Auf ein Erdbeerfrappé mit dem Feind der USA

Abu Chatallah soll beim Anschlag auf die US-Botschaft in Benghazi die Fäden gezogen haben. Obwohl die USA wussten, wo er sich aufhielt, vergingen 18 Monate, bis ihr Delta-Force-Team am Sonntag zuschlug. Warum?

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In der Nacht auf Montag schlugen Kräfte der US-Spezialeinheit Delta Force in einem Vorort der libyschen Stadt Benghazi zu. Ahmed Abu Chatallah war gerade nach Hause gekommen, als ein Kommando aus zwei Dutzend Männern sowie mehreren FBI-Agenten das Gebäude stürmte. Der 43-Jährige soll in ein Auto gezerrt und an einen «sicheren Ort» ausserhalb Libyens gebracht worden sein, wie das Pentagon mitteilte.

Chatallah wird vorgeworfen, für den Anschlag radikaler Islamisten auf das US-Konsulat in Benghazi am 11. September 2012 verantwortlich zu sein. Damals waren der Botschafter und drei weitere Personen ums Leben gekommen. Die Angelegenheit selbst wurde anschliessend zum innenpolitischen Streitthema: Für die Republikaner war ein Symbol gefunden für das Scheitern von Präsident Obamas Aussenpolitik. Und die damalige Aussenministerin Hillary Clinton übernahm einige Monate später die politische Verantwortung vor dem US-Kongress.

Treffen mit Journalisten

Rund einen Monat nach dem Anschlag von Benghazi war Chatallah als mutmasslicher Drahtzieher identifiziert worden, die US-Behörden nahmen ihre Ermittlungen auf. Im Juli 2013 wurde dann in mehreren Punkten Anklage erhoben, unter anderem wegen der «Tötung eines Menschen im Verlauf eines Angriffs auf Bundeseinrichtungen». Bis es den USA nun gelang, den Gotteskrieger zu fassen, vergingen noch einmal mehr als 18 Monate. Und das, obwohl es – entgegen anders lautenden libyschen Medienberichten – lange Zeit kein Geheimnis war, wo sich der Mann aufhielt.

Immer wieder hatte sich der Anführer der islamistischen Organisation Ansar al-Scharia in seiner Heimat Benghazi offen mit Journalisten getroffen. 2012 hatte Chatallah mit Reportern der «New York Times» auf einer Dachterrasse Erdbeerfrappé getrunken. Und auch letztes Jahr traf er sich noch mit dem CNN in einem Café zum Interview.

Fehlende Beweise

Warum hat sich die Festnahme des Mannes, dessen Gruppierung Verbindungen zu al-Qaida nachgesagt werden, dennoch so lange hingezogen? Die Antworten auf diese in den US-Medien vielfach diskutierte Frage fallen knapp aus. Zwar soll das FBI den Libyer vor seiner Festnahme vergangenes Wochenende bereits monatelang überwacht haben. Doch aus Sorge um die instabile Lage in Libyen gab Präsident Obama den Zugriffsbefehl wohl erst am Freitag, wie die «New York Times» weiss.

Seit dem Tod von Machthaber Muammar al-Ghadhafi vor drei Jahren kommt das nordafrikanische Land im Kampf zwischen Islamistengruppen und der Regierung nicht zur Ruhe. Möglicherweise bezog die US-Regierung auch aus diesem Grund keine libyschen Kräfte in die Operation von Sonntagnacht mit ein. Diese sei «unilateral» durchgeführt worden, zitiert die «Washington Post» zuständige Sicherheitskreise.

Am Tag seiner Verhaftung soll sich auch Abu Chatallah unter die Gotteskrieger gemischt haben. Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida konnten ihm jedoch nie nachgewiesen werden, die Behauptung ist auch in den USA höchst umstritten. Laut dem US-Magazin «Politico» war auch die dünne Beweislage ein Grund für Obamas Zögern.

Überstellung in die USA

Unter Gesinnungsgenossen gilt Abu Chatallah als «extremistisch und unberechenbar». Er sei immer ein Einzelgänger gewesen, erklärte auch ein langjähriger Mithäftling des Kämpfers im Gefängnis von Tripolis. Chatallah hatte zu Zeiten der Ghadhafi-Diktatur mehrere Jahre in Haft verbracht, bevor er im Zuge des Arabischen Frühlings eine Gruppe von Islamisten um sich scharte. Gemäss einem ehemaligen Mitstreiter begannen die Menschen schon bald, ihn und seine Gotteskrieger wegen ihrer Brutalität zu fürchten. Zum Anschlag auf die US-Vertretung in Benghazi hat sich Chatallah jedoch nie direkt bekannt. Zwar gab der Islamist wenige Tage nach dem Attentat eine Beteiligung zu – er bestritt jedoch, als Drahtzieher fungiert zu haben.

Über Chatallahs zukünftiges Schicksal lässt sich derweil wenig sagen. Laut Medienberichten soll sich der Verdächtige auf einem US-Kriegsschiff befinden, wo er vermutlich auch verhört wird. Er werde nun «das volle Gewicht des amerikanischen Justizsystems» zu spüren bekommen, hatte Obama im Anschluss an die Verhaftung bereits angekündigt. Konkret bedeutet das wohl eine Überstellung in die USA, wo den Gotteskrieger ein ziviles Bundesgericht erwartet. Entgegen der Forderungen einiger Republikaner lehnte Obama eine Inhaftierung Chatallahs in Guantánamo aber ab.

Erstellt: 18.06.2014, 12:39 Uhr

«Extremistisch und unberechenbar»: Ahmed Abu Chatallah, der mutmassliche Drahtzieher des Terroranschlags auf die US-Botschaft in Benghazi vom September 2011. (Bild: Facebook)

Den USA gelingt Fahndungserfolg nach dem Anschlag im libyschen Benghazi. (Video: Reuters )

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Hillary Clinton sagt zu Benghazi aus Die US-Aussenministerin übernahm vor dem Kongress die Verantwortung für den Anschlag auf das amerikanische Konsulat in Benghazi.

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