Der Hacker, der George W. Bush lächerlich machte

Marcel Lazar Lehel verschonte niemanden. Nun sieht sich der Hacker als Opfer einer Verschwörung.

Als Guccifer verschonte er niemanden: Der Hacker Marcel Lazar Lehel nach seiner Verhaftung im Januar 2014. Foto: Reuters

Als Guccifer verschonte er niemanden: Der Hacker Marcel Lazar Lehel nach seiner Verhaftung im Januar 2014. Foto: Reuters

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Zwei Jahre lang narrte er das FBI und stellte die Mächtigen bloss. Guccifer, einst Amerikas meistgesuchter Hacker, knackte das E-Mail-Postfach von George W. Bush, dem früheren US-Präsidenten. Dort fand er Ölbilder, von Bush persönlich gepinselt. Sie zeigen Hunde, Landschaften und Bush selber, wie er in der Badewanne planscht. Guccifer stellte die unbeholfenen Gemälde 2013 ins Internet, die Welt spottete.

Guccifer verschonte niemanden. Colin Powell, ehemaliger US-Aussenminister, Schauspieler Steve Martin, Mitglieder der Rockefeller-Familie, Vertraute der Clintons – der Hacker drang in ihre privaten Accounts ein und plünderte sie. Seine Beute reichte von Nacktfotos bis zu hochvertraulichen Informationen.

Gross war die Überraschung, als die Geheimdienste den mysteriösen Hacker diesen Januar enttarnten. Hinter Guccifer verbarg sich kein hoch gebildeter Nerd. Marcel Lazar Lehel, so sein richtiger Name, war ein arbeitsloser rumänischer Taxifahrer, der in einem Bauerndorf nahe der Grenze zu Ungarn lebte. Er arbeitete auf einem veralteten Computer, seine Programmierkenntnisse hatte er sich im Internet beigebracht.

Ein rumänisches Gericht verurteilte den 43-Jährigen zu sieben Jahren Gefängnis. Kürzlich haben ihn Reporter der «New York Times» im Gefängnis besucht. Erstmals spricht er über sich und seine Motive.

Verbindet 9/11 mit dem Tod von Prinzessin Diana

Lehel ist Verschwörungstheoretiker. In seinen Monologen verbindet er 9/11 mit dem Tod von Prinzessin Diana und einem baldigen atomaren Angriff auf Chicago. Schwerreiche Verschwörer, der «Rat der Illuminati», steuerten heimlich die Geschicke der Welt. Ihnen habe er schaden wollen, sagt Lehel. Geld oder Kreditkartennummern habe er nicht gestohlen – im Gegensatz zu gewöhnlichen Internetbetrügern.

So wirr Lehels Erklärungen klingen, beim Hacken bewies er logisches und spekulatives Geschick. Er setzte nicht auf klassische Hackertricks, versandte keine Bugs. Vielmehr las er alles, was das Internet über seine Opfer hergab. Aus diesen Angaben erknobelte er die richtigen Passwörter. Das Vorgehen erforderte gemäss den Richtern Hartnäckigkeit, Intelligenz, Geduld. Seine Identität verwischte Guccifer, indem er russische Server benutzte. Das FBI stocherte im Dunkeln.

Sein Alias schien sich zu bewahrheiten: Es sollte die Eleganz der Modemarke Gucci mit dem Licht des Antichristen (Luzifer) vereinen.

Doch im Januar unterlief ihm der entscheidende Fehler. Er gab sich als Rumäne zu erkennen. 2011 war Lehel in Rumänien bereits wegen Hacking bestraft worden. Unter dem Tarnnamen «Little Smoke» hatte er sich in die E-Mail-Postfächer schöner, berühmter Rumäninnen geschlichen.

Wie die Polizei Guccifer dann aufspürte, bleibt unklar. Lehel habe seine Spuren ungeschickt verwischt, heisst es. Als er sich verfolgt fühlte, zerstückelte er Harddisk und Handy mit einer Axt, vergrub die Trümmer. Es nützte nichts. Die Beweise zwangen ihn zum Geständnis.

Seine Zelle im Hochsicherheitstrakt teilt sich Lehel mit vier Mitgefangenen, zwei davon sind verurteilte Mörder. Die Zeit verbringt er damit, Notizbücher mit seinen Theorien vollzukritzeln. Diese sieht er am eigenen Fall bestätigt. Er habe weder gestohlen noch gemordet. Es gebe nur einen Grund, warum er sieben Jahre absitzen müsse: die Macht der Illuminati.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.11.2014, 22:33 Uhr

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