«Das weisse Amerika hat zu viel Angst»

Der mutmassliche Todesschütze von Charleston erklärt seine Tat – und heizt in den USA die Diskussion über Rassismus und Terrorismus an.

Verbrennen der US-Fahne: Der vermutliche Todesschütze Dylann Roof soll sich auch im Internet rassistisch geäussert haben. (Archiv)

Verbrennen der US-Fahne: Der vermutliche Todesschütze Dylann Roof soll sich auch im Internet rassistisch geäussert haben. (Archiv) Bild: AFP

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Nach der Entdeckung eines rassistischen Manifests des mutmasslichen Todesschützen von Charleston am Samstag ist die Diskussion über Rassismus und weisse Hassgruppen in den USA weiter angefacht worden. Am Mittwoch waren in einer Kirche in Charleston im Staat South Carolina neun Afroamerikaner erschossen worden. Der 21-jährige Weisse Dylann Roof hat ein umfassendes Geständnis abgelegt, eine rassistische Motivation des Verbrechens aber war von konservativen Politikern und Medien seiner Aussagen bislang nicht erkannt worden.

Das am Samstag im Internet entdeckte und offenbar von Roof verfasste Schriftstück wendet sich mit rassistischen Parolen und Aussagen vor allem gegen Afroamerikaner, aber auch Juden und Latinos. «Neger haben eine niedrigere Impulskontrolle und im allgemeinen höhere Testosteronwerte», schrieb Roof. Dies sei ein «Rezept für gewalttätiges Verhalten». In einem Abschnitt, der die Überschrift «Eine Erklärung» trägt, schrieb Roof, er habe «keine Wahl», da er nicht in ein «schwarzes Getto gehen und kämpfen» könne.

Hasstiraden

Er habe Charleston als Ort seines Kampfs ausgewählt, «weil es die historischste Stadt in meinem Staat ist und früher einmal den höchsten Prozentsatz Schwarzer im gesamten Land hatte». Roof kritisiert die Abwanderung weisser Amerikaner aus den Städten nach Suburbia als Kapitulation vor «Niggers und anderen Minderheiten». Das weisse Amerika, so Roof, habe «zu viel Angst» und sei einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Über Juden schreibt der mutmassliche Täter, wenn es gelänge, «ihre Identität zu zerstören, würden sie kaum noch Probleme machen».

In den Tagen nach der Tat in Charleston hatten republikanische Politiker und konservative Medien wie der TV-Sender Fox News rassistische Beweggründe für die Tat bestritten. Der frühere Bürgermeister von New York und ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Rudy Giuliani erklärte, die «Motivation» des Täters sei unklar.

Die Einschätzung von Senator Graham

Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump wollte nicht ausschliessen, dass der Todesschütze «womöglich christliche Kirchen» hasse. Mehrfach, so etwa von Fox News und dem republikanischen Ex-Senator und Präsidentschaftskandidaten Rick Santorum, wurde das Massaker als Angriff auf die Religionsfreiheit interpretiert.

Von den republikanischen Präsidentschaftskandidaten stellte bislang lediglich South Carolinas Senator Lindsey Graham eine klare Verbindung zwischen der rassistischen Ideologie des mutmasslichen Täters und der Hautfarbe der Ermordeten her: «Der einzige Grund, warum diese Afroamerikaner tot sind, ist ihre Hautfarbe« sagte Graham.

Der einst konföderierte Süden und damit auch South Carolina sind seit der Reagan-Ära eine politische Bastion der Republikaner. Weisse Wähler stimmen überwältigend republikanisch, schwarze hingegen demokratisch, weshalb republikanische Politiker beispielsweise die noch immer verbreitete konföderierte Fahne kaum kritisieren. Die Fahne gilt Afroamerikanern als Hassymbol, manchen Weissen dagegen als Erinnerungsstück an ihre Geschichte und Herkunft.

Die Sache mit der Fahne

In South Carolinas Hauptstadt Columbia war die Südstaaten-Fahne nach jahrlangem Kampf afroamerikanischer Bürger im Jahr 2000 zwar von der Kuppel des Staatsparlaments entfernt, im Zuge eines Kompromisses aber nahe einem Bürgerkriegsdenkmal auf dem Gelände des Parlaments gehisst worden. Nach den Morden von Charleston verlangte der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney in einem Tweet, die Fahne müsse endlich entfernt werden, da sie «ein Symbol des Hasses» sei.

Das Massaker von Charleston hat überdies den Anstieg rassistischer Organisationen in den letzten Jahren in ein neues Licht gerückt. Sowohl das FBI als auch auf rassistische weisse Gruppen spezialisierte private Organisationen wie das «Southern Poverty Law Center» in Montgomery im Staat Alabama warnen seit längerem vor der steigenden Gewaltbereitschaft rechtsradikaler Hassgruppen. Laut Angaben der Stiftung «New America Foundation» sind nach 9/11 in den USA 48 Menschen von rechtsradikalen Hassgruppen und 26 von islamistischen Terroristen getötet worden.

Vertreter beider politischer Lager verlangten, Taten wie die von Charleston künftig als Terrorakte einzustufen. «Wie immer man das Mass anlegt, dies ist Terrorismus», sagte etwa der Terrorexperte Peter Bergen. Der republikanische Senator Ron Johnson (Wisconsin) bezeichnete den Täter von Charleston denn auch als «Terroristen».

Erstellt: 20.06.2015, 22:47 Uhr

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