Das vergeudete Jahrzehnt

9/11 leitete eine Zeitenwende ein. Die USA zogen in den Krieg und verschliefen dabei, wie das eigene Land ins Hintertreffen geriet.

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Die Barrieren aus Beton vor der Notenbank und diversen Ministerien sind deutlich: Hier ängstigt sich jemand. Lastwagen im Washingtoner Regierungsviertel oder nahe des Weissen Hauses brauchen eine Sondergenehmigung. Und Polizisten, in Uniform und ohne, patrouillieren in grosser Zahl in der amerikanischen Hauptstadt.

Solcherart sind die sichtbaren Nachwehen des Schreckens vor zehn Jahren, als die Flugzeuge des Terrors in New York und Washington und auf einem Feld in Pennsylvania einschlugen. Darunter verstecken sich Narben, die nicht sichtbar sind, weil sie sich tief in den Seelen der Amerikaner befinden. Eine Zeitenwende leitete jener furchtbare Tag ein, vielleicht sogar einen Kampf der Kulturen, wie ihn der Harvard-Professor Samuel Huntington düster prophezeit hatte.

Ohne moralischen Kompass

Opfer eines heimtückischen Massenmords zu sein, einte die Amerikaner anfänglich; danach aber geriet die Nation auf die schiefe Bahn und gab Ideale preis, die sie seit ihrem Entstehen geprägt und ausgezeichnet hatten in den Augen der Welt. Es war eine Sache, mit einem Megafon in der Hand am Tatort in New York den Amerikanern Mut zuzusprechen, wie es George?W. Bush Tage nach dem Anschlag tat; eine andere war es, in Kriege ohne Ende zu ziehen.

So markierte das flammende Inferno in Manhattan den Beginn eines unheilvollen Irrwegs. Ein «Kriegspräsident» sollte George?W. Bush fortan sein und der «Krieg gegen den Terror» sein griffiges Markenzeichen. Damit werde sich die politische Landschaft auf Jahrzehnte zu Gunsten der Republikanischen Partei verändern lassen, glaubte sein engster Berater Karl Rove. In der Folge verlor Amerika nicht nur den Anspruch, eine «Stadt auf dem Hügel zu sein», wie ihn die puritanischen Siedler in Neuengland und später Ronald Reagan formuliert hatten. Für alle sichtbar ein Leuchtturm zu sein, an dem sich andere orientieren konnten, vertrug sich weder mit Guantánamo noch mit der Aushöhlung verbriefter Bürgerrechte zu Hause.

Osama Bin Laden ist tot, seine kriminelle Organisation geschwächt. Aber immerhin verloren die Vereinigten Staaten seinetwegen ihren moralischen Kompass – und verschliefen überdies im Kriegsfieber, wie sich die Welt veränderte und Amerika ins Hintertreffen geriet. Denn der Weg zu Wohlstand und Gedeihen führt nicht über Bagdad und Kabul.

Papiertiger Saddam Hussein

An jenem Tag aber, da der Präsident den Beginn des Feldzuges gegen al-Qaida und die Taliban im Fernsehen ankündigte, war davon nichts zu spüren. Wie auch? Gerechtfertigt schien der Krieg, ja notwendig, um weiteres Übel zu verhindern. Dass der Einsatz in Afghanistan in der Zwischenzeit und nach beinahe zehn Jahren Dauer zum längsten Krieg der amerikanischen Geschichte geworden ist, steht auf einem anderen Blatt. Von Weisheit zeugt es nicht. Vollends aus dem Ruder aber liefen die Dinge im Frühling 2003: Über Monate waren die Amerikaner von ihrer Regierung und ihren Medien in einen Krieg gepeitscht worden, den surreal zu nennen eine Untertreibung wäre.

«Massenvernichtungswaffen», die nie gefunden wurden; ein Papiertiger namens Saddam Hussein; Hunderttausende Tote, Plünderungen und Terror: Nicht der Massenmord auf amerikanischem Boden war die teuflischste Konsequenz von Bin Ladens Grössenwahn; es war der daraus geborene Waffengang im Irak. Nun kann eingewendet werden, es habe sich seit jenem Septembertag kein grösserer Terroranschlag in den Vereinigten Staaten ereignet. Guantánamo oder simuliertes Ertrinken hatten damit freilich kaum etwas zu tun und der Krieg im Irak erst recht nicht; schon eher waren es die Anstrengungen von Geheimdiensten und Polizeistellen oder auch Zufälle, wodurch Anschläge vereitelt wurden.

Paranoia als stete Begleiterin

Die Apparate des Staats, das FBI und die CIA, wurden nach 9/11 erneuert und zu besserer Zusammenarbeit verdonnert, auch brach das Zeitalter unbemannter Flugzeuge an, die in Pakistan oder im Jemen mit Raketen Jagd auf Terrorverdächtige machten, wobei unweigerlich Zivilisten als «Kollateralschäden» zu beklagen waren. Elektronische Lauschnetze überzogen nun das Land, derweil Muslime amerikanische Passagierflugzeuge zuweilen vor dem Start verlassen mussten, weil ihre Mitreisenden es mit der Angst bekamen. Paranoia wurde zu einer steten Begleiterin.

Der «Kriegspräsident», der sich in seiner Rolle prächtig gefiel, weshalb er stets schneidig ausschritt und überdies die Brust nach vorne wölbte, gewann 2004 erneut das Präsidentenamt, nachdem sein demokratischer Konkurrent, ein ausgewiesener Kriegsheld, als Vaterlandsverräter und Feigling niedergemacht worden war. All das und vieles mehr wäre undenkbar gewesen ohne al-Qaida und jenen Septembertag.

Die bittere, brutale Wahrheit

Doch das irakische Fieber, dem Menschen und Medien erlegen waren, kühlte sich ab, je gründlicher das Lügengebäude des Präsidenten und seiner Parteigänger in den Medien als Erfindung entlarvt wurde. Und es war kein Terrorist, sondern ein Naturereignis, welches die Bedrohung Amerikas durch Irrwege und falsche Prioritäten anzeigte. Nicht nur die Dämme und Deiche in New Orleans brachen 2005 zusammen, sondern mit ihnen Vortäuschungen und Halbwahrheiten: Nämlich dass der «Kriegspräsident» vor Entschlusskraft strotze und Amerika einzigartig sei und sich zwei Kriege leisten könne.

Die Wahrheit war bitter und brutal: Die Armen ertranken, Chaos regierte, nicht Tatkraft kam zum Vorschein in New Orleans, sondern profunde Hilflosigkeit inmitten von Zuständen, wie sie sonst in der Dritten Welt zu finden waren. Ausgeblutet hatte die überzogene Reaktion auf den Massenmord im September 2001 die Nation, dies um so mehr, als der «Krieg gegen den Terror» ausser den Opfern der Soldaten nichts von niemandem verlangte: Die Reichen wurden reicher und zahlten, trotz der Kriegskosten, weniger Steuern, indes den Bürgern die patriotische Pflicht abverlangt wur­de, die einbrechende Konjunktur durch robustes Shopping anzukurbeln.

Die Kluft ist gewachsen

Dies, so verfügten der «Kriegspräsident» und seine Berater, sei der Kriegsbeitrag der Allgemeinheit. Vielleicht pflegte die Nation auch wegen ihres schlechten Gewissens fortan eine grandiose Verehrung des Soldatischen. Dass heute eine Million Veteranen arbeitslos sind, sorgt hingegen kaum für Aufregung. Und die Konsumwut ist den Amerikanern nach der Finanzkrise 2008 ebenso vergangen wie der ewige Krieg, der ihnen aufgebürdet wurde.

Zumal von jener sagenhaften Einigkeit, wie sie in den Monaten nach dem Massaker beschworen wurde, nicht viel übriggeblieben ist. Im Gegenteil: Zerstrittener denn je präsentiert sich Washington, wo Politiker soeben aufeinander eindroschen, bis sich beinahe ein Staatsbankrott ereignet hätte. Längst hat das Auseinanderdriften wieder eingesetzt: Hier versammeln sich städtische Eliten mit Latte und Hybridauto, dort die Bewohner Suburbias und des platten Landes mit SUV, Schusswaffe und Jesus.

Nicht kleiner ist die Kluft seit 9/11 geworden, sondern breiter noch, ökonomisch, kulturell, von der Bildung wie vom Geld her. Trotzdem dämmert es dem Volk inzwischen, dass der endlose Krieg nicht mehr bezahlbar ist; warum, so fragt es zornig, wird Infrastruktur in Kandahar und Mosul mit unseren Steuergeldern gebaut, obschon zu Hause die Schlaglöcher so gross und tief wie Badezuber sind? Wieso Schulen für Afghanistan, wenn doch daheim Zehntausende Lehrer entlassen werden?

Gewichte werden neu verteilt

So steht Osama Bin Laden auch im Tod nicht nur für das von ihm begangene Verbrechen; er steht zudem für ein vergeudetes Jahrzehnt. Der Niedergang des Sowjetreichs begann nicht in Afghanistan, wohl aber beschleunigte der Feldzug des Kremls den Abstieg sowie die nachfolgende Implosion. Ähnliches kann vielleicht einmal von den USA gesagt werden, zumal der Aufstieg Chinas und Indiens und anderer Schwellenländer die Gewichte neu verteilt.

Nein, der Weg zu Prosperität und Glanz führte nicht durch Bagdad und Kabul; inzwischen erforderte er ein grundsätzliches Umdenken aussenpolitischer Ziele mitsamt des politisch Machbaren. Wenn die Annalen des Jahrzehnts nach 9/11 einmal geschrieben werden, kann der Beginn der amerikanischen Malaise vielleicht in die Zeit nach jenem schrecklichen Tag im September zurückverfolgt werden, als der «Kriegspräsident» bereits die Weichen stellte für den Einmarsch im Irak im Namen des «Kriegs gegen den Terror».

Erstellt: 17.08.2011, 06:59 Uhr

Einschlag des ersten Flugzeugs

Quelle: Youtube

Das zweite Flugzeug

Quelle: Youtube

Einsturz der Türme

Quelle: Youtube

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