Aufstand gegen Pinocchio

Trumps Apologeten konservativer US-Medien regen sich über die vom Weissen Haus selbst eingebrockten Lecks in den Geheimdiensten auf.

Unter Druck: Donald Trump (hinten) neben einem Sicherheitsmann. (2. November 2016)

Unter Druck: Donald Trump (hinten) neben einem Sicherheitsmann. (2. November 2016) Bild: Carlo Allegri/Reuters

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Seine Empörung war enorm: «Unfair» seien die US-Medien mit seinem zurückgetretenen Sicherheitsberater Michael Flynn umgegangen, «kriminell» die Lecks innerhalb seiner Regierung, tönte Donald Trump am Mittwoch. Einmal davon abgesehen, dass Trump seinen Sicherheitsberater wegen angeblichen «Vertrauensschwunds» wie eine heisse Kartoffel fallen liess: US-Geheimdienste inklusive der Spionageabwehr lassen Informationen durchsickern, weil Trump und sein Stab endlos Unwahrheiten plappern und das Weisse Haus zu einem Lügengebäude geworden ist.

Wenn US-Medien unter Berufung auf anonyme Quellen berichten, dass gleich mehrere Mitarbeiter Trumps während des US-Wahlkampfs 2016 Kontakte zu russischen Regierungsvertretern und Agenten pflegten und dies offenbar anhand von Telefonmitschnitten bewiesen werden kann, treiben sie nicht nur den Skandal über Trumps merkwürdige Beziehung zu Wladimir Putin auf eine neue und für den Präsidenten gefährliche Ebene. Sie räumen zudem mit der Masse der Lügen auf, die den Amerikanern von Trump und seinen Untergebenen seit Monaten vorgesetzt werden.

Eine satte Dosis der eigenen Medizin

«Gab es Kontakte mit russischen Offiziellen während des US-Wahlkampfs?», wurde der Präsident am 11. Januar vom TV-Sender NBC gefragt. «Nein», lautete die Antwort. Alle dementierten: Vizepräsident Mike Pence, Präsidentensprecher Sean Spicer, Beraterin Kellyanne Conway.

Angesichts dessen könnte man meinen, es handle sich bei den anonymen Quellen nicht um feige Denunzianten, sondern um Whistleblower: Trump und Konsorten lügen, sie hingegen decken die Wahrheit auf. Konservative Medien sehen das natürlich nicht so: Bei Fox News oder «Breitbart» sind nicht die geheimnisvollen Beziehungen Trumps und seiner Vertrauten zum Kreml der Skandal, sondern die Lecks. Wie für Trump auch: «Information wird von den Diensten (NSA und FBI?) illegal weitergegeben an die zusammenbrechende @nytimes & @washingtonpost – wie in Russland», twitterte er.

Und natürlich sind die Medien für Trump mal wieder im Geschäft mit «Fake-News» und voll von «Verschwörungstheorien und blindem Hass». Deshalb sei CNN «nicht zum Anschauen», Fox News hingegen «toll», twittert der Präsident. Als Hillary Clintons E-Mails gehackt und danach durch Wikileaks publiziert wurden, war Trump begeistert, ja er forderte die Russen sogar auf, noch mehr zu hacken. Jetzt wird Trump mit womöglich gravierenden Konsequenzen eine satte Dosis seiner eigenen Medizin verabreicht.

Trump und sein Pinocchio-Team

Zumal kaum jemand an den Verschwörungstheoretiker Donald Trump heranreicht: Der Vater seines Konkurrenten Ted Cruz sei in den Mord an John F. Kennedy verwickelt gewesen, Barack Obama ausserhalb der USA geboren worden und deshalb ein illegaler Präsident, faselte Trump. Übertrumpft werden seine Verschwörungsfantasien indes von seinen Lügen. Schon während des Wahlkampfs und auch danach streuten und streuen er und sein Pinocchio-Team Unwahrheiten wie Salz im Winter. Keine Woche vergeht, in der nicht massiv gelogen oder verschleiert wird. Die Lecks sind die Quittung dafür.

Donald Trump im Amt

Vorneweg bei der Parade der Lügner marschiert Trumps Beraterin Kellyanne Conway. So zahlreich sind ihre Unwahrheiten, dass sie von mehreren US-Fernsehsendern nicht mehr zum Talk eingeladen wird. Conway sei «nicht mehr glaubhaft», begründete die MSNBC-Moderatorin Mika Brzezinski den Bann. Michael Flynn stolperte über Lügen, die er sogar Trumps Vize Mike Pence aufgetischt hatte. Doch er stolperte erst, nachdem bekannt geworden war, dass seine Telefonate mit dem russischen Botschafter von der NSA mitgeschnitten worden waren.

Die Lecks sollen gestopft werden

Nun geht es in die nächste Runde: Kontaktierten Flynn und andere Trump-Mitarbeiter und -Vertraute die Russen ab Sommer 2016 aus eigenem Antrieb – oder wurden sie dazu vom Kandidaten und designierten Präsidenten Trump angehalten? Trumps Wutausbrüche über die politisch brandgefährlichen Indiskretionen sind verständlich, eingebrockt aber hat er sich die Misere selbst.

Es wäre nicht weiter überraschend, wenn der Präsident versuchte, die Lecks mit allen Mitteln zu stopfen. So wie Richard Nixon: Drei Monate nach seinem Amtsantritt ordnete Nixon im Frühling 1969 an, die Telefone von Mitarbeitern zu überwachen, um Lecks auf die Spur zu kommen. Es war der erste Schritt hin zu Watergate. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2017, 10:42 Uhr

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