Der Held der Armen

Seinen letzten Kampf hat er verloren: Der venezolanische Staatschef Hugo Chávez ist tot. Die Venezolaner müssen jetzt entscheiden, ob es weitergeht mit dem Chavismo.

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Seinen letzten Kampf hat er verloren: Der venezolanische Staatschef starb mit 58 Jahren an Krebs. Seine politische Bewegung war eine Ein-Mann-Show. Die Venezolaner müssen jetzt entscheiden, ob es weitergeht mit dem Chavismo.

Hugo Chávez hat die sozialistische Revolution in Venezuela ausgerufen, ist gegen den Einfluss der USA in Lateinamerika zu Felde gezogen und war Hoffnungsträger der Linken in einer ganzen Region: Am Dienstag starb Hugo Chávez im Alter von 58 Jahren nach einem nahezu zweijährigem Kampf gegen den Krebs. Vizepräsident Nicolas Maduro, umgeben von weiteren Regierungsmitgliedern, teilte dies im staatlichen Fernsehen mit. Der Präsident sei um 16.25 Uhr Ortszeit gestorben.

In seiner mehr als 14-jährigen Amtszeit hat Chávez immer wieder den Status quo in Frage gestellt - im eigenen Land wie in den internationalen Beziehungen. Er polarisierte die Venezolaner mit seinem keine Konfrontation scheuenden Stil, war aber auch ein meisterhafter Kommunikator und Stratege, der geschickt mit nationalen Gefühlen umzugehen verstand, um sich vor allem bei den Armen eine breite Unterstützung zu sichern.

Elektrifizierte Massen

Chávez war ein politischer Überlebenskünstler. Als Kommandeur einer Einheit von Fallschirmjägern führte er 1992 einen gescheiterten Putsch an, wurde später begnadigt und 1998 zum Präsidenten gewählt. Er überstand 2002 einen Putsch gegen seine eigene Herrschaft und wurde zwei Mal wiedergewählt.

Die Massen elektrifizierte er mit seiner kräftigen Baritonstimme, oft trug er dabei das helle Rot seiner Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas oder das Barett seiner Militärzeit. Bis er den Kampf gegen den Krebs aufnahm, erschien er fast täglich im Fernsehen, sprach oft stundenlang und verband tagesaktuelle Kommentare mit philosophischen Betrachtungen.

Inflation trotz Ölmilliarden

Chávez nutzte den Ölreichtrum des Landes, um umfangreiche Sozialprogramme einzuleiten. Dazu gehörten staatliche Lebensmittelmärkte, geförderter Wohnungsbau, kostenlose Klinikversorgung und Bildungsprogramme. Während seiner Regierungszeit ging die Armut zurück: von 50 Prozent zu Beginn seiner Regierungszeit 1999 auf 32 Prozent in der zweiten Hälfte 2011. Aber Kritiker halten ihm vor, dass es ihm nicht gelungen sei, die Ölmilliarden in eine nachhaltige Entwicklung der Volkswirtschaft zu investieren. Die Inflation stieg immer höher, und die Selbstmordrate in Venezuela gehört zu den höchsten der Welt.

Im Juni 2011 liess sich Chávez in Kuba operieren - ein Tumor wurde ihm aus der Beckenregion entfernt. Aber der Krebs kehrte wieder zurück und erwies sich letztlich als stärker denn alle Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapien. Über Twitter blieb «El Comandante» in Kontakt mit der Öffentlichkeit, aber zuletzt versiegte auch dieser Kanal.

Zwei Monate nach seiner letzten Wiederwahl im Oktober 2012 kehrte Chávez zu weiterer Behandlung nach Kuba zurück. Als er das Flugzeug bestieg, warf er einen Kuss in die Luft. Danach wurde er öffentlich nicht mehr gesehen, auch wenn er Mitte Februar nach Caracas zurückkehrte.

Personenkult um Chávez

Chávez war inspiriert von Fidel Castro und übernahm von dem alternden Revolutionsführer die Rolle als Chefantagonist der USA in der westlichen Hemisphäre. 2006 bezeichnete er in einer Rede vor der UN-Vollversammlung den damaligen US-Präsidenten George W. Bush als Teufel. Seine Anhänger sehen ihn in einer Reihe mit Revolutionslegenden wie Castro und «Che» Guevara. Chávez nährte diesen Personenkult, sein Bild war in Venezuela allgegenwärtig.

«Eine Revolution ist hier angekommen», rief er 2009 in einer Rede aus. «Niemand kann diese Revolution stoppen.»

Sein grosses Vorbild war der südamerikanische Unabhängigkeitsführer Simon Bolivar. In spontan wirkenden Auftritten sang er aber auch Oden auf Mao Zedong oder den deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche. «Ich bin immer noch subversiv», sagte er 2007 in einem Interview der Nachrichtenagentur AP. «Ich denke, die ganze Welt muss das werden.»

Die politische Bewegung von Hugo Chávez war überwiegend eine Ein-Mann-Show. Jetzt wird es an den Venezolanern sein zu entscheiden, ob die Chavismo-Bewegung überlebt und wie sie sich weiterentwickelt.

(kle/sda)

Erstellt: 05.03.2013, 23:59 Uhr

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