Das andere Amerika

Gestern legte das US-Zensusbüro schockierende neue Zahlen zur Armut vor: Nahezu 50 Millionen Amerikaner sind arm. Was sind die Gründe?

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In der Käuferschlange an der Kasse eines amerikanischen Supermarkts sind sie unschwer auszumachen: Kunden mit Lebensmittelmarken. Statt in bar oder mit einer Kreditkarte bezahlen sie mit einer staatlichen Plastikkarte. Der Kaufpreis der Lebensmittel wird elektronisch abgebucht, bis zu 500 Dollar kann eine arme Familie pro Monat erhalten. Für rund 46 Millionen Empfänger sind die Lebensmittelmarken ein Rettungsring, der sie vor Hunger bewahrt.

Ein halbes Jahrhundert nach Michael Harringtons bahnbrechendem Buch über das «andere Amerika» ist Armut in den USA wieder zu einem Thema geworden. Gestern legte das US-Zensusbüro neue Zahlen zur Verarmung vor; erstmals wurden dabei die Hilfsmassnahmen des Staats zur Linderung der Armut in Betracht gezogen: Lebensmittelmarken und Cash-Zahlungen, Miet- wie Heizbeihilfen.

20 Millionen Amerikaner leben in extremer Armut

Trotzdem rutschten laut den neuesten Berechnungen der Volkszählungsbehörde weitere drei Millionen Amerikaner in die Armut ab: 49 Millionen sind arm, mehr als 20 Millionen leben in extremer Armut mit einem Jahreseinkommen von 5500 Dollar oder weniger. Besonders unter Alten, aber auch Amerikanern asiatischer Herkunft sowie Latinos stieg die Zahl der Armen an.

Die Ursachen dieser Armut inmitten des Überflusses sind vielfältig; staatliche Hilfsprogramme greifen nur unzureichend, das soziale Netz ist loser geknüpft als etwa in Westeuropa. Für den Anstieg der Armut machen Experten unter anderem die Deindustrialisierung des Landes verantwortlich. Konnten Schulabgänger ohne Studium bis in die Achtzigerjahre durch industrielle Arbeit in die Mittelklasse vorstossen, so ist dieser Weg nun weitgehend versperrt: Über 50'000 US-Fabriken sind seit 1990 geschlossen worden, allein seit 2000 sind nahezu sechs Millionen Industriejobs durch Verlagerung ins Ausland, Pleiten oder Wegrationalisierung verschwunden. Auch deshalb stieg die Armutsrate gerade im Mittleren Westen, in Industriezentren wie Detroit, Youngstown und Toledo stark an.

Afroamerikaner haben es noch immer schwerer im Arbeitsmarkt

Soziale Pathologien spielen gleichfalls eine Rolle: Die im internationalen Vergleich hohe Rate der Teenagerschwangerschaften treibt die Armutsrate ebenso nach oben wie der Zerfall afroamerikanischer Familien. Schon in den Sechzigerjahren hatte der Soziologe und spätere demokratische Senator Daniel Patrick Moynihan vor den Auswirkungen dieses Zerfalls gewarnt. Alleinerziehende weisse wie schwarze Mütter ohne Ausbildung werden oftmals ebenso marginalisiert wie vorbestrafte afroamerikanische Männer: Überwiegend wegen Drogenvergehen verurteilt, sind sie nach dem Absitzen ihrer Haftstrafen stigmatisiert und finden nur schwer den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Noch immer behindern zudem Rassenvorurteile den Aufstieg von Afroamerikanern.

Die Konzentration von Armen in städtischen Ballungszentren und die Zunahme von Armut in Suburbia verschärfen soziale Pathologien und münden nicht selten in eine regelrechte Kultur der Armut. Laut der Zensusbehörde stieg beispielsweise die Zahl der «extrem Armen» im Jahr 2010 in 300 der 360 grössten US-Ballungsräume an. Nicht weiter überraschend ist, dass die Armutsrate stärker in jenen Staaten anstieg, die wie etwa Florida und Nevada besonders vom Platzen der Immobilienblase betroffen sind.

Die Ausbildungskosten sind stark gestiegen

Die hohe Armutsrate von Latinos wiederum verdankt sich einerseits illegalen Einwanderern, die von staatlichen Hilfsmassnahmen weitgehend abgeschnitten sind, sowie dem hohen Prozentsatz vorzeitiger Schulabgänger in der hispanischen Gemeinschaft. Daneben sind die Barrieren für den Universitätszugang grundsätzlich gewachsen; viele Familien sind kaum noch in der Lage, stark steigende Ausbildungskosten für Universitäten und Colleges zu bezahlen. Hohe Studiengebühren und die Notwendigkeit von Studienkrediten belasten viele US-Studenten mit hoher Verschuldung.

Trotz des traditionellen Bekenntnisses zur Chancengleichheit droht den USA damit eine soziale Verknöcherung: Laut diversen Studien, darunter auch eine der OECD, liegt die soziale Mobilität der US-Gesellschaft inzwischen hinter den skandinavischen Ländern sowie Deutschland und Frankreich. Aus Armut aufzusteigen, ist in den Vereinigten Staaten mithin schwieriger als in vielen europäischen Staaten.

Alte und Kinder sind besonders gefährdet

Hinzu kommt trotz der staatlichen medizinischen Versorgung von Senioren eine wachsende Altersarmut aufgrund niedriger Renten und mangelhafter finanzieller Vorsorge sowie durch zusätzliche Gesundheitskosten, die vom Staat nicht abgedeckt werden. Jeder sechste ältere Amerikaner lebt in Armut, ein weiterer Anstieg der Armutsrate unter den Alten ist programmiert.

Noch schlimmer verhält es sich bei amerikanischen Kindern: Ihre Armutsrate betrug 2010 satte 22 Prozent. Auch verzeichnete der Zensus in einem Report vom September über 300 Bezirke, in denen mindestens 30 Prozent der Kinder in Haushalten mit problematischer Lebensmittelversorgung aufwachsen. Hier hilft der Staat nicht nur mit Lebensmittelmarken, sondern auch mit Schulmahlzeiten, die an Schultagen mehr als 20 Millionen Kinder sättigen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.11.2011, 15:51 Uhr

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