Deine Nachbarn wissen jetzt, dass du nicht wählen gehst

Wie bringt man seine Wähler an die Urne? In den USA setzen die Präsidentschaftskandidaten auf den Pranger.

Mit diesem Schreiben stellte der republikanische Präsidentschaftskandidat Ted Cruz Nichtwähler in ihrer Nachbarschaft bloss. Bild: Tom Hinkeldey/Twitter

Mit diesem Schreiben stellte der republikanische Präsidentschaftskandidat Ted Cruz Nichtwähler in ihrer Nachbarschaft bloss. Bild: Tom Hinkeldey/Twitter

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Bei Thomas Hinkeldey kam die Aktion nicht gut an. Jetzt werde er Ted Cruz ganz sicher nicht wählen, liess er die Welt wissen. Wenige Tage vor den Vorwahlen in Iowa veröffentlichte der Bewohner des US-Bundesstaates ein Schreiben auf Twitter, das er von der Wahlkampforganisation von Cruz erhalten hatte. Im Brief, der einem offiziellen Dokument des Staates Iowa stark ähnelt, informieren die Helfer des republikanischen Präsidentschaftskandidaten die Familie Hinkeldey darüber, dass man sehr wohl wisse, dass sie selten bis nie abstimmen gehe. Und im Übrigen wüssten das jetzt auch die Nachbarn.

Der Umschlag von Cruz' Brief: Die vielen Aufkleber und Stempel sollen ihn möglichst offiziell erscheinen lassen. (Quelle: Braddock Massey/Twitter)

Der Brief enthält eine Tabelle, in der Cruz’ Team den Hinkeldeys und ihren Nachbarn die Tiefstnote für ihr Wahlverhalten verteilt. Die Aufforderung, doch an der Vorwahl in Iowa teilzunehmen und so die persönliche Bewertung zu verbessern. Sowie die Drohung, dass eventuell nach der Vorwahl ein Update dieses Schreibens verschickt werde.

Hinkeldey war nicht der Einzige in Iowa, der Post von Cruz erhalten hatte. Am vergangenen Wochenende tauchten im Internet zahlreiche Briefe auf. Alle waren persönlich an Wähler adressiert und enthielten grösstenteils die richtigen Namen von deren Nachbarn. Die US-Medien griffen das Thema auf, Cruz’ Organisation bestätigte die Echtheit der Schreiben, und die übrigen Präsidentschaftskandidaten empörten sich lautstark über die Aktion.

Auch Rubio und Obama verschickten Briefe

Die Empörung war scheinheilig. Cruz’ Mahnbriefe sind zwar in einem äusserst aggressiven Stil verfasst, er ist aber nicht der erste US-Politiker, der solche verschickt. Im Vorwahlkampf in Iowa ist auch ein Brief von Konkurrent Marco Rubio aufgetaucht, in dem ausgesuchte republikanische Wähler ebenfalls an ihr schlechtes Stimmverhalten erinnert werden. Rubios Team verzichtete aber auf eine Blossstellung vor den Nachbarn.

Auch Ted Cruz’ direkter Konkurrent Marco Rubio nutzte in Iowa Mahnbriefe: Diese Vorlage des Schreibens fand den Weg ins Internet.

Auch die Demokraten nutzen Mahnbriefe. Etwa bei den Wahlen im Jahr 2012 Unterstützer von Barack Obama:

Die Demokraten nutzen das Instrument ebenfalls: Hier ein Brief, den Unterstützer von Barack Obama 2012 versandt hatten. (Quelle: D. Hawkins/Twitter)

Den Boom dieser Art von Briefen als Wahlkampfinstrument hat eine vielbeachtete Studie der Universität Yale ausgelöst. Sie zeigt klar auf, dass sozialer Druck ein sehr wirksames Mittel ist, um Wähler an die Urne zu bewegen. Die Autoren testeten das Verfahren 2006 mit Briefen an 80'000 Haushalte.

Die US-Politik setzt auf Big Data

In Iowa gibt es frei zugängliche Wählerregister. Die Daten über die Beteiligung einzelner Bürger an Abstimmungen werden ebenfalls erfasst und von den Behörden politischen Organisationen zur Verfügung gestellt. Cruz konnte seine Mahnbriefe also auf Basis von echten Wählerdaten versenden. Nicht echt sind allerdings die Noten und wahrscheinlich auch die Prozentangaben in den Briefen. Die Behörden von Iowa stellten am Wochenende klar, dass sie keine Bewertungen des Stimmverhaltens einzelner Bürger erfassen würden.

Der Vorfall zeigt auf, wie wichtig Big Data in der US-Politik inzwischen geworden ist. Und wie heikel die Nutzung ist. Ein 2014 erschienener Bericht der New York University hält fest, dass die grossen Parteien sowie die einzelnen Wahlkampforganisationen von US-Präsidentschaftskandidaten in den letzten Jahren ungeheure Mengen von Wählerdaten angehäuft haben. Diese Datenbanken enthielten Angaben zum individuellen Stimmverhalten von Millionen US-Bürgern. Regeln zum Umgang mit diesen Daten fehlten weitgehend.

Cruz’ Team nutzt gemäss Beobachtern von allen Kandidaten des Präsidentschaftswahlkampfs Big Data am effektivsten. Cruz selber reagierte auf die Empörungswelle wegen seines Mahnbriefes mit diesem Statement: «Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass wir alle verfügbaren Instrumente nutzen, um die Wähler in Iowa an die Urnen zu bringen.» Geschadet hat ihm die Aktion jedenfalls nicht. Cruz hat die erste Vorwahl der Republikaner gewonnen und Umfrage-Favorit Donald Trump klar hinter sich gelassen. Die Stimmbeteiligung war zudem deutlich höher als vor vier Jahren.

Trump wiederum hat gemäss Analysten Big Data im Wahlkampf vernachlässigt. Ihm sei bei der Vorwahl in Iowa zum Verhängnis geworden, dass er seine Anhänger weniger stark mobilisieren konnte als seine grössten Konkurrenten.

Erstellt: 02.02.2016, 12:18 Uhr

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