Venezuela: Bevor die Leute im Krankenhaus sterben, dürfen sie noch einmal herzlich lachen.

Bilder: Opposition boykottiert die Wahl

Der Mann, der diesen Wahnsinn stoppen kann, heisst Henri Falcón. Er ist Maduros einziger ernst zu nehmender Gegenkandidat am Sonntag. Gerade hat er einen Wahlkampfauftritt in Venezuelas grösstem Armenviertel Petare hinter sich. Man reicht ihm einen Kaffee. Falcón, 56, Bluejeans, Wildlederstiefel, strenges Rasierwasser, atmet tief durch. Er ist mit sich zufrieden, er glaubt, dass er gewinnen kann: «Ich vertrete die hungernde Mehrheit im Land.» Die traditionelle Opposition boykottiert die Wahl, weil sie nicht die geringsten demokratischen Standards erfülle. Aus Sicht von Falcón bedeutet Boykott nichts anderes, als dem Untergang tatenlos zuzusehen. «Wenn man das Regime stürzen will, muss man es abwählen.»

Sehnsucht nach dem Comandante

Am Anfang hat ihn kaum einer ernst genommen. Wenn der Staatschef eine Wahl simulieren will, braucht er zumindest einen Sparringspartner, hiess es. Aber Falcón scheint ernsthaft um Stimmen zu kämpfen, und seine Biografie könnte ihm helfen. Als abtrünniger Chavist repräsentiert er vielleicht die grösste Minderheit im Land: diejenigen, die weder Maduro noch dem heftig zerstrittenen Oppositionsbündnis MUD trauen. Diejenigen, die sich nach ihrem geliebten Comandante sehnen – und die zweifellos bessere Zeiten gerne als goldene Zeiten verklären. Linke Regimegegner also, die ein­sehen, dass es so nicht weitergeht.

Aber Falcón hat ein Problem: die Angst der Menschen. Laut Umfragen ist etwa ein Drittel der Venezolaner davon überzeugt, dass die Regierung erfährt, wer wie abstimmt. Deshalb versucht Falcón den Leuten zu erklären, dass die Wahl vielleicht nicht ganz fair, aber sehr wohl geheim ist. Seine Botschaft lautet: Fürchtet euch nicht, für eure Überzeugung zu stimmen!

Ein paar Nächte vor dieser seltsamen Wahl hat jemand im einst wohlhabenden Hauptstadtbezirk Chacao das Wort «Hunger» auf eine Häuserwand gepinselt. Jeder Buchstabe einen halben Meter gross. Schon am nächsten Morgen ist ein Malertrupp angerückt, um die Wand wieder zu weisseln. Einige Reflexe funktionieren noch in diesem Staat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2018, 13:06 Uhr

Artikel zum Thema

Maduro erpresst sein hungerndes Volk

Analyse Venezuelas Präsident Nicolás Maduro kann auf seine Wiederwahl hoffen, denn er hat zwei Trümpfe: Gewalt und die Zwietracht seiner Gegner. Mehr...

«Nicolás Maduro hat in Venezuela keine Diktatur errichtet»

Interview Der Genfer Soziologe Jean Ziegler ist überzeugt davon, dass die USA schuld sind an der Krise im südamerikanischen Land. Mehr...

Es brennt nahezu überall

Beim Amerika-Gipfel schmieden die Staats- und Regierungschefs eine Allianz gegen Korruption, dabei sind viele von ihnen selbst in Bestechungsskandale verstrickt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Wettbewerb

Dank Hightech sicherer im Schnee unterwegs

Gewinnen Sie mit Bächli Bergsport und Mammut ein Lawinenverschütteten-Suchgerät der neusten Generation.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...