Interview

«Aussenpolitik ist selten ein klinisch sauberer Prozess»

«Fuck the EU»: Reden Diplomaten unter sich immer so – und was sagt die Äusserung der US-Diplomatin Victoria Nuland über das Kräftemessen in der Ukraine aus? Einschätzungen eines ehemaligen Diplomaten.

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Herr Schweizer, reden Diplomaten unter sich öfters so rüpelhaft wie Victoria Nuland?
Bezogen auf schweizerische Diplomaten kann ich das klar verneinen. Die USA haben eine andere Sprache, in gewissen Filmen fallen bestimmte Begriffe mindestens in jedem zweiten Satz. Auch die berühmten Tonbänder von US-Präsident Richard Nixon waren nicht gerade für Kinderohren.

Schon die von Wikileaks enthüllten amerikanischen Diplomatendepeschen förderten die teilweise deftige Ausdrucksweise amerikanischer Diplomaten zutage. Ist diese ein Resultat amerikanischer Überheblichkeit angesichts der eigenen Vormachtstellung auf der Welt?
Nein, so würde ich das nicht sehen, es ist gewissermassen «nationale Kultur». Das Gros der US-Bevölkerung denkt kaum oft darüber nach, dass das Land eine Vormachtstellung innehat: sie muss hart arbeiten.

Neben dem Ton ist auch die Aussage von Nulands Aussage abwertend. Ist die stete Betonung der guten transatlantischen Beziehungen nur nette Kulisse?
Das Interessante ist wirklich die Aussage selbst. Sie dokumentiert, dass es nicht nur eitel Freude ist, Weltmacht zu sein und sich gleichzeitig mit den europäischen Verbündeten abstimmen zu müssen. Das kompliziert die Arbeit, zudem spricht «Europa» ja noch nicht wirklich mit einer Stimme. Aber das ist letztlich alter Kaffee – seit über fünfzig Jahren.

Sie sehen also einen berechtigten Hintergrund von Nulands Äusserung?
Aus der Perspektive der USA sehe ich das generell schon. Wir sind doch Trittbrettfahrer unter dem Schutzschirm der USA, man studiere nur die Militärbudgets gewisser Länder. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit; in einer Familie wird ab und zu gestritten, und böse Worte können fallen. Das Besondere ist, dass jetzt der Mitschnitt von dritter Seite dem Publikum vorgelegt wurde. Was wird damit beabsichtigt?

Nulands Aussagen und die Reaktion der Europäer darauf hinterlassen doch ein wenig den Eindruck, die USA wären nur daran interessiert, ihnen genehme Personen in der ukrainischen Regierung zu installieren, während die EU eine Helferrolle übernehmen darf. Täuscht dieser Eindruck Ihrer Ansicht nach – setzt sich die amerikanische Diplomatie für mehr als ihre unmittelbaren Eigeninteressen ein?
Was jetzt läuft, ist eine Art Krisenmanagement hüben und drüben; die Zeit für nuancierte Abstimmungen stand nicht zur Verfügung. Aus dieser Situation heraus ist es verständlich, dass es «konzeptionelle Spannungen» gibt, die jetzt öffentlich geworden sind. Das ist letztlich fast normal, auch Aussenpolitik einer Weltmacht ist selten ein klinisch sauberer Prozess.

Nulands abschätzige Äusserung ging um die Welt, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel rügte sie öffentlich – kommt dies in der diplomatischen Welt einem Gesichtsverlust gleich?
Ja, sicher. Doch verglichen mit dem Gesichtsverlust, den die USA mit dem Abhören von Telefonen, zum Beispiel dem von Frau Merkel, hatten, ist jener von Frau Nuland bestimmt kleiner. Der jetzige Fall ist auch einfacher gelagert: Man kann eine bestimmte Person kritisieren.

Kommt ein «Scheiss auf die EU» im vertraulichen Rahmen auch mal einem Schweizer Diplomaten über die Lippen?
Selbstverständlich nicht, wir wissen ja, dass wir immer abgehört werden!

Das Interview wurde schriftlich geführt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.02.2014, 20:21 Uhr

Max Schweizer arbeitete als Diplomat unter anderem für die Schweizer Botschaften in Südafrika, Saudiarabien, Finnland und Spanien. Er leitet aktuell den Weiterbildungslehrgang für Aussenpolitik und Diplomatie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. (Bild: ZHAW)

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