Brasiliens spannendste Wahl

Die Stichwahl um das Präsidentenamt in Brasilien wurde von einem neuen Skandal überschattet.

Die Wiederkandidierende Dilma Rousseff und ihr Herausforderer Aécio Neves liefern sich einen erbitterten Kampf um die Präsidentschaft.

Die Wiederkandidierende Dilma Rousseff und ihr Herausforderer Aécio Neves liefern sich einen erbitterten Kampf um die Präsidentschaft. Bild: AP, Keystone

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Nach einem spannenden und gehässigen Wahlkampf hat Brasiliens Bevölkerung gestern bestimmt, wer für die kommenden vier Jahre im Präsidentenpalast Planalto regieren wird: Die wieder kandidierende Regierungschefin Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei PT oder der konservative Ex-Gouverneur Aécio Neves von der Partei der brasilianischen Sozialdemokratie PSDB. Bis Redaktionsschluss lagen keine zuverlässigen Resultate vor. Kurz vor dem Stichkampf hatte sich ein Korruptionsskandal um den staatlichen Energiekonzern Petrobras zugespitzt. Der inhaftierte Geldwechsler Alberto Youssef sagte gegenüber den Ermittlern aus, die Präsidentin und deren Vorgänger Luiz Inácio Lula da Silva hätten von den Begünstigungen und systematischen Schmiergeldzahlungen an Unternehmen, Parteien und Politiker gewusst. Als die regierungskritische Zeitschrift Veja die Vorwürfe am Freitag publizierte, sprach Rousseff in einem Fernsehspot von «terroristischen Propagandamethoden». Kurz darauf bewarfen Unbekannte die Redaktion von Veja mit Steinen.

Das oberste Wahlgericht verbot dem Magazin, für seine neuste Nummer Werbung zu betreiben und verpflichtete es, im Internet eine Gegendarstellung der Regierung abzudrucken. Aécio Neves forderte seinerseits, gegen Rousseff und Lula seien Ermittlungen aufzunehmen. Den Entscheid des Gerichts bezeichnete er als Zensur. Als Youssef gestern mit Herzproblemen hospitalisiert werden musste, zirkulierten Vermutungen, man habe ihn vergiften wollen. Neben Youssef sagt gegenwärtig auch ein ehemaliges Petrobras-Direktionsmitglied über die Hintergründe des Skandals aus. Seine Aussagen belasten den PT ebenfalls.

Prominent kamen die Vorwürfe gegen Rousseff und Lula in der letzten, am Freitag ausgestrahlten Fernsehdebatte zur Sprache. Dabei gelang es Neves, die phasenweise angespannt wirkende Präsidentin in die Enge zu treiben und einen Punktesieg zu erzielen. Laut letzten Umfragen lag Rousseff zwar in der Wählergunst leicht in Führung, doch hatte ihr Kontrahent wieder aufgeholt. Seit 25 Jahren war die Ungewissheit vor einem Urnengang nicht mehr so gross.

Ein Riss geht durch das Land

Insbesondere der PT setzte im Wahlkampf auf Hetze, Lüge und persönliche Diffamierung. Lula verstieg sich sogar dazu, den politischen Gegner mit den Nationalsozialisten gleichzusetzen. Durch die viertgrösste Volksdemokratie der Welt geht ein tiefer geografischer und sozioökonomischer Riss. Der ärmere Norden und Nordosten, die Unterschicht und die dank grosszügiger Sozialprogramme der Armut entkommenen Bevölkerungsteile stehen hinter der 66-jährigen Rousseff. Die Bundesstaaten des Südens und Südostens, die Finanz- und Industriemetropole Sao Paulo, die über hohe Steuern und schlechte Infrastruktur klagende Mittel- und Oberschicht unterstützen mehrheitlich den 54-jährigen Neves.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2014, 22:35 Uhr

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