«Das ist wie ein Schwarzweissfilm aus den 1940er-Jahren»

Russischer Spionagering in den USA: Moskau hat seine Methode seit bald 100 Jahren nie geändert. Obwohl der Erfolg ausblieb.

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Waren Sie überrascht, als Sie hörten, das FBI habe einen russischen Spionagering ausgehoben? Der Kalte Krieg ist ja eigentlich vorbei ...
Nein. Solche Moskauer Spionageoperationen haben in den USA Tradition. Die Methode ist seit je dieselbe. Die Sowjets schleusen seit der Revolution illegale Agenten nach Amerika ein. Aber ihre Erfolge sind immer gering geblieben.

Gibt es denn auch legale Spionage?
Nein, aber eine legale Tarnung, wenn man diplomatische Immunität geniesst. Ohne Diplomatenpass hat ein Spion diesen Schutz nicht. So wie diese Agenten.

Arbeiten nur russische Agenten mit illegaler Tarnung?
Jedes Land hat eine Spionagetradition, die den nationalen Charakter widerspiegelt. Die Chinesen senden Schwärme von Ingenieuren aus, um die amerikanische Industrie auszukundschaften. Auch die Franzosen hoffen auf Handelsvorteile. Ausserdem wollen sie Frankreich vor Hollywood-Filmen schützen (lacht). Und die Israeli wollen Einfluss nehmen auf die höchsten politischen Kreise in den USA. Das wollten auch diese Russen.

Weshalb wird ihnen aber nur Verschwörung vorgeworfen?
Ich vermute, dass sie völlig gescheitert sind. Das Netz wurde sieben magere Jahre lang überwacht. Es ist diesen Spionen nicht gelungen, Zugang zur US-Regierung zu erhalten. Um Amerika zu verstehen, hätten sie einfach die Zeitung lesen können. Hier wurden elf Menschenleben verpfuscht.

Ist es heute nicht einfacher, mit technischen Hilfsmitteln an Informationen zu gelangen?
Bei Sun Tzu heisst es: «Kenne deinen Feind.» Darum geht es in der Spionage. Und wenn man seinen Feind kennen lernen will, muss man mit ihm reden.

Agieren in Russland US-Agenten mit illegaler Tarnung?
Kaum, denn wir sind unfähig als jemand anders aufzutreten denn als Amerikaner. Aber ich garantiere Ihnen trotzdem, dass die USA Russland ausspionieren. Wohl ähnlich erfolgreich wie die nun verhafteten Russen die USA.

Wie lebt man jahrelang als illegaler Agent in einem fremden Land?
Sie müssen jeden Tag verleugnen, wer sie sind, was sie denken und tun. Ein solches Doppelleben ist sehr hart. Das verlangt nach einer ungewöhnlichen Person.

Mit was für einem Charakter?
Die Person darf kein Ego und kein eigenes Leben haben. Und sie muss bereit sein, als Roboter dem Staat zu dienen.

Einige der Agenten hatten Kinder. Was passiert mit ihnen?
Entweder müssen sie zurück nach Russland. Oder aber sie bleiben hier, falls sie einen amerikanischen Pass haben. Sie sind eine Art Waisen dieses Spionagekriegs. Es ist ein dreckiges und gefährliches Geschäft und kein Spiel.

Das FBI hat gute Arbeit geleistet.
Sie haben lange gewartet, ob die russischen Agenten tatsächlich spionieren. Aber dazu sind sie nicht gekommen. Den FBI-Leuten, welche die Ermittlung leiteten, muss es vorgekommen sein, als würden sie in einem Schwarzweissfilm Noir aus den 1940-Jahren leben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2010, 23:50 Uhr

Tim Weiner: Der Pulitzerpreisträger ist der Autor von «CIA: Die ganze Geschichte». Derzeit arbeitet der Kenner der US-Geheimdienste an einem Buch über die Bundespolizei FBI.

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