Der «Ghetto-Präsident» hat viele Fans

Der Rapper Bobi Wine macht die Machtelite von Uganda nervös: Er hat Erfolg als Politiker und Präsidentschaftskandidat.

Der ugandische Musiker, der zum Politiker wurde, Robert Kyagulanyi, auch bekannt als Bobi Wein, wird von der Polizei in Uganda grundlos festgenommen. Foto: Reuters

Der ugandische Musiker, der zum Politiker wurde, Robert Kyagulanyi, auch bekannt als Bobi Wein, wird von der Polizei in Uganda grundlos festgenommen. Foto: Reuters

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Am Dienstagabend Ortszeit, nachdem er verhaftet und ein paar Stunden später wieder entlassen worden war, postet Bobi Wine eine Zeichnung auf Facebook: Sie zeigt zwei Fäuste, die in die Luft ragen. Darüber steht: «Brich die Ketten der Unterdrückung.» Bobi Wine, Rapper und Präsidentschaftskandidat in Uganda, weiss sich zu inszenieren, ganz besonders in den sozialen Medien. Täglich postet er Fotos und Videos. Bei Instagram, Facebook und Twitter folgen dem 37-Jährigen insgesamt fast zwei Millionen Nutzer.

Rotes Barett als Symbol des Widerstands: Bobi Wine. Foto: Reuters

Die Jugend Ugandas liebt Bobi Wine, der als Robert Kyagulanyi Ssentamu in einem armen Stadtteil von Kampala geboren wurde. Als Musiker rappte er über soziale Ungleichheit, als Oppositionspolitiker prangert er an, was seiner Meinung nach in Uganda seit Jahrzehnten falsch läuft. Das findet enormen Widerhall unter den perspektivlosen Jugendlichen, die – wie Bobi Wine selbst – aus armen Familien stammen und der Armut nicht entkommen, weil Korruption und Jugendarbeitslosigkeit die Gesellschaft lähmen.

Und weil in Uganda fast 80 Prozent der Menschen jünger als 35 Jahre sind, ist ihre Gallionsfigur Bobi Wine zur Gefahr für die Elite um Staatsoberhaupt Yoweri Museveni geworden, und der «Ghettopräsident», wie er sich selbst nennt, zum Risiko für den echten Präsidenten.

Das passt zum Trend der vergangenen Monate auf dem Kontinent. Doch anders als in anderen Ländern Afrikas, etwa Sudan oder Algerien, wo die junge Bevölkerung, frustriert von der politischen Klasse, ihr Schicksal drehte und die Diktatoren durch friedlichen Protest stürzte, ist der Protest der Jugend in Uganda eng mit der Person Bobi Wines verwoben. Und auch mit der Person des Präsidenten Yoweri Museveni. Der nun 75-Jährige kam als Guerillaführer an die Macht und regiert seit 1986. Er war lange Liebling westlicher Politiker, weil er Uganda Stabilität brachte. Doch unter seiner Herrschaft verknöcherten die staatlichen Strukturen.

Die korrupte Clique

Oppositionelle werden immer wieder willkürlich verhaftet, doch auf niemanden hat es der Staatsapparat so sehr abgesehen wie auf Bobi Wine. Seit dieser 2019 ankündigte, als Präsidentschaftskandidat Museveni und die korrupte Clique um ihn aus dem Amt drängen zu wollen, wird er noch mehr gegängelt.

Am Montagabend war es wieder einmal so weit. Es sollte die erste seiner «Sprechstunden» werden, so nennt er eine Serie landesweiter Kundgebungen, bei denen er mit den Menschen ins Gespräch kommen will. Alleine für diesen Monat sind sieben angesetzt. Er hatte seine Fans aufgerufen, unter dem Hashtag «Das Uganda, das ich sehen möchte» zu posten, was sich ihrer Meinung nach ändern müsste. Ein Nutzer schrieb, er wünsche sich ein Land, «das frei von Nepotismus ist».

Bobi Wine war gerade am Veranstaltungsort nördlich von Kampala eingetroffen, als die Polizei Tränengas abfeuerte und ihn mit anderen Mitgliedern seiner «People Power»-Bewegung verhaftete. Es war nicht das erste Mal, dass er ohne erkennbaren Grund verhaftet und nach ein paar Stunden wieder freigelassen wurde. Rechtswidrig sei das Vorgehen der Polizei, liess Bobi Wine seine Fans wissen. Sein Markenzeichen, das er auf jedem Foto trägt, ist ein rotes Barett. Er nennt es «Symbol des Widerstands».

Viele Mitstreiter sind in Haft

Als der Rapper in die Politik wechselte mit dem Vorhaben, nicht mehr nur zu besingen, was falsch läuft, sondern sich selbst dafür einzusetzen, dass sich etwas ändert, war das eine Kampfansage an den Autokraten Museveni. Mit 80 Prozent der Stimmen gewann Wine den Sitz in seinem Wahlbezirk, Jugendliche auf Motorrädern eskortierten ihn. Seither konnte er sich als Oppositionspolitiker im Parlament profilieren.

Doch beim Versuch, ihn einzuschüchtern, belässt es die Polizei nicht bei grundlosen Festnahmen und fadenscheinigen Verhören. Im Sommer vor zwei Jahren wurde während der Kommunalwahlen auf seinen Konvoi geschossen, sein Fahrer starb, Bobi Wine wurde festgenommen. Er behauptete, das Attentat hätte ihm gegolten. Laut seinen Anwälten wurde er mit Eisenstangen misshandelt.

Nachdem er nun nach der jüngsten Festnahme freigelassen worden war, gab Wine eine Pressekonferenz. Er stellte sie als Video online, sodass sie jeder mit einem Smartphone verfolgen konnte. «Respektiert das Gesetz, respektiert die Menschenrechte», forderte er. Viele seiner Mitstreiter, die er «Kameraden» nennt, seien noch immer in Haft. «Die ugandische Polizei hat gezeigt, dass sie nur im Interesse der Politik, im Interesse Musevenis handelt.» Schliesslich richtete er noch einmal eine Botschaft an die Regierung: «Wir werden euch 2021 besiegen.»

Erstellt: 08.01.2020, 19:21 Uhr

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