«Das war Machtmissbrauch»

20 Jahre danach schreibt Monica Lewinsky in einem Essay über ihre Affäre mit Bill Clinton. Die #MeToo-Debatte verhalf ihr zu neuen Einsichten.

«Machtgefälle und die Möglichkeit, Macht zu missbrauchen, existiert auch, wenn der Sex einvernehmlich gewesen ist»: Monica Lewinsky und Bill Clinton.

«Machtgefälle und die Möglichkeit, Macht zu missbrauchen, existiert auch, wenn der Sex einvernehmlich gewesen ist»: Monica Lewinsky und Bill Clinton. Bild: Keystone

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Im Frühjahr 1998 erlangte eine Praktikantin des Weissen Hauses unfreiwillige Berühmtheit. Rund um den Globus wurde Monica Lewinsky bekannt, weil sie eine Affäre mit dem US-Präsidenten Bill Clinton gehabt hatte. Der Skandal um das «Oral Office» brachte den mächtigsten Mann der Welt an den Rand der Amtsenthebung. Und für die junge Frau wurde die Demütigung in aller Öffentlichkeit zu einem Albtraum, der sie bis heute verfolgt. Vor ein paar Jahren sei bei ihr eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden, sagt die studierte Sozialpsychologin.

Immerhin: Die #MeToo-Debatte hilft der heute 44-jährigen Frau, das Trauma zu verarbeiten, wie sie in einem langen Essay in der Frauenzeitschrift «Vanity Fair» schreibt. Lewinsky, die sich in all den Jahren öffentlich sehr allein gefühlt hatte, spürt in der #MeToo-Bewegung eine Solidarität, die allen Betroffenen hilft – und dazu beitragen kann, die Macht- und Geschlechterverhältnisse zu verbessern.

Im Lichte der #MeToo-Debatte ist Lewinsky zu einer Neubeurteilung des nach ihr benannten Skandals gekommen. Wie bei früheren Gelegenheiten betont Lewinsky, dass die sexuelle Beziehung zu Clinton einvernehmlich gewesen sei. Angesichts des riesigen Machtgefälles zwischen ihr und ihm müsse aber die Einvernehmlichkeit wohl infrage gestellt werden. «Er war mein Chef. Er war der mächtigste Mann der Welt. Er war 27 Jahre älter, mit entsprechend mehr Lebenserfahrung. Er war auf dem Zenit seiner Karriere, ich in meinem ersten Job nach dem College.» Unter diesen Umständen, so Lewinsky, war ihre Affäre ein «grober Machtmissbrauch» von seiner Seite.

Selbst wenn es in ihrem Fall nicht um sexuelle Übergriffe gehe, müsse ihre Geschichte Platz haben in der #MeToo-Debatte, auch wenn dies nicht alle so sehen würden, meint Lewinsky. «Machtgefälle und die Möglichkeit, Macht zu missbrauchen, existiert auch, wenn der Sex einvernehmlich gewesen ist.» Aber: «Das ist kompliziert. Sehr, sehr kompliziert.» Und an die Adresse der Trolle in den sozialen Medien schreibt sie: «Ich trage eine Mitverantwortung für das, was passiert ist. Ich bereue das jeden Tag.»

Aktivistin gegen Cybermobbing

In der Debatte um sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch am Arbeitsplatz wird der Fall Lewinsky/Clinton immer wieder thematisiert: Eine Twitter-Kampagne unter dem Titel «Ken Starr Was Right» vertrat die Idee, Clinton hätte 1998 zurücktreten müssen. Kenneth Starr war der Sonderstaatsanwalt, der zuerst in der sogenannten Whitewater-Affäre gegen Clinton ermittelt hatte und danach wegen Meineids beim Lewinsky-Skandal.

Nach dem «annus horribilis», wie Lewinsky das Jahr 1998 bezeichnet, zog sich die berühmteste Praktikantin der Welt aus der Öffentlichkeit zurück. Sie machte Therapien und ging ins Ausland. An der London School of Economics machte sie den Master in Sozialpsychologie. Seit ein paar Jahren tritt sie als Aktivistin gegen Cybermobbing in Erscheinung. Nicht zuletzt aus eigener schmerzlicher Erfahrung: «Ich war vermutlich die erste Person, deren globale Erniedrigung durch das Internet angetrieben wurde.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2018, 20:05 Uhr

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