Aus mit der stählernen Ruhe

Rudolph Giuliani, der ehemalige Bürgermeister von New York, attackiert Obama. Und geht dabei zu weit.

«Ich glaube nicht, dass der Präsident Amerika gern hat», sagt Rudolph Giuliani. Foto: Getty Images

«Ich glaube nicht, dass der Präsident Amerika gern hat», sagt Rudolph Giuliani. Foto: Getty Images

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Er tauchte auf, ohne eingeladen zu sein, und sprach, ohne auf der Rednerliste zu stehen. Doch Rudolph Giuliani war noch nie ein Mann der Formalitäten. Der frühere Bürgermeister von New York reitet eine Attacke nach der anderen gegen Präsident Obama, die ans Besessene grenzen. Doch mit den jüngsten Vorwürfen ist der 70-jährige Republikaner zu weit gegangen, auch für viele seiner Parteikollegen.

Begonnen hat er seinen verbalen Feldzug bereits vor einiger Zeit. Barack Obama sei zu wenig Mann, um den muslimischen Terroristen entgegenzutreten, so der Pauschalvorwurf. Mit einem ungeplanten Auftritt vor rund 60 konservativen Unternehmern und Geldgebern letzte Woche in Manhattan betraf sich Giuliani dann allerdings selber. «Ich glaube nicht, dass der Präsident Amerika gern hat. Er liebt euch nicht, und er liebt mich nicht. Er wuchs nicht so auf wie ihr; und er wurde nicht so erzogen, als dass er dieses Land lieben könnte.» Die Gäste, die an sich für einen Wahlkampfauftritt von Gouverneur Scott Walker, erschienen waren, waren begeistert. Das Medienecho allerdings fiel äusserst kritisch aus; bis hin zur Frage aus der eigenen Partei, ob der Mann nicht mehr alle Sinne beisammenhabe.

Giuliani schien selber überrascht und versuchte, den Schaden zu limitieren. Natürlich zweifle er nicht an der patriotischen Gesinnung des Präsidenten, schrieb er in leicht weinerlichem Ton im «Wall Street Journal». Dennoch: Obama habe «sein Land mehr kritisiert, als andere Präsidenten dies getan hatten». Tatsache sei auch, dass Obama «seit seinem neunten Jahr» kommunistischem Einfluss ausgesetzt war. Im Übrigen seien solche Vorwürfe nicht rassistisch geprägt, da Obama bekanntlich «eine weisse Mutter» gehabt habe.

Giulianis Attacken könnten als Frustrationen eines Politikers gesehen werden, der es nicht wie erhofft zum Präsidenten gebracht hatte. Es ist mehr als das. Seit den Terrorattacken vom September 2001 ist auf der politischen Rechten eine spürbare Unruhe eingekehrt. Nicht so sehr darüber, dass die USA fast keine Anschläge mehr erlebten, sondern darüber, dass die Ruhe auch unter Obama angehalten hat.

Das passt nicht ins Weltbild eines Rudy Giuliani, der stets exakt zwischen Gut und Böse zu unterscheiden wusste. Oder zumindest sicher war, immer auf der guten Seite zu stehen. Dieser Glaube machte ihn nach den Anschlägen von 2001 zum weitherum geschätzten «Bürgermeister von Amerika». Seine stählerne Ruhe war willkommen in der nervösen Ära Bush. Doch mit Obama hat sich dies geändert.

Jetzt scheint Giuliani eine kritische Schwelle überschritten zu haben. Er wird zur Belastung für die eigene Partei. Der Gouverneur von Wisconsin, Scott Walker, ging ebenso auf Distanz zu ihm wie Jeb Bush und Marco Rubio. Alle drei gelten als aussichtsreiche Kandidaten für die Präsidentschaft in zwei Jahren. Doch alle drei sind nicht angewiesen auf den Ex-Bürgermeister. Weder finanziell noch strategisch ist Giuliani heute von Belang für die Partei. Das wurmt und schmerzt. «Es ist traurig, zu sehen, wenn jemand mit eine solch öffentlichen Statur seine Vermächtnis derart verschleudert», sagt Obamas Pressechef, Josh Earnest. «Das Einzige was ich fühle, ist Mitleid mit dem Rudy Giuliani von heute.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2015, 23:01 Uhr

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