Hintergrund

Blendender Bau für George W. Bush

Heute Donnerstag wird in Dallas George W. Bushs Präsidentschaftszentrum eingeweiht. Es soll den unbeliebten Ex-Präsidenten rehabilitieren helfen.

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Irgendwann im 20. Jahrhundert wurde es modern, dass amerikanische Präsidenten unbedingt ein ihrer Amtszeit gewidmetes Museum mitsamt einer dazugehörigen Bücherei brauchen. Darin sollen ihre teils auf Jahrzehnte geheim gehaltenen Akten aufbewahrt werden. Und deshalb steht morgen auf dem Campus der Southern Methodist University im texanischen Dallas die Einweihung des George W. Bush Presidential Center an. Das ist nicht nur ein Versuch, die umstrittene Präsidentschaft des selbst ernannten «Kriegspräsidenten» zu ordnen, sondern obendrein ein erhoffter Baustein für eine historische Rehabilitierung Bushs.

Sämtliche fünf lebende Präsidenten, von Jimmy Carter bis zu Barack Obama, werden die Einweihung zieren. Auch vermeldet eine neue Umfrage rechtzeitig zum Jubeltag, dass Bushs Umfragewerte – wohl dank verblassender Erinnerungen! – neuerdings im Aufwind sind. Dies wiederum verführt Bush-Fans wie beispielsweise die Kolumnistin Jennifer Rubin in der «Washington Post» zu putzigem Wunschdenken: Viereinhalb Jahre seit Bush das Weisse Haus als unbeliebtester Präsident seit Richard Nixon verlassen habe, sei eine Neubewertung des 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten in vollem Gange, jauchzt Rubin. Ja geradezu wunderbar nehme sich Bushs «zärtliche, tränenreiche Liebe zu unserem Land» neben dem «roboterhaften, kalten» Obama aus.

Was Bush verziehen werden soll

Dem weinerlichen Bush soll mithin verziehen werden, dass er sich 2001 nach einem skandalösen Urteil des Obersten Bundesgerichts in Washington ins Weisse Haus hineinstahl. Dazu am Tag von 9/11 ziellos im Land herumflog, später Bin Laden in Tora Bora entwischen liess, immerhin aber Saddam Hussein abräumte, wenngleich dessen Massenvernichtungswaffen nie gefunden wurden. Dass Bush die ökonomische Pleite im Herbst 2008 zumindest mitverantworten muss und zugleich Bill Clintons Haushaltsüberschüsse durch überzogene Steuersenkungen in ein Meer roter Zahlen verwandelte: Es verblasst neben der Inkompetenz, die Bush an den Tag legte, als New Orleans wegen Katrina im September 2005 unterging.

Auf der Habenseite wäre Bushs Einsatz für die Linderung der Aids-Seuche in Afrika zu vermerken, seine Medikamentenzuschüsse für US-Senioren sowie die Tatsache, dass der Texaner mit dem Machismo-Gebaren der erste republikanische Präsident ohne Rassendünkel war: Wäre es nach ihm gegangen, der sowohl als Gouverneur von Texas wie auch als Präsident viele Latino-Stimmen erhielt, hätte die Republikanische Partei ihren politisch kostspieligen Widerstand gegen eine sinnvolle Reform der US-Einwanderungsgesetze schon längst aufgegeben.

Noch einmal im Rampenlicht stehen

Auch ehrt es Bush, dass er nach dem Heimflug von Washington nach Texas weitgehend in der Versenkung verschwand und still blieb – ausser an jenen zig Tagen pro Jahr, wenn er für mindestens 100'000 Dollar irgendwo im Land eine Rede hält. Dass sich der Ex-Präsident um verwundete Veteranen kümmert, ist zudem ebenso positiv wie seine Bescheidenheit als angehender Kunstmaler: Nachdem mehrere seiner Bilder an die Öffentlichkeit gelangt waren, sagte Bush, er sei «ein Anfänger, und meine Signatur auf den Gemälden ist wertvoller als die Gemälde».

Wenn am Donnerstag George W. Bushs Tempel der Selbstbeweihräucherung – auch Obama wird dereinst einen solchen besitzen! – in Dallas eingeweiht wird, können die Besucher Bushs Entscheidungsfindungen nachvollziehen, ein Replikat seines Büros im Weissen Haus bewundern und danach hinauswandern auf sechs Hektaren künstlich erzeugte texanische Prärie. Amerikanische Präsidentschaftshistoriker sind sich unterdessen nahezu einig, dass Bushs lädiertes Image nur dann eine wirkliche Aufbesserung erlebe, wenn sein Krieg im Irak oder auch die Finanzkrise 2008 neu bewertet würden.

Im Hinterzimmer der Geschichte

Bis dahin und allen Jubelrufen von Jennifer Rubin und diversen Weggefährten zum Trotz wird Bush dort landen, wo gleichfalls mindere Chefs des amerikanischen Gemeinwesens wie Millard Fillmore, Franklin Pierce, Andrew Johnson und Richard Nixon bereits versammelt sind: im Hinterzimmer der amerikanischen Geschichte nämlich.

Erstellt: 24.04.2013, 22:18 Uhr

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Dallas baut für Bush

Dallas baut für Bush Das George W. Bush Presidential Center im texanischen Dallas soll den unbeliebten Ex-Präsidenten rehabilitieren helfen.

Martin Kilian ist US-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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