Clinton 2020? Demokraten sind alarmiert

Seit der verlorenen Wahl zeigen Fotos Hillary Clinton oft beim einsamen Wandern. Dass sie die Politik aufgibt, glaubt kaum jemand.

Will sie nochmal? Hillary Clinton bei einer Veranstaltung Mitte November 2016. Foto: Joshua Roberts (Reuters)

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Hillary allein in der Wildnis. Hillary beim einsamen Joggen durch den Wald. Hillary trifft Passanten auf der Landstrasse. Hillary mit Bill. Hillary radelt. Hillary mit Freunden. Hillary spaziert am Strand. Hillary wandert.

Bilder wie diese wurden kurz nach dem 8. November 2016 und der verheerenden Wahlniederlage von Hillary Rodham Clinton getwittert. Ein eigener Account entstand, «HRC in the Wild» (HRC in der Wildnis), und die User wurden gebeten, die Augen nach Clinton offen zu halten. «Gesichtet? Sende Hinweise an info@hrcinthewild.com».

Was wie Hohn klang über eine Politikerin, die nach dem Sieg von Donald Trump in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden schien, war tatsächlich eingefädelt worden von Adam Parkhomenko, einem der wichtigsten Clinton-Berater. Er organisierte für die Kandidatin das wichtigste Super-PAC (Political Action Committee) als Spendensammelmaschine und eine Graswurzel-Bewegung für kleinere finanzielle Zuwendungen. Und mit «HRC in the Wild» stellte er sicher, dass Clinton über den Wahltag hinaus ein Thema blieb in sozialen Netzwerken und Amerikas Medien.

«Es kommt nicht darauf an, ob du niedergeschlagen wirst, sondern dass du wieder aufstehst», hatte Clinton in ihren Wahlkampfreden gern gesagt. Nach dem 8. November klang das indes nach lautem Pfeifen im dunklen Keller. In der Nacht ihrer Niederlage hatte sie zwar Trump angerufen und ihm gratuliert. Aber vor ihre Fans traute sie sich in diesen schweren Stunden nicht. Sie habe morgens um 6.30 Uhr nach durchheulter Nacht einen Freund angerufen und sei «untröstlich» gewesen, will der Clinton-kritische Bestsellerautor Ed Klein erfahren haben. Immerhin hatte die Demokratin bereits zum zweiten Mal aus vermeintlich sicherer Führung verloren. 2008 musste sie sich dem Aussenseiter Barack Obama geschlagen geben, und jetzt war sie von dem als völlig chancenlos eingestuften Trump gerupft worden. Das war’s!

War’s das? An diesem Freitag ist Hillary Clinton bei der Inauguration von Präsident Trump dabei, nicht als unterlegene Rivalin, sondern als einstige First Lady an der Seite von Ex-Präsident Bill Clinton, der ebenso nach Washington kommt wie Jimmy Carter und George W. Bush; nur dessen Vater, George H.W. Bush, wird wegen seines angeschlagenen Gesundheitszustandes nicht dabei sein.

Manche bezweifeln, dass Hillary sich bereits als Ruheständlerin sieht. «Ich denke, wenn sie nochmals kandidieren will, und meine Einschätzung ist, das will sie wahrscheinlich, weil das alle immer wollen, ja, dann, denke ich, macht sie einen guten Job, das vorzubereiten», sagte im Dezember Brad Bannon, ein Stratege der Demokraten und Wahlkampfberater.

Kampf gegen Fake News

Rund zwei Wochen nach der Wahl führte Clinton wieder Gespräche mit Topdemokraten. Und am 9. Dezember tauchte sie erstmals wieder im Senat auf. Es ging um die Verabschiedung des demokratischen Minderheitsführers Harry Reid, und die Wahlverliererin verband ihr Lob für den Parteifreund mit dem Appell, gemeinsame Massnahmen gegen Fake News zu entwickeln. Im Wahlkampf waren Clinton unter anderem lästige bis tödliche Krankheiten angedichtet worden, und als im Internet ein Restaurant genannt wurde, in dessen Hinterzimmer die vormalige Aussenministerin angeblich Kinder zur Prostitution feilbieten lasse, reiste ein Clinton-Gegner dort mit dem Gewehr an und schoss um sich, um die Kinder zu befreien. Gott sei Dank wurde niemand verletzt, und Gott sei Dank hatte der Pub auch nichts mit Pädophilie oder Prostitution oder Hillary Clinton zu tun.

Doch würden sich die Demokraten tatsächlich erneut einer Frau anvertrauen, der nicht nur das Image einer Verliererin anhaftet, sondern auch das einer Kriminellen und Betrügerin? Trump hat dafür gesorgt, indem er sie ständig als „crooked Hillary“, als betrügerische Person beschimpfte. Aber sie hat ihm die Diffamierung erleichtert. Obwohl Clinton wohl bereits 2009 beschloss, einen weiteren Anlauf fürs Weisse Haus zu unternehmen, brach sie mit der Benutzung ihres privaten E-Mail-Accounts während ihrer Zeit im State Department eindeutige Regierungsvorschriften. Das trug ihr die E-Mail-Affäre ein und jene «Lock her up!»-Rufe («Sperrt sie ein!») aus dem Trump-Lager.

Auch hätte Clinton eine klare Trennlinie zwischen dem von ihr geführten State Department und der familieneigenen Clinton-Stiftung ziehen müssen. Sie war zu siegesgewiss und arrogant, um vor dem Antritt zur Wahl alle Schwachstellen auszubessern, die sie als ethisch zweifelhaft und ewige Trickserin erscheinen liessen.

Andere Faktoren, die nicht in ihrer Macht lagen, kamen hinzu, darunter die Hacker-Angriffe auf die Server der Demokraten, von denen Trump, in welcher Grössenordnung auch immer, profitierte, und das seltsame Gebaren von FBI-Chef James Comey, der wenige Tage vor der Wahl die Ermittlungen gegen die Kandidatin wieder aufnahm.

Will Clinton es wirklich noch einmal wissen, müsste sie jetzt nicht nur beginnen, ihr eigenes Image aufzuhübschen, sondern vor allem darauf hoffen, dass Trump im Amt versagt und die Mittewähler zu ihr wechseln. 2020 würde Clinton als 73-Jährige antreten. Falls Trump dann weiterhin Präsident ist und sich für die zweite Amtszeit bewirbt, wäre er 74 Jahre alt. Das Alter spricht mithin nicht zwingend gegen sie.

Verzweifelte Kandidatensuche

Gleichwohl hoffen die meisten Demokraten, mit denen man derzeit spricht, auf geeignetere Kandidaten für 2020. Die linke Professorin und Senatorin Elizabeth Warren wird genannt. Aber sie ist, erstens, auch nur anderthalb Jahre jünger als Clinton und wird, zweitens, dermassen weit am linken Rand verortet, dass Wähler der Mitte abgeschreckt werden dürften.

Kamala Harris, zuvor Staatsanwältin und seit November Senatorin aus Kalifornien, wurde bekannt, weil sich Barack Obama vor vier Jahren bei ihr entschuldigen musste. Der Präsident hatte Harris in einer Rede zur «bestaussehenden Staatsanwältin des Landes» erklärt; den Tugendwächtern der Political Correctness gilt so etwas als Verstoss gegen die Auflage, nie über Äusserlichkeiten von Frauen zu urteilen. Senatorinnen wie Kirsten Gillibrand, die in New York 2009 Hillary Clinton ablöste, sowie Amy Klobuchar aus Minnesota und die Bein-amputierte Irak-Veteranin Tammy Duckworth aus Illinois sind ebenfalls denkbare Anwärter.

Die männlichen Alternativen beginnen mit Clintons «running mate» Tim Kaine. Der Senator aus Virginia ist durch den Wahlkampf US-weit bekannt geworden und vertritt zudem mittige Positionen. Bernie Sanders, der «demokratische Sozialist» aus Vermont, war Clintons überraschend starker Rivale in den Primaries. Doch 2020 wäre Sanders 79 Jahre alt, und das spricht gegen einen weiteren Anlauf. Ähnliches gilt für für den etwa ein Jahr jüngeren, gerade scheidenden Vizepräsidenten Joe Biden.

Gerade einmal 51 Jahre alt sein wird dann der afroamerikanische Senator Cory Booker, einst Bürgermeister von Newark. Martin O’Malley, der ehemalige Gouverneur von Maryland, ist Jahrgang 1963 – aber er bewarb sich schon voriges Jahr um die Nominierung, und kaum jemand bekam das mit. Genannt werden ausserdem Senator Chris Murphy (Connecticut), Gouverneur John Hickenlooper aus dem Swingstate Colorado und Deval Patrick, der schon einmal einen Republikaner beerbte, nämlich Mitt Romney als Gouverneur von Massachusetts.

Partei will eine andere Lösung

Die Kandidatin vieler Demokraten-Herzen hat abgesagt: Die bisherige First Lady Michelle Obama sagt, sie wolle ihrem Mann nicht ins höchste Amt folgen. Das kann ernst gemeint sein, muss andererseits aber auch nicht viel heissen – wie viele Politiker haben zuerst abgelehnt und sind später doch in den Ring gestiegen, «um dem Wunsch der Wähler zu entsprechen»? Die Obama-Töchter Sasha und Malia werden bei der nächsten Wahl 22 und 19 Jahre alt sein und taugen nicht als Begründung, warum die Mama es nicht versuchen sollte.

Trotzdem: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Michelle Obama der Tortur aussetzt, die ihren Mann binnen acht Jahren massiv ergrauen liess, scheint geringer als die Chance, dass es Hillary Clinton nochmals wissen will. Aber die Hürden sind diesmal gewaltig. Die Partei wird alles daransetzen, eine andere Lösung zu finden. (Die Welt)

Erstellt: 19.01.2017, 21:20 Uhr

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