Das ölreichste Land der Welt hält «Maduro-Diät»

In Venezuela herrscht seit Monaten Chaos, immer mehr Venezolaner hungern. Wie konnte es dazu kommen?

«Es gibt keinen Frieden mit Hunger»: In Venezuela hungern aufgrund der Staatskrise immer mehr Menschen.

«Es gibt keinen Frieden mit Hunger»: In Venezuela hungern aufgrund der Staatskrise immer mehr Menschen. Bild: Marco Bello/Reuters

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Menschen wühlen verzweifelt in dreckigen Müllcontainern. Sie haben Hunger, aber die Inflation vernichtet ihr Einkommen. Wer noch Geld hat, stellt sich in eine der vielen Warteschlangen vor einem Supermarkt. In Venezuela herrscht seit mehreren Monaten ein Chaos, das für viele Menschen existenzbedrohend ist. Wie konnte das ölreichste Land der Erde in eine solche Krise geraten?

Venezuela ist das Land mit den grössten Öl-Reserven weltweit. Die Wirtschaft des südamerikanischen Staates hängt stark von dem Rohstoff ab. 95 Prozent der venezolanischen Exporteinnahmen gehen auf das Konto des schwarzen Goldes. Es gibt kaum Industriezweige, die nichts mit der Öl-Produktion zu tun haben. Dementsprechend sensibel reagiert die Wirtschaft Venezuelas auf Veränderungen des Öl-Preises.

Während des Öl-Booms Anfang der 2000er konnte sich Hugo Chávez, der Vorgänger von Maduro, den Rückhalt der ärmeren Bevölkerungsschichten mit teuren Sozialprogrammen sichern. Weil der Kurs nun aber seit Jahren sinkt, bricht die wichtigste Einnahmequelle des Landes zusehends weg. Venezuela steuert deswegen in Richtung Bankrott und kann sich dringend benötigte Importgüter kaum noch leisten.

Bildstrecke – Ausschreitungen am Wahltag in Venezuela

Seit 2014 sinkt das Bruttoinlandsprodukt stark

Mit dem Öl-Preissturz im Jahr 2014 ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Venezuelas stark eingebrochen. Die Wirtschaftsleistung des Landes sinkt seitdem. 2016 fiel sie im Vergleich zum Vorjahr um bis zu 18 Prozent und für das laufende Jahr rechnen Experten wieder mit einem deutlichen Minus.

In Anbetracht der wirtschaftlich schwierigen Situation des Landes ernannte der venezolanische Präsident Nicolás Maduro im Januar 2016 Luis Salas zum neuen Wirtschaftsminister. Er gilt als äusserst links und sieht Venezuela als Opfer eines internationalen «Wirtschaftskrieges».

Eine grundlegende Reform der venezolanischen Wirtschaft strebt keiner in der Regierung Maduros an. Dabei wäre die dringend nötig, denn auch aufgrund der schwachen Industrie kämpft Venezuela mit einem immer grösser werdenden Berg an Auslandsschulden. Im Zeitraum von 2005 bis 2015 hat sich die Schuldensummer fast verdreifacht.

Video – Tote bei Wahltag in Venezuela

Laut der Opposition sind mindestens 15 Menschen bei Auseinandersetzungen um die umstrittene Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung getötet worden. (Video: Tamedia/AFP)

Die Inflation steigt auf Weltrekordniveau

Anfang Juli erhöhte Präsident Maduro zum dritten Mal seit Jahresbeginn den Mindestlohn – um 50 Prozent. Der Grund: Die extrem hohe Inflation. Der Wert der einheimischen Währung ist in den letzten Monaten so stark gefallen, dass man ganze Koffer für die vielen Geldscheine braucht, um im Supermarkt zu bezahlen.

Die Teuerungsrate lag schon 2016 bei mehr als 200 Prozent, aktuell befindet sie sich nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei weltrekordverdächtigen 720,45 Prozent. Andere Organisationen gehen sogar von noch höheren Werten aus. Für die Menschen vor Ort bedeutet die hohe Preissteigerung massive Einschnitte in ihren Lebensalltag. Sie führt dazu, dass selbst Grundnahrungsmittel für einen Normalverdiener kaum bezahlbar sind. Ungefähr 1000 Bolívares, umgerechnet 95 Dollar, kostet zum Beispiel ein Kilogramm Zucker. Der Mindestlohn von 15'000 Bolívares reicht schon lange nicht mehr aus, um in Venezuela zu überleben.

Die Zahl der Armen steigt

Die Krise bedeutet für viele Venezolaner Hunger und Armut. Studenten und Rentner wühlen sich in der Hauptstadt Venezuelas Caracas immer häufiger durch den Müll – auf der Suche nach Essen. Für viele reicht das Einkommen nicht mehr für den Kauf von Grundnahrungsmitteln aus. Zahlen mehrerer Nichtregierungsorganisationen zufolge hat die Armut in Venezuela in den vergangenen drei Jahren stark zugenommen. 2014 galten 30 Prozent der venezolanischen Bevölkerung als arm, im vergangen Jahr waren es mehr als 80 Prozent. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sei sogar sehr arm, so die veröffentlichte Statistik.

Einer anderen Studie zufolge haben Venezolaner unter Maduro durchschnittlich acht Kilogramm Körpergewicht abgenommen. Die Venezolaner nennen das zynisch die «Maduro-Diät». (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 01.08.2017, 17:07 Uhr

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