Hintergrund

Das Sprachrohr Snowdens

Journalist Glenn Greenwald hat die NSA-Enthüllungen publik gemacht. Das trägt ihm neben Prestige auch viel Häme ein. Einen verschwundenen Computer wertet er gar als Spur des US-Geheimdienstes.

Er war eigentlich nicht Snowdens erste Wahl: Blogger und Kolumnist Glenn Greenwald. (9. Juli 2013)

Er war eigentlich nicht Snowdens erste Wahl: Blogger und Kolumnist Glenn Greenwald. (9. Juli 2013) Bild: Reuters

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Als Glenn Greenwald nach Hongkong reiste, spürte er, dass sich sein Leben verändern würde. Und als er Edward Snowden das erste Mal traf, hatte er Gewissheit darüber. Er sollte recht behalten: Greenwald ist der «Guardian»-Journalist, der den NSA-Abhörskandal publik gemacht hat. Seither ist tatsächlich kein Stein auf dem anderen geblieben: Heute weiss die Welt, dass der US-Geheimdienst Spionage im grossen Stil betreibt, dass Kommunikationsdaten umfassend abgegriffen werden und dass weder US-Bürger noch Angehörige anderer Staaten sicher vor massiven Eingriffen in die Privatsphäre sind.

Die Brisanz dieser Informationen erweist sich mit jedem Tag als grössere Belastung für die internationale Diplomatie. Zurzeit rätselt die Weltöffentlichkeit darüber, ob der 30-Jährige das Asylangebot Venezuelas annehmen wird. Würde Snowden nach Lateinamerika ausreisen, wäre das ein Affront gegenüber dem mächtigen Nachbarn im Norden.

Und wieder ist Greenwald mitten im Geschehen und agiert als Sprachrohr Snowdens: Wie er gestern verlauten liess, ist er der Meinung, dass Snowden die Offerte Venezuelas annehmen werde (siehe Video). Zu diesem Schluss kam er nach einem verschlüsselten Onlinechat mit dem Flüchtigen – der Journalist und der Whistleblower stehen trotz erschwerter Bedingungen in regelmässigem Kontakt. «Venezuela ist ein grösseres, mächtigeres, reicheres Land [als Bolivien und Nicaragua] und verfügt über mehr Druckmittel in internationalen Beziehungen», ist Greenwald überzeugt.

«Guardian» war nicht Snowdens erste Wahl

Kein Zweifel: Greenwald legt sich für seinen Schützling ins Zeug. Schliesslich ist die Enthüllung nichts weniger als der Scoop seines Lebens. Doch warum hat sich Snowden ausgerechnet dem Starjournalisten einer britischen Publikation anvertraut und nicht einem amerikanischen Leitmedium, wo die Enthüllungen doch die USA betreffen? Die Antwort gibt mitunter Aufschluss über die politisch-medialen Verstrickungen in Washington, denn Greenwald war nicht Snowdens erste Wahl: Der «Washington Post» hatte er nämlich bereits Mitte Mai einen Teil seines Materials zugespielt. Weil sie die Dokumente nicht innerhalb von drei Tagen veröffentlichen wollte, wandte sich der Informant an den in London domizilierten «Guardian». Der «New York Times» wollte Snowden sein Material gar nicht erst anvertrauen, weil sie mit dem Abdruck einer früheren NSA-Recherche ein Jahr zugewartet hatte.

Den Kontakt zwischen Greenwald und Snowden vermittelte die US-Dokumentarfilmerin Laura Poitras, die an einem Film über Whistleblower arbeitet und daher Snowdens Vertrauen geniesst. Nach der Zurückhaltung oder gar offenen Ablehnung der US-Medien fanden die beiden im Blogger und Kolumnisten Greenwald einen Verbündeten, der seit Jahren hartnäckig gegen den Überwachungsstaat anschreibt und in den Informationen sofort ein heisses Eisen erkannte. Er habe alles Mögliche unternommen, um die NSA-Exzesse zu enthüllen. Dass er jetzt Tausende Dokumente erhalten habe, die alles bewiesen, was er immer gesagt habe, sei sehr erfreulich, frohlockt er gegenüber der «South China Morning Post».

Vom Anwalt zum Starjournalisten

Der 46-jährige US-Amerikaner betrieb nach einer zehnjährigen Anwaltskarriere den politischen Blog Unclaimed Territory (unbeanspruchtes Territorium). Er spezialisierte sich darin auf die CIA und prangerte die geheimen Abhörprogramme der Regierung Bush an. Zudem veröffentlichte er bislang vier kritische Bücher über die US-Innenpolitik, die alle in Bestsellerlisten rangierten. 2007 wechselte er schliesslich zum Nachrichtenportal Salon.com. Von dort holte ihn letzten Sommer der linksliberale «Guardian». Seither geniesst er publizistische Narrenfreiheit: Formal ist er zwar der US-Ausgabe angegliedert, doch seine täglichen Blog-Einträge kann er ohne Gegenlesen jederzeit und ungefiltert von Rio de Janeiro aus aufschalten. Dort lebt er mit seinem Lebenspartner und elf Hunden. Auch bei der neuen Publikation blieb er seinen Themen treu: «Sicherheit und Freiheit» heisst sein Dossier. Bei den NSA-Enthüllungen machte er indes eine Ausnahme: Er führte sie den üblichen redaktionellen Abläufen zu, um dem Redaktionsstatut unterstellt zu sein. Damit sicherte er sich trotz der starken Exponierung einen gewissen Schutz.

Mit dem NSA-Primeur wurde er seinem beachtlichen Renommee gerecht: Gemäss dem Monatsmagazin «The Atlantic» gehört er zu den 25 einflussreichsten politischen Kommentatoren der USA und laut «Newsweek» zu den zehn profiliertesten Onlinejournalisten des Landes.

Pornovertrieb, Hunde, Steuersünder: Details aus dem Privatleben

Doch Greenwalds jüngster beruflicher Erfolg hat auch eine Kehrseite: Aus dem amerikanischen Blätterwald blies ihm ein rauer Wind entgegen – die Kritik drang bis tief in sein Privatleben ein. Seine Enthüllungen lösten umgehend Gegenrecherchen aus. Der Versuch, seine Glaubwürdigkeit als Übermittler der brisanten Informationen zu untergraben, brachte etwa zutage, dass er früher für einen Pornovertrieb gearbeitet hatte, dass er Steuerschulden hat und dass sein früherer Hund Uli grösser war, als es die Hausordnung zuliess.

Er sei besessen von staatlicher Überwachung und ein hoch professioneller Verfechter aller Art von Antiamerikanismus, doppelte die «New York Times» nach. Andere Medien forderten gar offen seinen Kopf: Als Handlanger Snowdens müsse er ebenfalls strafrechtlich belangt werden.

Schnüffeleien in Rio?

Greenwald bleibt jedoch gelassen: «Ich wusste, dass ich unweigerlich zum Ziel aller möglichen persönlichen Attacken und Verleumdungen werden würde. Man legt sich nicht mit dem mächtigsten Staat der Welt an und erwartet keine Gegenattacke», schreibt er in seiner Kolumne. «Wie viele Menschen hatte ich ein kompliziertes und abwechslungsreiches Leben. Mein Privatleben ist, wie das von so ziemlich jedem, vielschichtig und manchmal chaotisch», relativiert er.

Schwieriger als der Hohn der Reporterkollegen dürfte indes der Druck des US-Geheimdienstes werden: Greenwald ist überzeugt, dass er bereits überwacht wird. Als er in Hongkong gewesen sei, habe er seinem Freund in Brasilien via Internettelefonanruf mitgeteilt, dass er ihm Dokumente per Mail senden werde. Zwei Tage später sei dessen Laptop aus der Wohnung in Rio verschwunden.

Dass Greenwald weitermachen wird, daran lässt er aber trotzdem keinen Zweifel: «Nichts wird mich auch nur einen Moment davon abhalten, weiter über das zu berichten, was die NSA im Dunkeln veranstaltet», schreibt er. Die Sichtung der 5000 Dokumente, die Snowden ihm übergeben habe, werde denn auch noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Seine künftige Berichterstattung werde beleuchten, wie die NSA die Daten sammle und dabei mit Telecomfirmen kooperiere. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.07.2013, 14:10 Uhr

Steht in direktem Kontakt mit Snowden: Journalist Glenn Greenwald. (Video: Reuters )

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