Kopf des Tages

Bewaffneter Gutmensch

Die designierte UNO-Botschafterin Samantha Power will ein Amerika, das sich einmischt in der Welt.

Schrieb ein Buch über Amerikas Umgang mit Völkermord: Samantha Power bei einer Rede im Weissen Haus. (5. Juni 2013)

Schrieb ein Buch über Amerikas Umgang mit Völkermord: Samantha Power bei einer Rede im Weissen Haus. (5. Juni 2013) Bild: Keystone

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Realpolitik ist gut und schön. Wenn aber irgendwo auf der Welt ein ganzes Volk verfolgt wird, darf Amerika nicht daneben stehen und kühl seine Interessen abwägen. Immer wieder hat Samantha Power, erst als Kriegsberichterstatterin, dann als Rechtsprofessorin, Washington dazu angehalten, Völkermord wenn nötig mit Gewalt zu verhindern. Wo dies nicht geschah, in Ruanda oder Bosnien, warf sie der US-Regierung Versagen vor.

Nun wird sie wohl selber Aushängeschild dieser Regierung: Präsident Barack Obama hat die 42-jährige Mutter zweier kleiner Kinder als UNO-Botschafterin nominiert. Die Bestätigung durch den Senat steht zwar noch aus, gilt für einmal aber als unproblematisch. Am Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York wird bereits spekuliert, wie sich die Idealistin Power als Diplomatin schlagen wird. Bisher hat sie von der UNO gern Taten gefordert: Generalsekretär Ban Ki-moon sei in der Darfurkrise «extrem enttäuschend» gewesen, «eher Sekretär denn General», sagte sie 2007.

Ihre Haltung geht auf die Balkankriege zurück. Nach einer Kindheit in Irland, einer Schulzeit im Süden der USA und einem Studium in Yale reiste sie 22-jährig nach Sarajewo. Ab 1992 berichtete sie von dort für den «Boston Globe». «Sie war eine Naturgewalt», sagt Barbara Demick vom «Philadelphia Inquirer». Und der damalige Korrespondent der «New York Times» erinnert sich, dass Power ihn einmal ins Holiday Inn schleppte, nachdem er ein Wettsaufen mit einem russischen UNO-Beamten verloren und betrunken auf der Strasse gelegen hatte.

«Genocide Chicks» und «Völkermord-Tussen»

Ihre Artikel wurden beachtet, aber Power wollte mehr als Bericht erstatten. Zurück in den USA, studierte sie Jus in Harvard, baute dort ein Menschenrechtszentrum auf und erhielt eine Professur. 2002 veröffentlichte sie ein Buch über Amerikas Umgang mit Völkermord – und gewann den Pulitzerpreis. Plötzlich tauchte sie in den Ranglisten der einflussreichsten Amerikaner auf. Das wollte sie nutzen: 2005 wechselte sie in die Politik, wurde Beraterin von Senator Obama und eine wichtige Figur in dessen Wahlkampf. Hätte sie nicht Hillary Clinton in einem Interview 2008 «ein Monster» genannt, hätte Power wohl einen guten Posten erhalten. Doch Clinton wurde Aussenministerin, Power zurückgestuft im Beraterstab.

Nun ist sie zurück. Und einige Politbeobachter fragen sich, ob ihre Nominierung eine Kursänderung ankündigt. Will Obama rascher intervenieren? Dafür spräche, dass er Powers Vorgängerin, Susan Rice, zu seiner Sicherheitsberaterin macht. Wie Power hat auch Rice sich wiederholt für ein handelndes Amerika ausgesprochen. Und Zufall oder nicht: Nur Tage nach Bekanntwerden der Personalrochade gab das Weisse Haus bekannt, die USA würden im syrischen Bürgerkrieg erstmals Waffen an die Rebellen liefern.

Für Kriegsgegner ist Interventionismus keine Option. Sie nennen Power und Rice «Genocide Chicks», «Völkermord-Tussen» – bewaffnete Gutmenschen. Dafür sind die kriegslustigen Republikaner angetan von den «linken Falken» – ungeachtet der Tatsache, dass Power gegen den Irakkrieg war. Weggefährten und Freunde fürchten, sie könnte im Politbetrieb Schaden nehmen. Als UNO-Botschafterin wird sie Positionen vertreten müssen, die ihr zuwider sind. Und mit Obamas Menschenrechtsbilanz wird sie sich nicht mehr so sehr identifizieren können wie zur Zeit des Wahlkampfs.

Erstellt: 18.06.2013, 06:25 Uhr

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