Porträt

Der Jäger und der Elefant

NSA-Chef Keith Alexander versteht die weltweite Empörung über seine digitale Sammelwut nicht. Überwachung ist, wie wenn man ein Bad nimmt, glaubt der General.

Science-Fiction-Fan und überzeugter Datenjäger: General Keith Alexander. (Archiv)

Science-Fiction-Fan und überzeugter Datenjäger: General Keith Alexander. (Archiv) Bild: AFP

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Zuletzt waren es die Daten von 60 Millionen spanischen und 46 Millionen italienischen Telefonaten. Zuvor handelte es sich um die Daten französischer Telefonate. Zwischendurch flog die Abhöraktion gegen Angela Merkel auf. 34 weitere Spitzenpolitiker wurden gleichfalls belauscht.

Kaum mehr ein Tag vergeht ohne weitere Nachweise amerikanischer Sammelwut mittels der elektronischen Ansaugstutzen der NSA. Ob die ungeheure Masse der Daten überhaupt verwertbar ist, weiss niemand. Wenn nicht, würde es den obersten digitalen Jäger und Sammler, den NSA-General Keith Alexander, wahrscheinlich nicht stören. Da mag Jen Psaki, die Sprecherin des US-Aussenamts, angesichts der Proteste amerikanischer Verbündeter etwas zerknirscht sagen, man solle Informationen nicht einfach sammeln, «weil wir es können, sondern wenn wir es brauchen». General Alexander würde ihr kaum zustimmen: Was möglich ist, wird gemacht, lautet seine Devise.

Totale Überwachung im Star-Trek-Sessel

Totale Überwachung ist allemal besser als lückenhafte, glaubt der General, ein Fan von Science Fiction. In seinem früheren Job als Chef des Armeekommandos Aufklärung betrieb Alexander ein «Information Domination Center» in Fort Belvoir vor den Toren Washington. Er erbte dort ein Hauptquartier, das der Kommandobrücke des «Starship Enterprise» aus der Star-Trek-Serie nachgebildet war. Futuristisch verspiegelt mit Konsolen, grossen Bildschirmen sowie einem Kommandosessel. Im Star-Trek-Original durchlebte darin der berühmte Jan-Luc Picard fiktive galaktische Schlachten. Alexander liebte die Kommandobrücke. Besonders Politiker auf Besuch liess er regelmässig Platz nehmen.

Die Empörung über die globale NSA-Abschöpfung versteht der General nicht. Ganz im Gegenteil: Empört sein darf nur er. Wegen des ungeheuerlichen Geheimnisverrats des Edward Snowden und seiner journalistischen Handlanger. «Es ist nicht richtig, dass Zeitungen diese Dokumente haben, diese 50'000 oder wie viele auch immer, und dass sie diese verkaufen», klagte er am vergangenen Donnerstag. «Wir sollten etwas tun, um das zu stoppen», verlangte der General. Er möchte den Medien an den Kragen. Seine Dokumente werden übrigens nicht verkauft. Sie sind dank Snowden umsonst.

Je mehr, desto noch besser

Alexander ist sich also keiner Schuld bewusst. Alle hören ab. Wir machen es nur besser, glaubt er. Und je mehr, desto noch besser. Immerhin sei das Überwachung nichts anderes, als wenn der Überwachte ein Bad nehme, sagte der digitale Generalissimo vor wenigen Tagen. «Als du jünger warst, ein kleiner Junge eben, sagst du ‹Ich möchte nicht baden. Gibt es denn nichts besseres?›, sagst du. Nein, deshalb baden oder duschen wir. Und wie sieht es hier aus? Gibt es einen besseren Weg, Terroristen zu stoppen?».

Alexander sagte das wirklich, in einem Interview mit einem Pentagon-Blog. Merkel wird mithin gebadet, weil es keinen «besseren Weg» gibt, Terroranschläge zu verhindern. Glaubt der General, der die Überwachung von Merkel und anderen ausländischen Politikern ohne Wissen Obamas durchführte. Der Präsident erfuhr erst davon, als Snowden den General samt seinen Praktiken hochgehen liess und eine Inventur geboten schien.

Die Weltmacht gebärdet sich hier wie ein Elefant: Sie hat ein langes Erinnerungsvermögen. Sie weiss, dass sich Kanzler Schröder 2002 unbotmässig verhielt, weil er George Bushs Krieg im Irak ablehnte. Also hörte man ihn ab. Und Merkel wurde gleichfalls abgehört. Man weiss ja nie. Dompteur dieses Elefanten ist der General. Und wie es sich gehört, bringt er vorsichtshalber selber einen Porzellanladen mit. Damit der Elefant darin so richtig randalieren kann.

Erstellt: 28.10.2013, 21:08 Uhr

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