Besserer Job, mehr Lohn

Der Verzicht der USA auf die Abschiebung von fünf Millionen Sans-Papiers dürfte der Wirtschaft insgesamt nützen. Nur die Hightechindustrie fühlt sich benachteiligt.

Wirtschaftswachstum dürfte sich nach dem Entscheid leicht beschleunigen: Unterstützer von Obama danken im Namen ihrer Familien dem Präsidenten. Foto: Joshua Roberts / Reuters

Wirtschaftswachstum dürfte sich nach dem Entscheid leicht beschleunigen: Unterstützer von Obama danken im Namen ihrer Familien dem Präsidenten. Foto: Joshua Roberts / Reuters

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Praktisch alle illegalen Einwanderer, denen US-Präsident Barack Obama ein provisorisches Bleiberecht gewährt, arbeiten. Fällt die Angst vor Deportation dahin, sind sie nicht mehr so leicht auszubeuten. So können sie sich nach neuen Stellen und besseren Löhnen umsehen. Das Wirtschaftswachstum dürfte sich leicht beschleunigen, das Staatsbudget etwas entlastet werden. Ungelöst aber bleibt der Mangel an hoch qualifizierten Arbeitskräften.

Der brauchbarste Anhaltspunkt zur Abschätzung des Ausschaffungsstopps bietet die letzte grosse Einwanderungsreform. Ronald Reagan setzte 1986 per Dekret durch, dass 1,7 Millionen illegale Einwanderer ein permanentes Aufenthaltsrecht erhielten und eine Million Landwirtschaftsarbeiter ihren Saisonausweis abgeben konnten. Die Reform ging weiter als die von Obama, weil sie den Einwanderern eine unbefristete Arbeitsbewilligung verschaffte, nicht nur einen begrenzten Schutz vor der Rückschaffung.

Tieflöhner steigen rasch um

Die Erfahrung von 1986 zeigt, dass die vorwiegend aus Lateinamerika stammenden Arbeiter sofort nach besseren Stellen mit höheren Löhnen Ausschau hielten. Am schnellsten bewegten sich Angestellte im Verkauf und Gastgewerbe sowie in der Landwirtschaft. So arbeiteten 4 Jahre später nur noch 4 Prozent der vormaligen sogenannten Farmhands auf den Feldern. Ein Viertel hatte zum Beispiel ins Baugewerbe und ein Siebtel in Dienstleistungsberufe gewechselt. Generell zeigt sich, dass Arbeiter in den Branchen mit den geringsten Löhnen am schnellsten umstiegen.

Noch heute beschäftigen viele Restaurants Schwarzarbeiter in der Küche, wo sie zu absoluten Tieflöhnen aufräumen, abwaschen und Gemüse putzen. Sie sind so schlecht bezahlt, dass viele Illegale zwei Schichten in zwei Restaurants leisten. Dies sei nur möglich, weil sie ohne Rechtsstatus leicht ausgebeutet werden können, sagt Professorin Sherrie Kossoudji von der Universität Michigan. Wenn sie entkriminalisiert werden, haben sie Aufstiegschancen. Untersuchungen weisen nach, dass vier Jahre nach der Reagan-Reform die Betroffenen 5 bis 16 Prozent höhere Löhne nach Hause brachten.

Die Differenzen zwischen den einzelnen Branchen sind allerdings gross. Doch der Trend nach oben ist unbestritten, wie eine Studie von Kossoudji zeigt, die unbesehen von der Reagan-Reform erstellt wurde. Die Löhne von Einwanderern ziehen im Schnitt um 6 Prozent an, wenn sie eine Arbeitsbewilligung bekommen. Am stärksten von der erhöhten Mobilität der Einwanderer dürften die Landwirtschaft, das Gastgewerbe sowie Industrien im Mittleren Westen betroffen sein. Bereits jetzt haben industrielle Schlachtbetriebe Mühe, billige Arbeitskräfte zu finden, da die Polizei in diesen Fabriken systematisch Razzien durchführt.

Vertrauensfrage

Rund 12 Prozent der Illegalen sind in verarbeitenden Industrien tätig, 9 Prozent im Detailhandel und 16 Prozent im Gesundheitswesen. Abzuwarten ist aber, ob die Illegalen Vertrauen haben und sich den Behörden stellen. Das politische Klima ist harsch, die anhaltende Spannung im Kongress sowie die angedrohten Prozesse könnten sie dazu bewegen, dem Programm fernzubleiben.

Dessen Wirkung für die Gesamtwirtschaft dürfte allerdings beschränkt sein. Schätzungen der Wirtschaftsberater des Präsidenten gehen davon aus, dass die Lohnsumme in den nächsten zehn Jahren zusätzlich um 0,3 Prozent steigen und die Wirtschaft um 0,4 bis 0,9 Prozent stärker wachsen könnten. Das Budget sollte dank den zusätzlichen Steuereinnahmen um etwa 25 Milliarden Dollar entlastet werden. Verglichen mit einer echten, bis anhin aber blockierten Einwanderungsreform nimmt sich das bescheiden aus. Eine umfassende Gesetzesrevision würde die Wirtschaft in den kommenden 20 Jahren um zusätzlich 3,3 Prozent beschleunigen und das Budget um 850 Milliarden Dollar entlasten.

Fachkräftemangel bleibt

Gar nicht zufrieden mit dem Dekret sind die grossen Hightechfirmen. Konzerne wie Intel und Microsoft fordern seit Jahren eine Lockerung der Arbeitsbewilligungen für hoch qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland. Gebraucht werden ihrer Ansicht nach zusätzliche H-1B-Visa für Berufe, in denen die USA zu wenig Leute ausbilden. Solche Visa erlauben einen Aufenthalt von bis zu sechs Jahren und können anschliessend in Greencards umgewandelt werden. Das Risiko des Entscheids sei, dass diese Forderungen nun unter den Tisch fallen, kritisierte gestern der Dachverband der Electrical und Electronic Engineers. Der Rückstau bei der Umwandlung in Greencards werde noch grösser werden. Der Präsident habe somit eine echte Chance zur Verringerung des Fachkräftemangels verpasst. Der Präsident habe ein vielschichtiges Problem mit einem Heftpflaster überklebt, tönt das allgemeine Echo aus dem Silicon Valley. Die Stimmung im Kongress werde nur noch schlechter, und die Hoffnung auf eine umfassenden ­Reform, die auch der Hightechbranche dienen würde, schwinde weiter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2014, 23:39 Uhr

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