Bericht aus dem Irrenhaus

Ein Buch enthüllt: Donald Trump ist kindisch, inkompetent und ignorant, das Weisse Haus eine Chaosbude. Das ist nichts Neues? Oh, doch! Eine Einordnung.

Keines der bisherigen Bücher über Donald Trump hat eine solche Hysterie ausgelöst wie «Feuer und Zorn» von Michael Wolff. Foto: Carlos Barria (Reuters)

Keines der bisherigen Bücher über Donald Trump hat eine solche Hysterie ausgelöst wie «Feuer und Zorn» von Michael Wolff. Foto: Carlos Barria (Reuters)

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Bei Kramerbooks am Dupont Circle drängelten sich die Leute am Freitag schon um Mitternacht vor der Tür, um das Buch zu kaufen. Draussen: Finsternis, Eiswind, minus drei Grad – Fahrenheit. Das sind minus 19,4 Grad Celsius. 75 Exemplare des Buchs hatte der Laden in Washington geliefert bekommen, nach einer Viertelstunde waren sie weg. Die Angestellten konnten heimgehen. Und 75 durchgefrorene Kunden hatten ein neues Buch. Genauer: das Buch.

«Ich bin nicht nur klug, sondern ein Genie. Und dazu noch ein sehr stabiles Genie!» Donald Trump

Das Buch heisst «Fire and Fury» –Feuer und Zorn –, verfasst hat es der Journalist Michael Wolff. Auf etwas mehr als 300 Seiten schildert er die letzten Wahlkampftage und die ersten sechs, sieben Amtsmonate von Donald Trump. Es ist nicht das erste Buch dieser Art. Etliche Leute, die Trump in dieser Zeit begleitet haben, als Journalisten, Berater oder Mitarbeiter, haben darüber Bücher geschrieben. Aber keines hatte so eine Wirkung wie das von Michael Wolff. Keines hat so eine Hysterie ausgelöst, so eine Gier beim Publikum und so eine Wut bei den Betroffenen. «Fire and Fury» hat das Weisse Haus und Donald Trump gerammt wie ein Güterzug.Entsprechend wütend konterte dieser am Wochenende den Vorwurf, er sei seinem Amt intellektuell und charakterlich nicht gewachsen. Das seien alles Lügen. «In Wahrheit hatte ich mein ganzes Leben lang zwei grossartige Eigenschaften – meine mentale Stärke und dass ich, irgendwie, echt klug bin», versicherte der Präsident. Ein paar Minuten später: «Ich war ein SEHR erfolgreicher Geschäftsmann, danach ein Top-Fernsehstar, dann bin ich Präsident geworden (gleich beim ersten Versuch). Ich glaube, das zeigt, dass ich nicht nur klug bin, sondern ein Genie . . . und dazu noch ein sehr stabiles Genie!»

Wie eine Patientenakte

Die These des unliebsamen Buchs, in aller Kürze: Donald Trump ist verrückt. Völlig irre. Vielleicht nicht im medizinischen Sinne, aber doch nach jedem anderen gängigen menschlichen und politischen Massstab. Wolff erzählt, wie es zugeht im Weissen Haus, seit Trump dort vor einem Jahr eingezogen ist und begonnen hat, so zu tun, als regiere er. Doch das Buch liest sich eher wie eine Patientenakte, wie ein Bericht aus dem Irrenhaus. Donald Trump, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der mächtigste Mann der Welt, dessen Atomknopf, wie man ja weiss, viel grösser und besser ist als alle anderen Atomknöpfe – bei Michael Wolff schrumpft er auf fünf Wörter zusammen: «Ein Idiot umgeben von Clowns.»

Das mag für viele Leute keine überraschende Erkenntnis sein. «Was soll daran neu sein?», fragt ein langjähriger demokratischer Kongressmitarbeiter, der einst Richard Nixon erlebt hat und Irrsinn erkennt, wenn er ihn sieht. Dass Trump durchgeknallt sei, wüssten alle in Washington, auch die Republikaner im Kongress, die immer noch brav zu ihm hielten. Andererseits: Manchmal besteht zwischen Wissen und Sagen ein gewaltiger Unterschied. Mit einer solchen Klarheit und Unerschrockenheit wie Wolff hat noch niemand den chaotischen Wahnsinn geschildert, der Trump umgibt. Dass der Kaiser splitternackt ist, weiss vielleicht jeder verständige Mensch in Amerikas Hauptstadt. Aber Wolff hat es jetzt herausgebrüllt. Und er hat ein Buch voller Zitate gesammelt, mit denen er es beweisen kann.

Jeder lästert über jeden

So wie Wolff es schildert, wird Amerika von einem Haufen Dilettanten, Grössenwahnsinnigen, Egomanen und Wichtigtuern regiert, von denen der dilettantischste, grössenwahnsinnigste, egomanischste und wichtigtuerischste der Präsident ist. Der Arbeitsplatz der Truppe, das Weisse Haus, gleicht einem Bottich voller Säure – ätzend und gefährlich. Jeder kämpft gegen jeden, jeder hasst jeden, jeder verachtet jeden, jeder lästert über jeden. Schon das Personal ist gruselig. Da ist Stephen Bannon, «der verrückte Steve», einst Wahlkampfmanager und Chefstratege von Trump, aufgeschwemmt, unrasiert, ungekämmt und ungewaschen, ein vulgärer Widerling, der eine junge Mitarbeiterin im Gang vor dem Oval Office einmal anbrüllte: «Ich werd dich ficken.» Da sind Donald Trump Junior und Eric Trump, die Söhne des Präsidenten, im Weissen Haus auch Uday und Qusay genannt, nach den Söhnen von Saddam Hussein.

Da ist Jared Kushner, «der Butler», beflissener Schwiegersohn des Präsidenten und Ehemann von dessen ältester Tochter Ivanka. Jared und Ivanka treten als eine Einheit auf, die Bannon abfällig «Jarvanka» nennt, sie intrigieren, sind aber stets irgendwo in den Ferien, wenn etwas explodiert. Da ist Sean Spicer, Trumps erster Pressesprecher, der immer ein verzweifeltes Mantra murmelt: «Man kann so einen Scheiss gar nicht erfinden.» Da ist Reince Priebus, der frühere Stabschef im Weissen Haus, «der Zwerg», den Trump wie einen Lakaien behandelt. Und da ist Hope Hicks, eine von Trumps engsten Beraterinnen und Vertrauten, Ende 20, Ex-Model, Ex-Marketingfrau. Sie trägt den Titel der Kommunikationsdirektorin, sieht aus, wie der Präsident es mag – «hohe Stiefel, kurzer Rock, schulterlanges Haar» –, und sie ist immer dabei, wenn Trump wichtige Entscheidungen trifft.

Über dieser Mannschaft, die dauernd in politische Richtungskämpfe verwickelt ist, thront der Präsident wie ein Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. Trumps charakterliche Reife wird von unterschiedlichen Gesprächspartnern Wolffs unterschiedlich eingeschätzt; über die eines Elfjährigen geht aber niemand hinaus. Der Präsident ist demnach ein labiler, narzisstischer, gelangweilter und oft mies gelaunter Despot – «angepisst» ist ein Wort, das Wolff gerne verwendet –, dem Mitleid fremd ist, der die Regierungsarbeit hasst, der nur Fernsehen schaut, auf Twitter pöbelt, sich selbst bemitleidet. Der aber glaubt, er wisse und könne alles besser. Und den alle seine Mitarbeiter für so dumm, ignorant und unfähig halten, dass er nie Präsident der USA hätte werden dürfen.

Stephen Bannon ist offensichtlich der Mensch im Weissen Haus, der am häufigsten und offensten mit Wolff geredet hat. Seine Verachtung für Trump trieft aus jedem Satz. Daneben findet sich in Wolffs Buch eine beeindruckende Sammlung von Schimpfwörtern, mit denen der Präsident belegt wurde, nicht von bösartigen Demokraten, sondern von den eigenen Leuten. Aussenminister Rex Tillerson über Trump: «verdammter Trottel»; Finanzminister Steve Mnuchin über Trump: «Idiot»; Wirtschaftsberater Gary Cohn über Trump: «dumm wie Scheisse»; Sicherheitsberater H. R. McMaster über Trump: «Depp».

Autor ohne Skrupel

Das mag nach Klatsch und Tratsch klingen. Tatsächlich ist es aber politisch höchst relevant, wenn die meisten Mitarbeiter des US-Präsidenten dessen geistige Eignung für den Job anzweifeln. Und in gewisser Hinsicht ist Michael Wolff genau der richtige Autor für ein solches Buch. Der Journalist lebt in New York, also weit weg von allen Washingtoner Abhängigkeiten. Er ist für seinen scharfen Ton bekannt, mehr noch aber dafür, dass er keine Skrupel hat.

Die Offenheit, mit der Wolff schreibt, entspricht nicht unbedingt den Gepflogenheiten in Washington. Einfach zuhören, aufschreiben und drucken, das geht im politischen Journalismus nicht. Aber genau das hat Wolff nach eigener Darstellung gemacht. Dutzende Male, so erzählt er es, sei er in den vergangenen Monaten nach Washington gefahren und habe sich im Hay-Adams ein Zimmer genommen. Das ist ein vornehmes Hotel, gleich beim Weissen Haus, 300 oder 400 Dollar die Nacht. Dann sei er durch den Lafayette-Park geschlendert, rüber ins Weisse Haus, der Marineinfanterist am Westflügel habe ihm die Tür aufgehalten, salutiert – und er war drinnen.

Das ist sicher eine etwas vereinfachte Darstellung. Tatsächlich hat Wolff sein Buch sehr sorgfältig vorbereitet. Im Juni 2016 schrieb er ein Porträt über Donald Trump in der Zeitschrift «Hollywood Reporter», in dem der damalige Präsidentschaftskandidat nicht zu schlecht wegkam. Trump fühlte sich fair behandelt, Hope Hicks – schon damals zuständig dafür, ihrem Chef möglichst schmeichelhafte Medienberichte vorzulegen – schickte sogar eine Nachricht an Wolff, in der sie das Titelfoto zu dem Artikel lobte. So bekam Michael Wolff bei Trump seinen Fuss in die Tür.

Michael Wolff steht auf niemandes Seite

Nachdem Trump die Wahl im November 2016 gewonnen hatte, gelang es Wolff, ein exklusives Interview mit Stephen Bannon zu bekommen, dem damals engsten Berater des neuen Präsidenten. In den liberalen Medien wurde Bannon als Finsterling beschrieben, als Halbfaschist, als der wahre Machthaber. Wolff hingegen liess Bannon reden, ohne ein Urteil zu fällen. Zudem schrieb er mehrere Texte, in denen er die kritische Berichterstattung über Trump verurteilte. Gut möglich also, dass bei Trump und seinen Leuten im Weissen Haus der Eindruck entstand, Wolff sei einer der Ihren. Was sie übersahen: Michael Wolff steht auf niemandes Seite. Ausser auf seiner eigenen.

Manche Gesprächspartner haben Wolff vorgeworfen, zu übertreiben oder Dinge zu erfinden. Er beschreibt Vorgänge so, als sei er dabei gewesen, obwohl sie ihm von Dritten erzählt wurden; notfalls auch von Vierten, die ihm gesagt haben, was Dritte erzählt hätten. Dabei entstehen Szenen, die eher Collagen aus fremden Erinnerungen sind, manchmal auch nur aus Gerede, Behauptungen oder Gerüchten. Deswegen müssen sie nicht falsch sein. Frühere Arbeitgeber verteidigen Wolff. Eine ehemalige Chefredaktorin des «Hollywood Reporter» sagte, sie sei bei einem Abendessen mit Bannon dabei gewesen, das Wolff beschreibt. Jedes Wort sei wahr.

Alles klingt plausibel

Auch in Washington zweifelt kaum jemand daran, dass das, was Wolff über Trump und das Weisse Haus geschrieben hat, im Grossen und Ganzen wahr ist. Steve Clemons, leitender Redaktor bei der Zeitschrift «The Atlantic», hat Wolff oft gesehen in den letzten Monaten – bei jeder Party, jedem Empfang, jedem Gesellschaftsereignis habe er dabeigesessen und mit Leuten geredet. Einige Washingtoner Journalisten haben an ein paar Details in dem Buch herumgemäkelt. Und es ist möglich, dass der eine oder andere Gesprächspartner das eine oder andere Zitat nicht genau so gesagt oder nicht so gemeint hat, wie es bei Wolff steht. Oder es zumindest jetzt nicht mehr zugeben will.

Aber dass Wolffs These stimmt – der Präsident ist kindisch, inkompetent und ignorant, das Weisse Haus eine Chaosbude –, bestreitet niemand ernsthaft; ausser Donald Trump selbst, seinem Sohn Don Jr. und der Pressesprecherin des Präsidenten, die für Dementis bezahlt wird. Wolff habe nur aufgeschrieben, was in Washington herumerzählt wurde, sagt etwa Clemons. «Das klingt alles plausibel.» Kein Wunder also, dass Trump wütete. Doch eine bessere Werbung als einen tobenden Trump gab es nicht. Am Freitagmorgen war «Fire and Fury» in Washington ausverkauft.

Zähne zusammenbeissen

Nun ist Trump nicht der erste Präsident, der es mit einem harten Enthüllungsbuch zu tun bekommt oder dem seine Mitarbeiter in den Rücken fallen. Er hätte die Sache regeln können, wie alle seine Vorgänger so etwas geregelt haben – schweigen, Zähne zusammenbeissen, durch. Das gilt umso mehr, als Wolff ja eine Zeit beschreibt, die Monate zurückliegt. Viele der Gestalten, die damals das Weisse Haus bevölkert haben und in dem Buch auftauchen, sind inzwischen gefeuert. Trumps neuer Stabschef John Kelly, ein ehemaliger General der Marineinfanterie, hat für Ordnung gesorgt.

Übrig sind von der alten Truppe aus Wolffs Buch nur noch Jarvanka und Hope Hicks, also praktisch die Familie. Amerikas Wirtschaft geht es grossartig, und Trump hat mit seinem Steuersenkungsgesetz sogar im Kongress etwas zustande gebracht. Er könnte souverän darüber hinwegblicken, dass irgendein New Yorker Gesellschaftsschreiberling ein Buch über alten Kram veröffentlicht. Wenn er denn könnte. Aber Trump ist Trump. Er kann nicht schweigen und die Zähne zusammenbeissen. Und genau das ist es, was Wolff so bissig und gnadenlos beschreibt: die vollkommene Unfähigkeit dieses Präsidenten, wie ein Präsident zu denken und sich wie ein Präsident zu benehmen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.01.2018, 20:31 Uhr

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