Das Schweigen der Emma Gonzalez

Hunderttausende demonstrieren am «Marsch fürs Leben» für ein schärferes US-Waffenrecht. Es sind die grössten Proteste seit Jahrzehnten – und sie enden in Washington mit einem besonderen Auftritt.

Gut einen Monat nach dem Schulmassaker von Parkland mit 17 Toten ist es in den USA landesweit zu Massenprotesten gegen Waffengewalt gekommen. (Video: Tamedia/AFP)

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Dann steht Emma Gonzalez endlich auf der Bühne, hinter ihr die Kuppel des Kapitols, vor ihr die Hunderttausenden Menschen auf der Pennsylvania Avenue. Niemand werde die ganzen Folgen des Amoklaufs von Parkland jemals erfassen können, sagt sie mit rascher, gepresster Stimme. Sie zählt die Namen ihrer 17 jungen Mitschüler auf, die in Florida erschossen wurden, und sagt: nichts mehr. Eine gefühlte Ewigkeit blickt sie über die Köpfe der Menge, die Lippen zusammengepresst, Tränen im Gesicht. Zwei, drei, vier Minuten. Selten war ein Schweigen so laut.

Sechs Minuten und zwanzig Sekunden lang bleibt Gonzalez insgesamt auf der Bühne, so lange, wie der Schütze von Parkland in der Schule um sich geschossen hatte. Die 18-Jährige mit den kurz geschorenen Haaren ist das bekannteste Gesicht der Protestbewegung, die in den vergangenen Wochen unter den Namen #NeverAgain entstanden ist. Doch Gonzalez ist, das zeigt sich an diesem Samstag in Washington, nur eine von sehr vielen jungen Menschen in Amerika, die nicht wollen, dass die Waffendebatte in diesem Land so verläuft, wie sie bisher immer verlief. Nicht dieses Mal.

Video: Emma Gonzalez schweigt 6 Minuten 20

6 Minuten 20: So lange dauerte das Blutbad an der Schule von Emma Gonzalez. (Video: Tamedia/Reuters)

Die 17-Jährige Asher geht in Indianapolis zur Schule, sie hat am Tag zuvor mit einer befreundeten Familie den Zug in die Hauptstadt genommen, um am Protestmarsch teilzunehmen. Jetzt steht sie vor dem National-Archives-Gebäude und hält ein Schild hoch, auf dem steht: «The revolution is here», die Revolution ist da. Asher hat eine Mitschülerin, die selber einen Amoklauf an einer Schule überlebt hat. «Ein wenig Angst ist immer da, wenn ich zur Schule gehe», sagt sie. Ihre Schule gelte als politisch links, die Schüler seien bekannt dafür, dass sie sich sehr für Minderheiten engagierten. «In der Klasse sprechen wir oft darüber, dass uns das auch zum Ziel eines Amoklaufs machen könnte.»

Video: Solidarität mit amerikanischen Schülern

In München zogen Demonstranten zum US-Konsulat, darunter auch die Eltern eines Mädchens aus Parkland im US-Bundesstaat Florida, die das Schulmassaker an der Marjory Stoneman Douglas High School vor rund einem Monat überlebt hatte. (Video: Reuters)

Auch an der Schule von Teagan sind Amokläufe fast täglich ein Thema. Die 12-Jährige ist mit ihren Eltern nach Washington zur Demonstration gefahren. «Ich will nicht ständig Angst um meine Mitschüler haben müssen», sagt sie. «Schon bei meinem Bruder in der Klasse machen sie dauernd Notfallübungen, und er ist erst acht Jahre alt. Das ist nicht normal.» Neben Teagan steht ihre Mutter Amy. Neulich hätten ihre Kinder sie gefragt, ob die Fenster in der Schule denn auch alle kugelsicher seien, sagt sie. «Was sagt man da dem eigenen Kind?»

Auffallend viele Frauen

Solche und ähnliche Fragen stellen sich hier viele. Die 19-jährige Megan aus Centreville in Virginia erzählt von ihrem jüngeren Bruder, in dessen Schule es in den vergangenen Wochen mehrfach zu einem «lockdown» kam, einer Totalabriegelung, nachdem bei der Polizei eine Warnung eingegangen war. «Das ist unser Alltag, und das darf nicht sein.» Auch an ihrem eigenen College habe sie ein mulmiges Gefühl, sagt Megan. «Die Türen unserer Klassenzimmer lassen sich nicht verriegeln. Es ist unheimlich zu denken, dass jederzeit einer hereinstürmen und auf uns schiessen könnte.»

Der ganze Frust vieler Amerikanerinnen und Amerikaner über die Waffengewalt: Er bricht sich an diesem Tag an Demonstrationen im ganzen Land Bahn. Eine halbe Million Menschen hatten die Organisatoren alleine beim Protestmarsch in Washington erwartet, wobei: Marschiert wird hier nicht viel. Zu dicht ist das Gedränge, zu vollgepackt die Strassen. Ganze Schulklassen sind gekommen, in den Strassen neben der Pennsylvania Avenue stehen schon Stunden vor Beginn der Demo Busse aus dem ganzen Land. Mit ihren Schülern kamen auch viele Lehrer, und, was auffällt an diesem Tag: Sehr viele Teilnehmer des Protests sind weiblich. Manche tragen Slogans der #MeToo-Bewegung.

Die Wut der Lehrer

Die Menschen haben Schilder mitgebracht, auf vielen liest man Botschaften der Trauer und der Wut. Die Leute tragen Fotos von Kindern, die in den vergangenen Jahren durch Schusswaffen getötet wurden, nicht nur in Schulen, sondern auch in Kinosälen, in Kirchen und auf der Strasse. Manche Transparente sind lustig. «Mein eigener Sohn ist Lehrer», steht auf der Tafel einer Frau, «vertraut mir: Bewaffnete Lehrer sind keine gute Idee». Gemeint ist damit der Vorschlag von US-Präsident Donald Trump, Lehrer an Schulen zu bewaffnen. Er stösst hier auf klare Ablehnung.

Zum Beispiel bei Mallary McEvoy, die als Lehrerin an einer Primarschule in Virginia arbeitet. Sie ist mit ihrer Kollegin Miranda Peterson hier. Beide studierten sie an der Virgina-Tech-Hochschule, als dort 2007 ein Amokläufer 32 Menschen erschoss. Darunter waren auch ihre Freundinnen Erin, Caitlin, Maxime und Reema. Ihre Namen stehen jetzt auf dem Schild, das Peterson in den Händen hält. «Die Waffenepidemie in diesem Land ist furchterregend», sagt sie. «Sie lässt mich daran zweifeln, ob unsere Regierung sich überhaupt noch in irgendeiner Weise für ihre Bürger interessiert.»

Hoffen auf die Demokraten

Diese Zweifel sind auch nicht kleiner geworden, nachdem Trumps Justizminister Jeff Sessions am Freitagabend ein Verbot von Bumpstocks ankündigte, den Aufsätzen, mit denen sich eine halbautomatische Waffe in eine Maschinenpistole mit Dauerfeuer umbauen lässt. Ebenfalls am Freitag hatte Trump einen Haushaltsbeschluss des Kongresses unterzeichnet, in dem sich zwar einige kleinere Massnahmen gegen die Waffengewalt finden. Darunter ist aber nichts von dem, was die Demonstranten der #NeverAgain-Bewegung fordert. Keine Verpflichtung, potenzielle Waffenkäufer einem gründlichen Background-Check zu unterziehen. Kein Verbot von Sturmgewehren und von grossen Magazinen. Keine Erhöhung der Alterslimite auf 21 Jahre für Waffenkäufer.

Viele Protestierende glauben deshalb, dass es nur einen Weg gibt, damit sich wirklich etwas ändert: über neue politische Kräfteverhältnisse. Im November sind Zwischenwahlen, in denen die Demokraten eine Mehrheit im Kongress erobern könnten. Sie werde im Herbst das erste Mal wählen gehen, sagt Asher, die 17-Jährige aus Indianapolis. «Damit sich die Waffengesetze endlich ändern, braucht es einen Machtwechsel in Washington. Der Einfluss der Waffenlobby muss gebrochen werden.» Darauf hofft auch Maddie aus Silver Springs, auch sie ist 17 Jahre alt. «Unsere Generation wird bald wählen können. Und wenn man all den Leuten zuhört, die heute hier sind, ist das inspirierend.»

So eindrücklich der Aufmarsch in Washington und anderswo in Amerika ist: Was er konkret bewirken wird, ist offen. Es gab schon andere Bewegungen vor den #NeverAgain-Protesten, die ähnlich schnell entstanden – und auch rasch wieder verschwanden. Diesmal werde das nicht passieren, glaubt Linda Rubey, die mit einem Anti-NRA-Plakat an der Pennsylvania Avenue steht. Die Pastorin arbeitet seit mehr als 25 Jahren mit Jugendlichen, die von Waffengewalt betroffen sind. Nach Washington ist sie eigens aus Michigan angereist, «um die jungen Leute zu unterstützen», wie sie sagt. «Das Thema ist nicht neu, besonders städtische Gegenden mit Minderheiten leiden darunter schon lange.»

Hoffnung mache ihr aber nun, dass die Proteste von Jugendlichen getragen würden. «Denken Sie an den Schüleraufstand in Soweto, denken Sie an die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung in den USA», sagt sie: «Diese Generation hat es in der Hand, etwas zu ändern.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2018, 18:15 Uhr

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