«Bin Laden war ein grosser Mann»

Michael Scheuer hat die meiste Zeit seines Berufslebens Osama Bin Laden gejagt. Der Ex-CIA-Mann warnt davor, die al-Qaida nach dem Tod ihres Anführers zu unterschätzen.

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Sie waren jahrelang für die CIA Bin Laden auf der Spur. Entkorkten Sie einen Champagner, als Sie hörten, dass die USA ihn getötet haben?
Trinken ist nicht so meine Sache. Ich hab mich gefreut und ein kleines Dankesgebet gesagt.

Hat es Sie überrascht, dass Ihre Ex-Kollegen ihn endlich erwischten?
Ja, ich dachte, Bin Laden würde eher aus Altersgründen sterben. Unsere Leute in Afghanistan hatten wenig Ressourcen, um ihn zu kriegen. Nicht überrascht hat mich, dass er ein ziemlich sesshaftes Leben führte. Die amerikanischen und europäischen Regierungschefs haben die Leute in die Irre geführt, als sie sagten, er sei auf der Flucht, von Höhle zu Höhle. Das wäre nicht klug: Wer sich ständig bewegt, macht Fehler, bei der Kommunikation oder auf Reisen.

Wenn man einen Mann wie Bin Laden so lange jagt wie Sie: Entwickelt man da gewisse Sympathien?
Nein. Ich habe ihn respektiert, denn er war ein sehr intelligenter Mann. Aber er hat Fehler gemacht, die seine Karriere schon längst hätten beenden sollen.

Welche Fehler hat er gemacht?
Bis 1999 hätte er in Afghanistan leicht getötet werden können, da er sich nicht versteckte – doch keiner tat es. Bin Laden hatte einerseits viel Glück, andererseits wiederholte er seine Fehler nicht.

Wie nah waren Sie selber, ihn zu erwischen?
Wir hatten mehrere Chancen zwischen Mai 1998 und Mai 1999. Zweimal hätten wir ihn gefangen nehmen können, und achtmal lieferten wir dem Militär Informationen, um ihn über einen Luftangriff zu töten: mit Koordinaten seines Aufenthaltsortes und genauen Zeiten. Doch der Präsident gab den Feuerbefehl nicht. Also verpassten wir all diese Chancen.

Sie reden von Präsident Clinton: Wieso wollte er ihn nicht töten?
Einmal besuchte Bin Laden in Afghanistan in der Nähe von Kandahar einen Prinzen der Vereinigten Arabischen Emirate. Wir wussten genau wann und hätten ihn dort töten lassen können. Doch dann stellte sich heraus, dass die USA gerade mit dem Kronprinzen der Emirate über den Verkauf von F-16-Bombern im Wert von acht Milliarden Dollar verhandelten. Der Deal war unserer Regierung mehr wert als Bin Ladens Tod.

Sie waren in der CIA also in ähnlichen Situationen wie Ihre Ex-Kollegen jetzt
. . . nein, zu meiner Zeit war es viel einfacher. Bin Laden lernte erst später, sich besser zu verstecken und zu schützen. Er war durchschaubar. Damals hätte ein Scharfschütze gereicht.

Gab es nach dem 11. September je vergleichbare gute Chancen, Bin Laden zu erwischen?
Ich glaube nicht. Die einzige Chance war Tora Bora im Dezember 2001, als es ihm gelang zu entkommen. Damals wären die Chancen wohl noch besser gewesen als am Montag, wenn wir ihn mit unseren eigenen Truppen verfolgt hätten. Aber danach verlor sich seine Spur.

Wieso hat sich die Regierung für eine Kommandoaktion entschieden?
Die Entscheidung war richtig. Man wollte sicher sein. Fliegt man einen Drohnenangriff, ist die Leiche weg, bevor man sich vor Ort vom Erfolg überzeugen kann. Man hat offenbar auch über einen Bombenangriff mit B-52-Flugzeugen nachgedacht: Da hätte man gar niemanden mehr gefunden und viele Zivilisten getötet. Versagt haben die Verantwortlichen aber, als es darum ging, den Beweis für seinen Tod zu präsentieren. Das Argument, das Bild sei zu blutig, ist schwach. Unsere Unterhaltungsindustrie produziert viel schlimmere Bilder als das Foto eines Kopfschusses.

War es richtig, den nicht bewaffneten Bin Laden zu erschiessen?
Mich stört es nicht. Wichtig scheint mir, dass die Navy Seals offensichtlich den Befehl vom Weissen Haus hatten, ihn zu erschiessen, wenn es schwierig würde!

Wieso schafft Präsident Obama, was seinen Vorgängern misslang?
Es hätte auch unter George W. Bush passieren können oder unter Obamas Nachfolger. Man stiess einfach erst kürzlich auf die entscheidenden Informationen, die uns zusammen mit alten Fakten auf die richtige Spur brachten. Was war das wichtigste Puzzleteil? Zuerst war es der Deckname des Kuriers, dem Bin Laden vertraute. Dann fing man einen Anruf von ihm an sein Umfeld ab und lokalisierte ihn.

Wie findet man jemanden, dessen richtigen Namen man nicht kennt?
Antiterrorarbeit basiert auf dem Sammeln von Informationsteilchen: Kreditkartennummern, Decknamen, Telefonnummern, E-Mails. Die Zielpersonen verwenden oft mehrere Pseudonyme. Einen Nom de Guerre kann man in eine Datenbank eingeben. Man kann Verbindungen rekonstruieren. Offenbar konnten sie so dem Pseudonym den richtigen Namen zuordnen. Manchmal geht das einen Tag, manchmal, wie beim Kurier, Jahre.

Ex-Vizepräsident Dick Cheney behauptete, die unter Bush bewilligten «erweiterten Verhörmethoden» seien der Schlüssel für die Tötung Bin Ladens gewesen. Stimmt das?
Das weiss ich nicht. Entscheidend war, dass wir Verdächtige verhören konnten: Khalid Sheik Mohammed, der Drahtzieher bei 9/11, wusste nicht, dass uns das, was er sagte oder nicht sagte, half, Bin Laden zu finden. Befragungen produzieren stets nützliche Informationen – unabhängig davon, wie sie geführt werden. Sorgen macht mir, dass uns die Leute ausgehen, deren Verhöre uns helfen.

Wieso?
Präsident Obama stoppte das Rendition-Programm, mit dem wir Terrorverdächtige von der Strasse holten und zu neuen Informationen kamen. Wir befragen heute zu wenige neue Verdächtige. Gleichzeitig sind die Informationen abgestanden, die uns Insassen von Guantánamo noch liefern. Die E-Mail-Adressen, Codes, sichere Häuser, die sie kennen, haben geändert.

Plädieren Sie etwa für eine Wiederaufnahme der Renditions, dem umstrittenen Programm zur Verhaftung von Terrorverdächtigen überall auf der Welt?
Unbedingt. Es ist wichtig, Kader von al-Qaida ins Visier zu nehmen, um sie zu befragen, egal, ob nach den Regeln der US-Armee oder der Genfer Konvention. Wir müssen Leute verhören können!

Mit den Renditions und Verhörmethoden, die an Folter grenzten, hat sich die US-Regierung aber keine Freunde geschaffen.
Das ist mir so etwas von egal! Was die Welt über die USA denkt, kümmert mich nicht!

Sie finden, es ist in Ordnung, Leute mit dem Waterboarding zum Reden zu bringen, bei dem Gefangene das Gefühl haben zu ertrinken?
Wenn es funktioniert und Informationen ergibt, mit denen wir uns und unsere Verbündeten schützen, ja.

Geht der «Krieg gegen den Terror» mit dem Tode Bin Ladens zu Ende?
Kaum. Osama Bin Laden hat seine Organisation verfeinert und generationenübergreifend gemacht. Er hat immer gesagt, dass er nicht überleben werde, und deshalb vorgesorgt. Nach dem Triumph über seine Tötung, die nötig war, müssen wir realistisch bleiben mit unseren Einschätzungen. Bis 9/11 war al-Qaida vor allem in Afghanistan zu Operationen fähig. Heute hat sich die Organisation in Teilen Afghanistans, in grossen Teilen Pakistans, im Jemen, Irak, in Somalia, in Gaza, wenn man den Israelis glaubt, und überall in Nordafrika festgesetzt.

Sind das nicht isolierte Gruppen?
Wir haben erst übertrieben, als wir dachten, dass es eine Kommandostruktur gab von Bin Laden bis – sagen wir – zu einer Zelle im Jemen. Von Computern, die wir auswerteten, wissen wir, dass die Gruppen nicht isoliert handeln.

Wenn eine ausgefeilte Kommandostruktur fehlt: Warum war es so wichtig, den Kopf zu töten?
Wir haben den CEO eines Multis getötet. Er legte die Ziele fest, aber er war gescheit und modern genug, die Arbeit an die lokalen Manager zu delegieren.

Wie verändert sich al-Qaida ohne ihren CEO?
Wir werden Bin Laden noch vermissen. Er war weit weniger blutrünstig als sein Nachfolger Ayman al-Zawahri. Und auch weit weniger als die kommende Generation. Es wird viel mehr kleine Anschläge und viel Blutvergiessen geben.

Sie überzeichnen die heutige Macht der al-Qaida. Die grösste Revolution im arabischen Raum spielte sich ohne sie ab.
Was wir in Ägypten sehen, ist ein sehr intelligenter Ansatz von Islamisten wie den Muslimbrüdern. Hätten sie demonstriert mit Plakaten «We love Osama», hätte Mubarak sie niedergeschossen. Washington und London hätten applaudiert. Warum also nicht diese Kids, die Hilary Clinton so sehr liebt für ihren Freiheitswillen, auf die Strasse gehen lassen, als Wasserträger? Der Kampf wird zwischen den Militärs und den Muslimbrüdern ausgetragen werden.

Was wird Bin Laden gesagt haben, als er die arabische Revolution sah?
Ich denke, er hat einen Freudentanz gemacht, falls er überhaupt tanzte. Sein Ziel war einfach: Bin Laden kämpfte gegen die Anwesenheit der Ungläubigen, also der amerikanischen Streitkräfte, im Nahen Osten. Und er kämpfte gegen die US-Aussenpolitik mit ihrer Unterstützung Israels und der arabischen Regimes.

Sie beschreiben Bin Laden als rationalen Strategen. Das entspricht nicht ganz dem Bild im Westen.
Bin Laden war ein grosser Mann. Und das meine ich jetzt nicht positiv. Das «Time Magazine» kürte Adolf Hitler 1938 auch zum «Mann des Jahres». Bin Laden hätte die Bezeichnung auch verdient. Er veränderte den Alltag der Amerikaner wie niemand sonst in den vergangenen 50 Jahren. Wir denken wegen ihm anders über unsere Nachbarn, über die Regierung, über unsere Privatsphäre.

War Bin Laden nicht ein zynischer Abenteurer aus gutem Haus mit einem Groll gegen den Westen?
Ich bin fern davon, ihn zu bewundern. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens damit verbracht, zu versuchen, ihn zu töten. Aber es gibt kaum jemanden, der ihn kannte, der Bin Laden nicht als bescheidenen, gescheiten, strategisch denkenden Mann und eine sehr ernsthafte religiöse Persönlichkeit beschreiben würde. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2011, 15:24 Uhr

Michael Scheuer arbeitete 22 Jahre lang für die CIA. Von 1995 bis 1999 leitete er die Einheit, die Osama Bin Laden jagte; nach dem 11. September 2001 fungierte er als ihr Berater. 2004 kündigte er und sorgte für einen Riesenwirbel, weil er anonym eine fundamentale Kritik an der Anti-Terror-Politik der US-Regierung veröffentlichte. Heute lehrt Scheuer an der Georgetown-Universität in Washington und schreibt Bücher. Sein letztes ist kürzlich erschienen: Osama Bin Laden, Oxford University Press, circa 38 Fr. (az/tok) (Bild: Sam Dorrance, Malaga Productions Marching Toward Hell)

Eine pakistanische Zeitung am Tag nach der Tötung des Terroristenführers. (Bild: Keystone )

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