Porträt

Das Phantom aus Sinaloa

Der mexikanische Drogenboss Chapo Guzmán ist seit Bin Ladens Tod der meistgesuchte Mann der Welt. Der grösste Dealer aller Zeiten war er schon vorher.

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Das Phantom erschien im November 2008 in Culiacán, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Sinaloa. Sein Auftritt im Restaurant Las Palmas war begleitet von bewaffneter Freundlichkeit: Mehrere Männer betraten den Saal, verriegelten die Tür und schlugen die Jacketts ihrer Anzüge zurück, damit man ihre Pistolen sah. «Meine Damen und Herren, bleiben Sie ganz ruhig. Bitte geben Sie Ihre Handys ab, und rühren Sie sich nicht von der Stelle. Essen Sie einfach weiter», sagte einer.

Unter den Gästen breitete sich stummer Schrecken aus. Schliesslich öffnete sich die Tür ein weiteres Mal, und ein kleiner, vierschrötiger Mann mit breitem Unterkiefer trat ein: Joaquín Guzmán Loera alias Chapo Guzmán. Der Boss des Sinaloa-Kartells. Der legendäre Grossverbrecher begab sich mit einigen Gefährten zum Essen in einen Nebensaal. Das Mahl dauerte zwei Stunden. Am Ende bezahlte er, auch für all seine Geiseln, und verschwand. «Hier haben Sie Ihre Handys zurück», sagte ein Leibwächter. «Vielen Dank für die freundliche Kooperation.»

5 Millionen für seinen Kopf

Es vergeht in Mexiko kaum ein Tag, an dem nicht irgendjemand behauptet, Chapo Guzmán (den kleinen Guzmán) gesehen zu haben: in einem gottverlassenen Dorf im goldenen Dreieck – dem von der Mafia beherrschten Grenzgebiet zwischen den Bundesstaaten Sinaloa, Durango und Chihuahua – oder auf der Uferpromenade der Küstenstadt Mazatlán. Selbst der Erzbischof des Bundesstaates Durango liess einmal verlauten: «Chapo Guzmán lebt in der Nähe des Dorfes Guanaceví. Alle wissen das, nur die Polizei offensichtlich nicht.» Die Berichte über das Phantom dürften fast ausnahmslos auf Trugbildern beruhen. Den Auftritt im Restaurant Las Palmas hingegen haben mehrere Gäste und Kellner bestätigt.

Es gibt in der Geschichte der lateinamerikanischen Drogenmafia nur eine Figur, deren Aura sich mit jener von Chapo Guzmán vergleichen lässt: Pablo Escobar, ehemals Chef des Kartells von Medellín, in den 80er-Jahren Kolumbiens Staatsfeind Nummer eins, am 2. Dezember 1993 nach langer Flucht von einer Spezialeinheit der kolumbianischen Armee erschossen. Bis vor kurzem galt Escobar als der reichste, mächtigste, gefährlichste Narco-Boss, der jemals lebte. Der amerikanischen Drogenpolizei DEA zufolge hat der Mexikaner ihn entthront: «Chapo Guzmán leitet ein solch gewaltiges Verbrechersyndikat, dass er zum grössten Dealer aller Zeiten geworden ist», sagte ein Spitzenfunktionär der DEA kürzlich der US-Zeitschrift «Forbes». Für Guzmáns Ergreifung hat Washington eine Belohnung von 5 Millionen Dollar ausgesetzt. Während sich Escobars Geschäft aufs Kokain beschränkte, handelt der Mexikaner auch mit Marihuana, Heroin und synthetischen Drogen. Er exportiert nicht bloss in die USA, wo er ein Viertel des Drogenmarktes kontrolliert, sondern auch nach Europa, Asien und neuerdings sogar nach Australien. Sein Sinaloa-Kartell erzielt Schätzungen zufolge einen Umsatz von rund 18 Milliarden Dollar jährlich – fast gleich viel wie alle anderen mexikanischen Kartelle zusammen.

Obsessive Verehrung der Mutter

Guzmáns Syndikat schmuggelt Drogen in Frachtflugzeugen und Propellermaschinen, in Unterseebooten, Containerschiffen, Schnell- und Fischerbooten, Eisenbahnwagen, Traktoren und Autos. Mit einem mutmasslichen Vermögen von einer Milliarde Dollar belegt Guzmán den 1140. Rang auf der «Forbes»-Liste der Reichsten weltweit. Auf der Liste der Mächtigsten erscheint er an 60. Stelle, und auf jener der meistgesuchten Verbrecher ist er nach dem Tod von Osama Bin Laden an die Spitze gerückt. Einstige Gefährten sagen über den 54-Jährigen, er könne kaum lesen, besitze aber einen untrüglichen Geschäftssinn, sei gerissen, wachsam, misstrauisch. Die Absichten seiner Untergebenen, Partner und Feinde durchschaue er auf Anhieb. Die kleine Statur, die bäurische Sprechweise und die einfache Art, mit der er sich kleidet, lassen ihn wie einen Kleinkriminellen erscheinen, weshalb er früher oft unterschätzt wurde.

Die DEA hält in einem Bericht denn auch fest: «Chapo Guzmán denkt im grossen Stil. Wenn er sich zu einem Drogendeal entschliesst, geht es um Tonnen.» Ähnlich wie einst Pablo Escobar verehrt der Boss des Sinaloa-Kartells seine Mutter obsessiv. Er könne zuvorkommend und charmant sein, aber er vergesse und verzeihe nichts, erzählt ein Ex-Mitglied des Sinaloa-Kartells. Im Gegensatz zu anderen Drogenbossen töte Chapo Guzmán nicht zum Vergnügen, sondern versuche, unnötiges Blutvergiessen zu vermeiden. Wenn er sich aber entschliesse, Gewalt anzuwenden, dann sei er gnadenlos. Fehler toleriere er nicht. Nachdem eine Buchhalterin des Syndikats viel Geld verloren hatte, habe er zum Beispiel den Auftrag zu ihrer Beseitigung erteilt. Der junge und unerfahrene Killer habe aus Versehen jedoch eine Unschuldige umgebracht. Daraufhin habe Chapo Guzmán eine Sitzung einberufen, um in Anwesenheit des Versagers über dessen Schicksal zu beraten. Am Ende sei dieser mit einem Genickschuss hingerichtet worden.

In Liedern verherrlicht

Zu den beliebtesten musikalischen Genres gehört in Mexiko der Narcocorrido: volkstümliche, von Akkordeon, Bläsern und Gitarren orchestrierte Lieder, die das abenteuerliche Leben der Drogenbosse verherrlichen. In einem heisst es: «Als er geboren wurde, fragte die Amme, wie er heissen solle. / Sein Nachname war Guzmán Loera, sein Rufname Joaquín. / Um essen zu können, / verkaufte er als Kind in den Bergen Orangen. / Nie hat er sich deshalb geschämt, / im Gegenteil, er erzählt es mit Würde. / Heute führt er das stärkste Kartell, das es gibt. / Er ist ganz und gar aus Culiacán / und sagt es mit Stolz: Ich bin Chapo Guzmán.»

Chapo Guzmán wurde 1957 in La Tuna geboren, einem kleinen Bergdorf in Sinaloa. Über den Bundesstaat an der Pazifikküste, aus dem die meisten mexikanischen Mafiaclans stammen, sagt der einheimische Schriftsteller Élmer Mendoza: «Es gibt hier eine Tendenz zur Todesverachtung. Schon die spanischen Eroberer, die sich in Sinaloa niederliessen, waren ungewöhnlich hart, sonst hätten sie sich niemals gegen die karge Natur behaupten können.» Die nächste Schule lag 100 Kilometer entfernt, sodass ab und zu ein Wanderlehrer den künftigen Drogenboss und seine sieben Geschwister unterrichtete. Das Leben war geprägt von Armut, Alkoholismus, Gewalt. Fliessendes Wasser gab es nicht.

Eine Kindheit im Drogensumpf

Später sollte Chapo Guzmán einer Geliebten erzählen, er habe sich nie als Kind gefühlt, keine Sekunde lang. Der alte Guzmán war offiziell Bauer und Viehzüchter, doch wie fast alle Dorfbewohner lebte er hauptsächlich vom Anbau und Verkauf von Mohn. Sein Sohn musste im Morgengrauen jeweils den zweistündigen, steilen Weg zu den Mohnfeldern zurücklegen, um ihm bei der Ernte zu helfen. Chapo Guzmán wuchs mit dem Drogenhandel auf. Sein einziges Ziel war, der Armut von La Tuna zu entkommen. Auf welche Weise auch immer.

Miguel Ángel Félix Gallardo, der damalige Pate des mexikanischen Drogenhandels, bemerkte, wie entschlossen, schlau und skrupellos Guzmán war, und gab ihm eine Chance. Chapo Guzmán nutzte sie. Er verschaffte sich unter den Dealern Respekt, weil er jede Lieferung in die USA wie ein Besessener überwachte. Er liess an der Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko Schmuggeltunnel bauen, die mit Lüftungen, elektrischem Licht und sogar Aufzügen ausgestattet waren. Als die Polizei Félix Gallardo 1989 verhaftete, brach sein Verbrechersyndikat auseinander. Chapo Guzmán scharte einen Teil der Killer und Schmuggler hinter sich und gründete das Sinaloa-Kartell.

Luxusleben im Gefängnis

Vier Jahre später geriet auch er in die Fänge der Ordnungshüter. Die Zeit, die er im Gefängnis verbrachte, liess ihn endgültig zum Mythos werden. Dank seiner unermesslichen Korruptionsmacht kommandierte er nicht nur seine Mitgefangenen herum, sondern auch die Wärter und die Anstaltsdirektion. Er erzwang, dass die Kommandanten des Wachpersonals durch Männer aus Sinaloa ersetzt wurden. Das Essen erhielt er aus den besten Restaurants, und wenn er Alkohol, Drogen oder Prostituierte verlangte, wurden seine Wünsche erfüllt. Einmal spielte eine Mariachi-Band auf, und für ein Weihnachtsessen wurden einem Ex-Wärter zufolge 500 Liter Wein sowie Hummersuppe, Filets Mignon und eine erlesene Auswahl an Käse in einem Lastwagen geliefert. Ein Häftling namens Jaime Leonardo Valencia nahm sich der wenigen Aufseher an, die der Bestechung durch Guzmán zu trotzen wagten. «Ich habe gehört, du weigerst dich, unser Freund zu sein», sagte er jeweils, klappte einen Laptop auf und fügte hinzu: «Kein Problem. Aber schau, hier haben wir deine Adresse und die Daten deiner Familie.»

Im Hochsicherheitsgefängnis Puente Grande war Chapo Guzmán der unangefochtene Chef, doch vor einem hatte er Angst: dass man ihn an die USA ausliefern könnte. Als einige Aufseher die skandalösen Zustände anzeigten und sich die Indizien verdichteten, dass Guzmán an die US-Justiz überstellt werden sollte, ergriff er am 19. Januar 2001 die Flucht. Ungeklärt ist, ob er sich in einem Wäschewagen versteckte und von einem Aufseher ins Freie gefahren wurde oder ob er das Gefängnis als Polizist verkleidet verliess. Es zirkulieren auch Gerüchte, wonach sich Chapo Guzmán schon zuvor aus der Anstalt entfernen durfte, wann immer er wollte, und dass er einfach nicht zurückgekehrt sei. Die Flucht machte ihn zu jenem Phantom, das er bis heute ist. Sie liess auch den Verdacht aufkommen, er habe mit Exponenten der konservativen Regierungspartei PAN einen Pakt geschlossen und für seine Befreiung Millionen bezahlt. Vicente Fox, kurz vor Guzmáns Flucht mexikanischer Präsident geworden, kommentierte: «Da haben wir aber ein böses Gegentor erhalten.»

Chapo Guzmán ist ungreifbar, unverletzlich ist er nicht. Killer eines verfeindeten Kartells mähten seinen Sohn Édgar – eines von mindestens neun Kindern – nieder, als er 22 Jahre alt war. Einer seiner Brüder wurde im Gefängnis ermordet. Doch der kleine Mann aus den Bergen von Sinaloa gibt niemals auf. Vor einem Monat gebar seine Gattin Emma Coronel, die er 2007 kurz nach ihrem 18. Geburtstag geheiratet hatte, in einer Privatklinik in Kalifornien Zwillinge. Emma Coronel ist die dritte oder vierte Ehefrau des Drogenbosses. Die Rubrik «Vater» auf den Geburtsscheinen der beiden neugeborenen Mädchen blieb leer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2012, 12:11 Uhr

(Bild: TA-Grafik mt)

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