Interview

«China hat noch nicht einmal einen kampfbereiten Flugzeugträger»

Die US-Regierung will ihr Heer auf die kleinste Grösse seit Jahrzehnten zusammenstreichen. Sicherheitsexperte Kurt R. Spillmann sagt, was das für die Supermacht bedeutet.

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Die USA wollen die Armee massiv verkleinern. Handelt es sich um eine Schrumpfkur oder eine «Neupositionierung», wie Verteidigungsminister Chuck Hagel es nennt?
Ich sehe weniger eine Schrumpfkur denn eine Verlagerung. Klar müssen auch die USA den Gürtel enger schnallen. Doch eine Streichung von rund 70'000 Mann ist in Anbetracht der gesamten Streitkräfte, die rund 1,5 Millionen aufweisen, kein essenzieller Bestandteil.

Der Status der militärischen Supermacht bleibt somit erhalten?
Die USA werden auch künftig als einzige Supermacht weltweit militärische Kräfte in bedeutenden Massen einsetzen können. Das ist noch lange nicht das Ende der amerikanischen Überlegenheit.

Trotzdem stösst die Regierung mit ihrer Kürzung auf heftige Kritik im eigenen Land.
Die Kritik ist einerseits politisch motiviert. Die konservativen Kräfte nutzen jede Gelegenheit, um Barack Obama zu schaden – einige davon sehen die Geltung der Nation lediglich in der militärischen Stärke verankert. Andererseits ist die Kritik auch wirtschaftlich motiviert. Die US-Politik ist eng mit der Waffenlobby verknüpft. Einige Kongressmitglieder unterstützen aktiv Waffenfabriken, Kasernen oder sonstige militärische Stützpunkte. Wenn Washington den Geldhahn abdreht, ist mit Widerstand zu rechnen. Weil es auch demokratische Waffenlobbyisten gibt, muss Obama auch mit Kritik aus den eigenen Reihen rechnen.

Werden die Kritiker die Kürzungen zu verhindern wissen?
Das ist nicht auszuschliessen. Auf jeden Fall werden die Gegner wieder eine heftige politische Schlacht gegen Obama inszenieren.

Sie sprachen von der US-Supermacht, die noch weiter Bestand haben wird. Haben andere Länder nicht längst aufgeholt, was die Grösse ihrer Armee betrifft?
In Zahlen gemessen ist beispielsweise die chinesische Landarmee, deren Heer die Millionengrenze übertrifft, deutlich grösser. Doch wo werden heute noch klassische Landkriege geführt? Hagel hat zu Recht betont, dass die Konflikte heute mit moderneren Mitteln ausgetragen werden.

Die chinesischen oder indischen Streitkräfte bieten also noch keine ernsthafte Konkurrenz.
In diesen Ländern wird überdurchschnittlich viel in die Armee investiert. Doch angesichts der archaischen Bewaffnung der chinesischen Streitkräfte wird es noch lange dauern, bis diese konkurrenzfähig wird. Bezeichnend ist, dass China noch nicht einmal einen kampfbereiten Flugzeugträger hat. Liaoning, der im letzten Jahr der Öffentlichkeit präsentiert wurde, taugt zurzeit lediglich als Symbol militärischer Stärke und muss noch massiv aufgerüstet werden.

Gemäss Geheimdienstberichten investieren machtambitionierte Länder wie China vermehrt in moderne Kampfmittel wie die Cybertechnik. Wie real ist diese Gefahr?
Diese Gefahr ist nicht einfach zu beziffern, weil hier weniger das Budget, sondern mehr die kreative Intelligenz eine Rolle spielt. China hat sicherlich in der Cybertechnik massiv aufgestockt. Auch Russland hat viel in den Cyberwar investiert. Die USA können es sich nicht leisten, diesbezüglich ins Hintertreffen zu geraten, und werden entsprechend aufrüsten.

Die USA scheinen immer mehr auf unbemannte Drohnen zu setzen. Wird die Regierung weiter in dieses umstrittene Kampfmittel investieren?
Die Drohnen sind sehr heikel, weil sie moralisch nicht wirklich akzeptiert sind – vor allem aufgrund des Kollateralschadens, der bei ihrer Detonation regelmässig entsteht. Die USA werden aber sicher alles dafür tun, den technischen Vorteil in diesem Gebiet zu behalten.

Bei der Marine und der Luftwaffe sortieren die USA grosszügig aus. Ist das amerikanische Kriegsmaterial veraltet?
Teilweise handelt es sich tatsächlich um museumsreife Stücke. Das Spionageflugzeug U-2 (siehe Bildstrecke links) spielte ja bereits im Kalten Krieg eine tragende Rolle. Wir erinnern uns beispielsweise an den Vorfall im Jahr 1960, als eine U-2 in den Kampfbereich der sowjetischen Streitkräfte geriet und über dem Ural abgeschossen wurde. Auch der Langstreckenbomber B-52 dürfte bald aussortiert werden. Zu Recht, denn das Schlachtfeld ist heute anders als im Kalten Krieg.

Die USA scheinen nicht mehr bereit, mehrere Kriege gleichzeitig zu führen. Täuscht dieser Eindruck?
Washington hält sich diesbezüglich mit klaren Aussagen zurück. Doch es zeichnet sich schon länger ab, dass sich das militärische Interesse der USA in Richtung Südpazifik verschoben hat. Die beiden grossen Landkriege, die im Irak und in Afghanistan nach 9/11 geführt wurden, waren kostspielig und wenig erfolgreich. Die komplexe Stammeskultur muslimischer Länder wurde unterschätzt. Eine Demokratie im westlichen Sinn liess sich – trotz massiven militärischen Drucks – nicht über Nacht einführen. Das haben die USA mittlerweile erkannt.

Darf die EU künftig mit noch weniger militärischer Unterstützung seitens der USA rechnen, als dies heute schon der Fall ist?
Das Thema «Lastenteilung» bei der gemeinsamen Verteidigung hat im Dialog zwischen den USA und Europa schon immer – praktisch seit Gründung der Nato 1949 – eine zentrale Rolle gespielt. Die USA hatten während des ganzen Kalten Krieges immer den Eindruck, die europäischen Staaten liessen die «reichen USA» die Hauptlast für die westliche Verteidigung tragen. Das Bekenntnis zur Nato ist zwar immer noch intakt, aber Europa ist in seiner Bedeutung durch die amerikanische «strategische Wende zum Pazifik» faktisch zurückgestuft worden.

Ist die Verkleinerung auf rund 450'000 Mann nicht einfach ein Schritt zurück in die Normalität? Vor 2001 bewegte sich die Grösse in einer ähnlichen Dimension.
Der Schock von 9/11 löste Aufrüstung in allen Sicherheitsvarianten aus. Unter dem Spardruck der Finanzkrise liessen sich solche Investitionen schwieriger rechtfertigen.

Im Volk stösst die Armee jedoch auf starken Rückhalt. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts PEW sprechen sich nur 28 Prozent der Bevölkerung für Kürzungen aus.
Ein grosser Teil der amerikanischen Bevölkerung hat einen konservativen Grundcharakter, der Patriotismus ist gross. Dazu gehört, dass für viele Amerikaner das nationale Bewusstsein an die militärische Stärke gekoppelt ist. Das zieht sich bis in liberale Kreise hinein.

Erstellt: 25.02.2014, 15:16 Uhr

Kurt R. Spillmann: Der Schweizer Sicherheitsexperte hat das Centre for Security Studies der ETH Zürich 1986 gegründet und bis 2002 geleitet.
(Bild: Keystone / Gaetan Bally)

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