Das Geld ist alle!

Vor 14 Jahren verhängte Argentiniens Regierung eine Kontensperre, wie sie nun in Griechenland gilt. Kurz darauf war das Land pleite. Was den Griechen nun bevorstehen könnte.

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Eines Morgens war alles Geld weg. Kein Bankautomat spuckte mehr Scheine aus. Argentiniens Finanzkrise stiess an ihren kritischen Punkt im April 2002, als alle Banken eine Woche lang in «Urlaub» gehen mussten. Diese totale Kontensperre war die Notbremse, gezogen von der Regierung, weil immer mehr Gerichte die Banken dazu verpflichtet hatten, Sparern ihre Einlagen voll auszubezahlen – trotz eines Abhebelimits, wie es nun auch Griechenlands Regierung verhängte. «Bankenferien»: Ein Mann steht in Argentinien vor verschlossener Bank (22. April 2002). (Keystone)

Aber der Reihe nach: Seit der gigantischen Abwertung des Nachbarn Brasilien 1998 war Argentiniens Wirtschaft im Sinkflug. Trotz steigender Arbeitslosigkeit und sozialer Proteste wollte die Regierung de la Rúa nicht die 1:1-Bindung des Peso zum Dollar opfern, die dem Land die süsse Illusion gab, Teil der ersten Welt zu sein. Stattdessen machte man immer mehr Schulden im Ausland – zu immer schlechteren Konditionen.

Lastwagen voller Dollarscheine

Im Oktober 2001 verweigerte der IWF weitere Kredite. Darauf räumten viele Argentinier, vor allem die besser verdienenden und besser informierten, ihre Konten leer. Lastwagen voller Dollarscheine fuhren nach Uruguay, das kleine Land mit dem grossen Bankgeheimnis auf der anderen Seite des Rio de la Plata. Allein am 30. November flossen 1,5 Milliarden Dollar aus dem Finanzsystem ab.

Am 1. Dezember sperrte die Regierung die Privatkonten – maximal 250 Pesos pro Woche durften die Kontoinhaber noch abheben. Durch die 1:1-Koppelung entsprach dieser Betrag 250 Dollar. An Weihnachten erklärte sich das Land ausser Stande, seine Schulden zu bedienen. Der Präsident, der den grössten Zahlungsausfall der Geschichte erklärte, trat sieben Tage später wieder zurück. Insgesamt fünf Staatsoberhäupter zählte Argentinien zwischen dem 20. Dezember 2001 und dem 3. Januar 2002.

Ein Staat in Auflösung

Als sich Eduardo Duhalde schliesslich die blau-weiss-blaue Amtsschärpe überstreifen liess, übernahm er einen Staat in Auflösung. Auf den Strassen demonstrierten Arme und Arbeitslose, Aktionäre und Anleger. In dem Land, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein höheres Durchschnittseinkommen hatte als Frankreich oder Deutschland, waren 57 Prozent der Bevölkerung unter die Armutsgrenze gerutscht.

«Sie sollen alle abhauen»: Ein Demonstrant zeigt ein Bild von Argentiniens Präsident Eduardo Duhalde (19. Dezember 2002). (Keystone)

Die Mittellosen wollten die Supermärkte ausräumen und der Mittelstand die Sparkonten. «Que se vayan todos!» schrie es Politikern und Funktionären von den Strassen entgegen, Sie sollen alle abhauen! Dazu schepperten Töpfe, Backbleche, ganze Schiffsglocken durch drückende Sommernächte. Monatelang blieben die Konten gesperrt. 34'000 Sparer erklagten sich vor Gericht dennoch den Zugriff auf ihr Geld – bis die Regierung alle Banken schloss.

In langen Schlangen standen die Menschen vor den Wechselstuben, um jeden verdienten Peso in Dollars zu tauschen, denn allen war klar, dass Duhaldes erste Abwertung um 40 Prozent nicht reichen werde. Zu Jahresende hatte der nunmehr frei floatende Peso drei Viertel seines Wertes verloren. Weil nicht genügend Geld im Umlauf war, kehrten viele Bürger zum Ur-Handel zurück. Auf Tauschmärkten gab es einen Haarschnitt für zwei Stück Kuchen. Viele Provinzen druckten Schuldscheine, um ihre Staatsdiener zu bezahlen. Insgesamt 17 Parallelwährungen waren im Umlauf.

Währungschaos legte Importe auf Monate lahm

Wer solche Papiere bekam, die aussahen wie schlecht gefälschte Banknoten, versuchte, sie so schnell wie möglich wieder auszugeben. So kurbelte das Geld, das keines war, tatsächlich den Konsum an. Und wiedererweckte die inländische Industrie, denn Importe, bislang begünstigt durch die Dollarparität des Peso, waren durch das Währungschaos über Nacht auf Monate lahmgelegt worden. Nach den «Bankferien» im April 2002 lockerte Duhaldes Regierung allmählich die Bankensperre für kleine Anleger, fror gleichzeitig aber Guthaben über 10'000 Pesos gänzlich ein.

Dieser «Corallón» (grosses Gatter) währte noch ein weiteres Jahr. 2,4 Millionen Haushalte ohne Einkommen bekamen 30 bis 70 Euro Nothilfe. Und dieses Geld floss voll in den Konsum. «Wir haben den Kahn aus eigener Kraft wieder flottgemacht», sagt der damalige Finanzminister Roberto Lavagna gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Tatsächlich bewirkte die Abwertung, dass viele gehortete Dollars aus Matratzen oder aus Uruguay wieder in die Wirtschaft flossen. Wer sein Erspartes rechtzeitig aus der Bank geholt und in Dollars getauscht hatte, konnte nun günstig an Immobilien und Ländereien kommen. Eine Vierzimmerwohnung im noblen Hauptstadtviertel Belgrano war 2002 etwa für 60'000 Dollar zu kaufen. Heute kostet sie das Fünffache. Gute landwirtschaftliche Flächen haben ihren Wert, dank des Soja-Booms, verzehnfacht. Erneuter Krisenmodus: Argentiniens heutige Präsidentin Cristina Kirchner. (Keystone)

2002 war ein hartes Jahr. Um elf Prozent schrumpfte Argentiniens Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit lag bei 21 Prozent, die Inflation bei 40. Doch dann konnte das Land mit niedrigen Kosten auf die Weltmärkte zurückkehren. Zwischen 2003 und 2008 legte die Wirtschaft um 50 Prozent zu – und schuf ein politisches Kapital, von dem die Präsidentin Cristina Kirchner bis heute zehrt, obwohl das Land längst wieder im Krisenmodus fährt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Erstellt: 30.06.2015, 11:35 Uhr

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