Bezos-Erpressern stehen jetzt Staatsanwälte ins Haus

Wegen der Sex-Fotos des Amazon-Chefs könnte der «National Enquirer»-Verlag untergehen.

Dem Revolverblatt droht Ungemach: Titelseite des «Enquiers» (zu deutsch: Ermittler) vom 8. Februar 2019.

Dem Revolverblatt droht Ungemach: Titelseite des «Enquiers» (zu deutsch: Ermittler) vom 8. Februar 2019. Bild: AFP

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Der heimliche Renner unter den Top-News aus den USA von dieser Woche hat am Freitagnachmittag eine bedrohliche Wendung genommen. Nach Recherchen von Bloomberg untersuchen jetzt Staatsanwälte in New York, ob sich der Verlag der Boulevard-Illustrierten «National Enquirer» strafbar machte, als er Amazon-Chef Jeff Bezos die Veröffentlichung von dessen Intim-Fotos androhte. Diese Konfrontation wird der Verlag American Media Inc. (AMI), dessen Boss David Pecker mit Donald Trump befreundet ist, womöglich nicht überleben.

Angeblich wollen sich New Yorker Bundesankläger demnächst mit Vertretern von Jeff Bezos treffen, um mehr über die Affäre zu erfahren. Sie interessieren sich vor allem dafür, ob die E-Mails mit der Publikationsdrohung den Straftatbestand der Erpressung erfüllen. Damit hätte AMI gegen einen im Herbst abgeschlossenen Deal mit den Staatsanwälten verstossen, der dem Verlag Straffreiheit im Zusammenhang mit der Zahlung von 150'000 Dollar Schweigegeld an eine Trump-Geliebte gewährte. In der Übereinkunft versprach AMI, drei Jahre lang keine Gesetze zu brechen, andernfalls gelte der Deal nicht mehr. AMI weiss: Ein Unternehmen, das strafrechtlich belangt wird, hat in den USA schlechte Überlebenschancen.

Die Firma «AMI ist eben bankrottgegangen, nur weiss sie es noch nicht», twitterte der New Yorker Marketingprofessor Scott Galloway. Bezos per E-Mail zu bedrohen, sei eine «schreckliche Business-Entscheidung» gewesen. AMI habe nämlich neben den Staatsanwälten jetzt auch Bezos gegen sich. «Der fokussierteste, disziplinierteste und mit den grössten Ressourcen ausgestattete Mann hat ein neues Ziel – Störung? Nein, Zerstörung.»

Bezos bremste das Blatt aus und informierte selbst

Die explosive Story begann im letzten Jahr, als sich das Revolverblatt «National Enquirer» dem Privatleben des mit 130 Milliarden Dollar reichsten Mannes der Welt zuwandte. In der angeblich grössten Recherche seiner Geschichte verfolgten Journalisten vier Monate lang Bezos, 55, und dessen Geliebte Lauren Sanchez, 49, «in fünf Gliedstaaten, über 64000 Kilometer … in Privatjets, Limousinen, Helikopterflügen, romantischen Wanderungen und Fünfsternverstecken».

Geplant war für Januar eine zwölfseitige, reich bebilderte Story. Einer wie Bezos entscheidet aber gern selbst über sein Geschick. Als der Amazon-Chef von der Geschichte erfuhr, informierte er die Welt am 9. Januar über die anstehende Scheidung von seiner Frau MacKenzie.

Frustriert darüber, abgetrocknet worden zu sein, druckte der «Enquirer» die Sonderausgabe mit dem Bezos-Rundumschlag eine Woche früher als vorgesehen. Bezos wiederum liess die unerwünschte Blossstellung nicht auf sich sitzen. Er wies seinen Sicherheitsbeauftragten Gavin de Becker an, die Hintergründe der «Enquirer»-Geschichte aufzudecken.

Die Nachforschungen des bekannten Star-Beschützers werden dem AMI-Verlag bald ungemütlich. Geradezu bedrohlich wirkt Anfang letzter Woche eine längere Geschichte in der – 2013 von Jeff Bezos gekauften – «Washington Post», die über politische Hintergründe der «Enquirer»-Recherche spekuliert. Jetzt treten AMI-Anwälte aufs Gaspedal. Sie verlangen, Bezos solle De Beckers Detektive zurückpfeifen und öffentlich erklären, er habe keine Kenntnis von politischen Motiven hinter der AMI-Berichterstattung.

Der Deal sollte natürlich hinter den Kulissen verhandelt werden. Doch AMI rechnete nicht mit dem Widerstand des Onlinehandel-Tycoons und Verlegers. Am Donnerstag ging Bezos in die Offensive und druckte die eingegangenen Mails der AMI-Anwälte ab.

Das brauchte Mut. Eines der Mails beschreibt, was auf den insgesamt zehn Fotos unter anderem zu sehen ist: «Ein Selfie von unter der Gürtellinie, gemeinhin bekannt als ‹dick pic›», «Mr. Bezos … in engen Shorts, bei der die erigierte Männlichkeit durch den Hosenladen dringt». Auch von Lauren Sanchez, der Schauspielerin, TV-Journalistin und Helikopterpilotin, sei ein Selfie vorhanden. Es zeige sie in einem «roten Kleid mit tiefem Ausschnitt und Einblick in die unteren Regionen».

Er habe handeln müssen, schreibt Bezos online. «Wenn ich in meiner Position mich nicht gegen diese Erpressung wehren kann, wie viele können es dann?» Fachleute beurteilen seine Flucht nach vorn als PR-Coup. Diese Bilder hätten andernfalls «jahrelang auf ihm gelastet», sagt Mark Lukasiewicz von der Hofstra-Universität. Indem er sie nach seinen Regeln öffentlich machte, «drehte er die Erzählung um».

Geheimdienste könnten die Fotos beschafft haben

Neben den strafrechtlichen Konsequenzen bleibt jedoch offen, was hinter dem «Enquirer»-Artikel steckt. Eine mögliche Quelle der Fotos könnte Laurens Bruder Michael Sanchez sein, ein bekannter Hollywood-Agent, der mit dem Trump-Kumpan Roger Stone befreundet ist.

Doch der Bruder wehrt sich vehement gegen diese Anschuldigung. Er behauptet, mit der Anti-Bezos-Kampagne habe AMI Trump glücklich machen wollen. In diesem Fall könnten die Fotos von ausländischen Geheimdiensten beschafft worden sein, womöglich gar von jenen Saudiarabiens, gegen die Bezos’ «Washington Post» nach dem Khashoggi-Mord eine Kampagne führt.

Auch dies dürfte die New Yorker Staatsanwälte brennend interessieren. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.02.2019, 10:28 Uhr

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