Chance nicht verpassen

Die Technologie gegen den Klimawandel ist bereit. Wind- und Sonnenkraft werden immer billiger. Nun muss man sie auch einsetzen.

Schädliche Treibhausgase müssen weiter reduziert werden. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Schädliche Treibhausgase müssen weiter reduziert werden. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Klimakonferenzen haben zwei Gesichter. Das war auch in Lima so. Auf der einen Seite US-Aussenminister John Kerry, der in einer brillanten Rede die Welt aufforderte, die Warnungen der Klimaforscher nicht in den Wind zu schlagen. Der Klimawandel gehe jeden an, stehe vor allen anderen Gefahren, selbst vor der Bedrohung durch den Terrorismus. Auf anderen Seite die träge Masse der Nationen. Sie akzeptieren zwar die Erkenntnis der Wissenschaft, dass die Erde sich nicht mehr als 2 Grad erwärmen darf. Doch sie haben sich seit der ersten Klimakonferenz in Berlin vor zwanzig Jahren im zermürbenden Verhandeln von Geben und Nehmen verheddert und kommen unter der Last unterschiedlicher Interessen kaum vorwärts.

Dabei ist die Lösung des Klimaproblems im Grunde einfach: Kohle, Erdöl und Erdgas dürfen nicht verbrannt werden, um die klimawirksamen Treibhausgase zu verhindern. Doch diese drei Energiequellen treiben die gesamte Weltwirtschaft an, sind seit mehr als hundert Jahren in der industrialisierten Welt Garant für Wohlstand und in den Entwicklungsregionen Hoffnung auf ein besseres Leben.

Die Suche nach neuen fossilen Reserven ergibt keinen Sinn

Und nun muss alles anders werden. Die fossile Energieversorgung soll auf Sonne, Wind und Geothermie umgestellt werden. Und zwar konsequent. Von den fossilen Reserven müssen drei Viertel im Boden bleiben, rechnen die Wissenschaftler vor. Die Suche nach neuen Vorkommen ergibt also aus wissenschaftlicher Perspektive keinen Sinn. Auch aus der Sicht der Risikorechnung zahlt es sich aus, wenn wir davon ausgehen, dass stärkere Stürme, Fluten und Dürren die Existenz und Nahrungsgrundlage von Millionen ­Menschen zerstören werden.

Den Ministern der Staaten der UNO-Klimarahmenkonvention leuchtet das ein. In jeder einzelnen Rede in Lima kommt das zum Ausdruck. Doch wie wollen die USA und die EU ihre Trillionen Franken teure Wirtschaft frei von Treibhausgasen machen, wie China seinen Aufschwung dekarbonisieren, Öl- und Gasstaaten wie Saudiarabien, Brasilien, Russland oder der Irak ihren fossilen Schatz im Boden lassen und auf Milliarden Subventionen für die fossile Energie verzichten?

Fakt ist: Die Emissionskurven steigen nach wie vor steil an, Ölmultis wie Exxon, Shell und BP haben ihre Businesspläne nicht verändert. Nun wird auch Erdöl und Erdgas gefördert, deren Produktion früher unrentabel war. Es wird nach neuen Quellen in der Tiefsee und der Arktis gesucht.

Mehr als Minimalziele sind nicht zu erwarten

Die internationale Klimapolitik bietet kein Patentrezept, dies zu verhindern. Das Vertrauen zwischen reichen und armen Staaten ist nach wie vor zu gering für starke Abkommen. Das hat Lima einmal mehr gezeigt. Hier wurde in den letzten zwei Wochen die Grundlage gelegt für die Schlussverhandlungen für einen neuen Klima­vertrag im nächsten Jahr in Paris. Die grösste Errungenschaft im nächsten Herbst wäre, wenn sich alle Staaten nach ihren wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten dazu bereiterklären, Treibhausgase zu reduzieren. Das Kyoto-Protokoll, der vormalige Klimavertrag, nahm nur die Industriestaaten in die Pflicht.

Die Reduktionsziele für die Treib­hausgase sind erst in zweiter Linie massgebend. Sie werden ohnehin weit von dem entfernt sein, was die Wissenschaft vorzeichnet, um kostengünstig das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Mehr als Minimalziele sind nicht zu erwarten, solange die Frage nach der gerechten Verteilung der Klimaverpflichtungen unter den reichen und armen Staaten nicht beantwortet ist, solange Länder wie China Mühe haben, die Wirksamkeit ihrer Massnahmen überprüfen zu lassen, solange Missmut bei den Industriestaaten herrscht, Entwicklungsländer verlangten nur Geld und wollten nichts geben.

Das Timing ist entscheidend

Bekunden alle Staaten in Paris in einem neuen Abkommen ihren Einsatz gegen den Klimawandel, so ist das immerhin ein Signal an Investoren, Ingenieure und Wissenschaftler, mehr auf Innovationen gegen den Klimawandel zu setzen. Zeichen allein reichen jedoch nicht aus, um die Treibhausgase massiv zu senken. Nun braucht es weltweite Marktmechanismen, welche die Verbrennung fossiler Energie verteuern. Regeln sind dringend ­notwendig, um die versprochenen Milliarden Klimagelder der Industrie- an die Entwicklungsstaaten mit Breitenwirkung in die richtigen Bahnen zu lenken.

Die entsprechenden Technologien sind da, Wind- und Sonnenkraft werden immer billiger. Die Autoindustrie hat bewiesen, dass sie den Treibstoffverbrauch deutlich senken kann, wenn sie muss. Denn fatal wäre es, wenn wir den Zeitpunkt verpassen würden. Wenn in Europa und den USA in die Jahre gekommene fossile Infrastruktur durch neue fossile Anlagen ersetzt würde. Sinnlos wäre es, wenn Schwellen- und Entwicklungsländer auf Kohle und Erdöl setzten, um sich wirtschaftlich und gesellschaftlich ent­wickeln zu können, weil die billiger als alternative Energiequellen sind.

Erstellt: 12.12.2014, 21:18 Uhr

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