Auf der Flucht

Über seiner Präsidentschaft zieht die Götterdämmerung herauf. Und Barack Obama meidet alles: Die ätzende Atmosphäre Washingtons, die Abschottung im Weissen Haus und seine Feinde.

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Er hat fast alles, was das Herz begehrt: Einen vierstrahligen Jumbojet, einen Chauffeur, ein imposantes Domizil mit Köchen, Dienern und Leibwächtern. Ausserdem hat er Macht: Niemals verlässt er sein Zuhause ohne einen kleinen Koffer, der ihm hinterhergetragen wird und notfalls die nukleare Auslöschung der Welt in Gang bringt.

Trotzdem hat Barack Obama die Nase voll: Ein Präsident im sechsten Amtsjahr, geplagt von Burn-out und Frustrationen, die weniger robuste Naturen in tiefe Depressionen stürzten. Er fühlt sich eingesperrt im Weissen Haus. Politisch läuft nicht mehr allzu viel. Die zweite Amtszeit ist verquer, vertrackt, vielleicht sogar verschissen. Wie eben die zweiten Amtszeiten vieler amerikanischer Präsidenten.

Die Republikaner lassen nicht nach: Hier ein Graben, dort eine Mauer. Kompromisse sind in Washington so selten geworden wie Regengüsse in Kalifornien. Und zwei Drittel der republikanischen Wähler möchten Obama laut einer brandneuen Umfrage am liebsten anklagen. Wie 1998 Bill Clinton. Beliebt ist der einstige Bannerträger von Wandel und Hoffnung längst nicht mehr. Seine Zustimmungswerte sind im Keller. Zudem brennt es um ihn herum lichterloh: Zoff im Nahen Osten, ein schwelender Krieg in der Ukraine, Terror und Bürgerkrieg im Irak wie in Syrien – und an der amerikanischen Südgrenze strömen Kinder und Teenager aus Zentralamerika ins Land. Alles schürt den Zorn der Bürger: Warum unternimmt Obama nichts?

«Macht euren Dreck alleine»

Am Montag konnte der Präsident im «Wall Street Journal» lesen, die Welt gerate zusehends aus den Fugen. «Globale amerikanische Macht scheint immer prekärer zu werden», stand da. Entsprechend wird auf ihn eingedroschen: «Seit fünfeinhalb Jahren ist er Präsident, wann übernimmt er endlich Verantwortung für etwas?», schrie Washingtons oberster Republikaner John Boehner neulich Reportern zu. Vielleicht ist Obama wie Friedrich August III. von Sachsen zumute: «Macht euren Dreck alleine», soll der Sachsenkönig bei seiner Abdankung 1918 gesagt haben.

Abdanken kann Barack Obama nicht und zurücktreten würde er niemals. Doch er versucht, den Zwängen des Amts mitsamt der Erstarrung Washingtons zu entkommen. «Der Bär ist los», lautet die neue Parole eines Präsidenten, der zuweilen einfach so das Weisse Haus verlässt, um ungeplante Ausflüge in seine Umgebung zu machen. Die Abendessen mit der Familie, stets eine heilige Tradition für den zweifachen Vater, sind mittlerweile nicht mehr so zwingend. Schliesslich seien die Töchter älter, sagt Obama – und lädt Freunde zu spätabendlichen Tischrunden ins Weisse Haus ein.

Die Gespräche dauern manchmal bis weit nach Mitternacht. Politik ist dabei oft nur eine Nebensache. Und wenn Obama vor der ätzenden Atmosphäre Washingtons flieht, geht es erst recht rund. Wie in Rom im März, als er seinen erstaunten Botschafter bat, doch bitte eine Dinnerparty mit interessanten Menschen für ihn zu inszenieren. Der Architekt Renzo Piano fand sich ein und die Physikerin Fabiola Gianotti und Fiat-Boss John Elkann. Worüber man über ein paar Flaschen Brunello gesprochen habe? «Über die Bedeutung des Verstehens von Wissenschaft, die Zukunft des Universums, wie Sport Menschen zusammenbringt und viele andere Dinge», antwortet Linda Douglass, die Gattin des Botschafters.

Zwei Nachtessen am gleichen Abend

Also nicht über Obamacare oder die Kongresswahlen im Herbst oder sonstige Bedrängnisse der präsidialen Seele. In Paris im Juni ass Obama sogar zweimal an einem Abend: Zuerst mit François Holland, danach mit Freunden in einem kleinen Restaurant. Wetten, dass keine Rede von Nouri al-Maliki war? Oder Wladimir Putin? Schliesslich hat Obama anderes im Sinn: «Holt mich raus aus Washington», habe er seinem Team gesagt – ein Mann auf der Flucht, ein Dr. Richard Kimble der Politik.

Jede Woche möchte Obama künftig reisen, Bürgernähe suchen, mit Leuten quatschen, die ihm Briefe schrieben. Und neben einer guten Presse in der Provinz auch Spass dabei haben. So wie letzte Woche, als er nach Colorado und Texas flog. In Denver spielte er Billard mit dem Gouverneur, trank Bier, lief durch die Stadt, schüttelte einem Typ in einer Pferdemaske die Hand und wurde von einem anderen Typ mit einem Joint in der Hand gefragt, ob er auch mal wolle. Er lehnte ab, obschon er vielleicht liebend gern gewollt hätte. Wie damals in Hawaii, als er jung war und fast jeden Tag kiffte.

Offenbar störte ihn nicht einmal, dass Colorados demokratischer Senator Mark Udall einem Fundraiser fernblieb, den Obama eigens für ihn veranstaltete. Udall steht im November vor einer schwierigen Wiederwahl. Mit Obama möchte er nicht gesehen werden. Es gäbe Fotos, die sein republikanischer Widersacher hundertprozentig ausschlachtete: Schaut mal, Udall mit Obama! Also blieb Udall in Washington. So weit ist es also gekommen: Obamas Partei flieht vor ihm wie vor der Pest. Ihn lässt das kalt. So sei es eben im politischen Leben, sagt er.

Noch liegen zweieinhalb Jahre vor ihm

Er reiste weiter nach Texas, nicht aber hinunter an den Rio Grande, wo die Migranten ins Land strömen und die Krise ist. Dort hinzugehen wäre doch nur eine billige «Fotogelegenheit», wehrte er ab. Der demokratische Abgeordnete Henry Cuellar, ein Mann aus der Grenzregion, war ausser sich: Da lasse sich der Präsident in Denver mit Bier und Billard ablichten, an den Fluss aber wolle er nicht. «Bizarr» sei das, schimpfte Cuellar. «Die Optik ist einfach schrecklich», sagte er. Als Obama 2011 an die Grenze zu Mexiko reiste, fielen die Republikaner über ihn her: «Fotogelegenheit», sagten sie. Politisches Theater. Hinausgeworfenes Geld.

Der Mann auf der Flucht kann es niemandem recht machen. Er ist zum Stoiker geworden, vieles prallt von ihm ab. Wenngleich noch zweieinhalb Jahre vor ihm liegen und er die Leibwächter vom Secret Service mit seinen Improvisationen gelegentlich in Verzweiflung stürzt. «Wenn immer der Präsident das Weisse Haus verlässt, gibt es Risiken», sagt Ed Donovan, ein Sprecher des Secret Service. Barack Obama geht diese Risiken ein. Die Alternative wäre die Gefangenschaft in einem Haus und einer Stadt, die ihm inzwischen beide über sind. Vielleicht hätte er nach einer Amtszeit aufhören sollen.

Erstellt: 16.07.2014, 11:10 Uhr

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