Das Opfer von Christine Blasey Ford war nicht vergeblich

Brett Kavanaugh wurde zum Obersten Richter ernannt – trotz aller Vorwürfe. Dennoch zeigt das Beispiel, wie wirkungsvoll die #MeToo-Debatte ist.

Brett Kavanaugh gilt als erzkonservativer Jurist. Foto: Reuters

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Nun ist Brett Kavanaughs Berufung an den Obersten US-Gerichtshof amtlich. Die Ernennung fällt auf ein Jubiläum: Vor einem Jahr wurde mit den Missbrauchsvorwürfen gegen Filmproduzent Harvey Weinstein die #MeToo-Bewegung gegen Alltagssexismus angestossen. Weltweit rapportierten Frauen, wie Männer ihre Machtpositionen für sexuelle Übergriffe ausnutzten, viele prominente Männer mussten ihre Posten räumen, manche entschuldigten sich, andere stritten die Vorwürfe ab. Weltweit wurde die Bewegung auch von kontroversen Diskussionen begleitet. Insbesondere die Frage, wie mit lang zurückliegenden Taten umzugehen ist, wie mit Vorwürfen von moralisch verwerflichem, aber nicht strafbarem Verhalten und wie mit der Tatsache, dass die meisten solcher Vorfälle ohne Zeugen stattfinden und kaum zu beweisen sind.

Der Fall Kavanaugh ist vor diesem Hintergrund besonders bemerkenswert. Pessimistisch betrachtet, bedeutet die Ernennung des konservativen Richters an den Obersten Gerichtshof, trotz der an ihn gerichteten Vorwürfe, einen Rückschritt: Mit grössten Vorbehalten und letztlich unfreiwillig outete sich Christine Blasey Ford als sein mutmassliches Opfer. Er soll sie sexuell attackiert haben, als sie beide noch Teenager waren. Ford nahm es auf sich, ihre Vorwürfe vor den Justizausschuss des Senats und damit an die Öffentlichkeit zu bringen, und initiierte damit eine breite Kontroverse um Kavanaugh, aber auch um die Trinkkultur an amerikanischen Colleges, die immer mal wieder in der Kritik steht, auch im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen.

Doch obschon selbst ihre Gegner Fords Auftritt als ausserordentlich glaubwürdig einschätzten, änderte er nichts an Kavanaughs Berufung. Dafür machte sie sich mit ihrem Engagement zur Zielscheibe einer unappetitlichen Allianz von Trump-Unterstützern, #MeToo-Feinden und Konservativen aller Art. Als nunmehr öffentliche Person ist sie permanent Angriffen und Belästigungen ausgesetzt. Den traurigen Tiefpunkt lieferte Trump selber, als er sich bei einem Rallye darüber lustig machte, dass die Psychologieprofessorin sich nicht an gewisse Details des Übergriffs erinnern konnte.

Von Anfang an formulierte Ford die Befürchtung, sich zu outen könnte für sie bedeuten, «vor einen Zug zu springen, der dorthin fährt, wo er eben hinfährt» – mit dem Risiko, persönlich vernichtet zu werden, ohne etwas bewirken zu können. Sie hatte mit ihrer Einschätzung recht – aber nur was sie persönlich betrifft. Wenn sie diesen Zug nicht bremsen konnte, dann deswegen, weil der Streit um Richter Kavanaugh hochgradig politisch war. Doch es werden neue Züge kommen mit neuen Zugführern, und irgendwann wird man solche Vorkommnisse nicht mehr als mindere Kollateralschäden abtun können.

Doch es gibt auch eine optimistische Perspektive. Die gewaltige Resonanz auf die Affäre Kavanaugh zeigte, dass man heute viel weniger gewillt ist als früher, solche Vorwürfe einfach als irrelevant abzuschmettern und unter Verschluss zu halten. Fords Anhörung war eine Warnung an College-Boys, dass sexuelle Übergriffe, wie Frau Ford sie mutmasslich erlebt hat, einen auch Jahre später noch einholen können. Dass betroffene Frauen sich noch nach Jahrzehnten genau daran erinnern können, wer ihnen was angetan hat. Und wenn die Beweislage besser ist: dass sie auch Karrieren vernichten können.

Natürlich hätte man sich mehr gewünscht. Klarere Beweise, die die Sachlage hätten klären können. Man hätte sich gewünscht, dass Ford für ihren Mut belohnt und nicht bestraft wird. Trotzdem war Fords Auftritt auch ein Signal an die Betroffenen. Nämlich dass solche Verbrechen angeklagt gehören, dass Täter zur Verantwortung gezogen werden müssen, je früher, desto besser, dass Opfer Gehör finden.

Gesellschaftliche Veränderungen sind nicht linear, sondern spiralförmig. Es gibt Enttäuschungen und Rückschritte. Trotzdem markiert der Fall Kavanaugh, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Frau Blasey Ford wird aus der Öffentlichkeit verschwinden. #MeToo wird es nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2018, 18:20 Uhr

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