Der Journalist, der Millionär wurde

Am Montag werden in New York zum 100. Mal die Pulitzerpreise verliehen. Kein Preisträger dürfte etwas Aufregenderes zu berichten haben als das Leben, das Joseph Pulitzer geführt hatte.

Einwanderer, Reporter, Verleger, Philanthrop: Joseph Pulitzer kurz vor seinem Tod. Foto: Keystone

Einwanderer, Reporter, Verleger, Philanthrop: Joseph Pulitzer kurz vor seinem Tod. Foto: Keystone

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«Jeder Reporter ist eine Hoffnung, jeder Herausgeber eine Enttäuschung.»Joseph Pulitzer, Reporter und Herausgeber

Seine Kollegen nennen ihn «Joey den Juden» oder «Pull-it-Sir» und lachen über sein Aussehen. Er ist ein grosser, schmaler Mann mit einem bleichen Gesicht und kurzsichtigen Augen. Er trägt einen Bart wie Präsident Lincoln, seine Hosen hören vor den Knöcheln auf, sein Jackett ist verdreckt, sein Hut von einer Schnur zusammengehalten. Die Korrespondenten in Jefferson City, der Hauptstadt von Missouri, nehmen den Neuen nicht ernst. Er spricht Englisch mit krachendem Akzent und schreibt für die «Westliche Post», eine deutschsprachige Immigrantenzeitung in St. Louis.

Joseph Pulitzer ignoriert die Kollegen, ihm geht es um News – für seine Zeitung, seine Karriere und seine Republikanische Partei. Es dauert nicht lange, bis die anderen merken: Der ungarische Immigrant ist besser informiert als sie. Er muss besser sein, weil er es so viel schwerer hatte, gut zu werden.

Ganz unten, weit weg

«Wie Alfred Nobel ist Joseph Pulitzer besser bekannt für den Preis, der seinen Namen trägt, als für seinen Beitrag zur Geschichte.» So beginnt der Journalist James McGrath Morris seine 600-seitige Biografie über den Publizisten, Politiker, Polemiker und Philanthropen. Die weltweit bekannten Pulitzerpreise, die am Montag an der New Yorker Columbia-Universität zum 100. Mal vergeben werden, sind die höchste journalistische Auszeichnung der USA. Pulitzer hat zwei Millionen Dollar für den Preis gestiftet, und er war es auch, der die «Columbia School of Journalism» gründen liess. Dabei war er journalistisch nicht immer Vorbild. In der Praxis war der Philanthrop ein Polemiker. Er attackierte seine Gegner und nutzte seine Medien für Macht, vor allem in der Politik. Und trotzdem passt der Preis zu ihm. Denn von der Kindheit bis zum Tod glaubt Joseph Pulitzer an das Lernen und das Wissen als Mittel der Aufklärung. Fast alles muss er sich aneignen. Joseph Pulitzer bleibt ein professioneller Autodidakt sein Leben lang.

Eine Dokumentation über Joseph Pulitzer. Quelle: e2strom/Youtube

Wie aber war es möglich, dass ein verarmter jüdischer Einwanderer aus der k. u. k. Monarchie, der bei seiner amerikanischen Ankunft kein einziges Wort Englisch sprach, sich zum Anwalt, Journalisten und dann zum Politiker hocharbeitete, zum Verleger und Multimillionär, der die grösste Zeitung Amerikas herausgab?

József Pulitzer wird am 10. April 1847 in der ungarischen Kleinstadt Makó geboren, sein Vater ist Jude und seine Mutter Katholikin, das Wohnzimmer steht voller Bücher, die Kinder werden privat unterrichtet, Joseph lernt Deutsch und Französisch. Als sein Vater stirbt, verarmt die Familie, zuvor schon sind neun der elf Kinder früh gestorben, mit ein Grund, warum Pulitzer bis zum Tod das Gefühl hat, ums Überleben kämpfen zu müssen. Ausserdem kann er den Mann nicht ausstehen, den die Mutter heiratet.

Soldat im Bürgerkrieg

Um der Armut und der Familie zu entkommen, versucht es Joseph beim Militär, wird aber wegen seiner Kurzsichtigkeit mehrfach abgewiesen. Für eine Prämie von 300 Dollar samt Fahrtkosten lässt er sich nach Boston verschiffen, tritt dort der Armee des Nordens bei. Nach der Demobilisierung treibt er sich in New York herum, hungert, schläft auf Parkbänken. In einem Güterzug fährt er als blinder Passagier nach St. Louis, eine Stadt mit einer grossen deutschen Minderheit. Die Emigranten sind nach der gescheiterten deutschen Revolution nach Amerika geflohen, sie denken liberal, sie halten zusammen, sie lieben Amerika.

Der junge Soldat kommt mittellos in die Stadt und nimmt jeden Job an, den er bekommt, obwohl er ihn nie lange behält: Holzfäller, Kellner, Maultierhalter. Gleichzeitig bringt er sich in der gut bestellten St. Louis Mercantile Library das Englische bei, bildet sich im Recht aus und liest alles, was er in die Finger bekommt. Beim Anwenden der neuen Sprache zeigt sich ein weiteres Talent: Pulitzer kann mit den Leuten reden. Mit allen. Den Armen und den Reichen, den Handwerkern und den Politikern, den Herumtreibern und auch der distinguierten Gruppe von Hegelianern, die sich zur Debatte treffen. Ausserdem verehrt auch er die junge amerikanische Demokratie. Sie ist der Grund, warum Pulitzer 1867 die amerikanische Staatsbürgerschaft annimmt und sich schon bald in die Politik einmischt. Er ist 20 Jahre alt.

Reporter für alles

Sein Einstieg in den Journalismus führt über einen Betrug. Auf seiner Suche nach Arbeit wird er vom Versprechen angelockt, auf einer Plantage flussabwärts arbeiten zu können, dafür muss er eine Prämie zahlen. Mitten in der Nacht drängen die Schiffer die Arbeitslosen ans Land, wo nichts ist, schon gar keine Plantage. Am nächsten Tag erzählt Pulitzer seinen Freunden von seinem Missgeschick. Sie ermuntern ihn, für die «Westliche Post» einen Bericht zu schreiben. Der kommt so anschaulich heraus, dass die Zeitung den Jungen als Reporter für alles engagiert. Und der geht überallhin, redet mit allen, kehrt auf die Zeitung zurück, schreibt und veröffentlicht. Der Neue arbeitet schnell, genau und bis zu 16 Stunden am Tag.

Sein Ehrgeiz treibt ihn an, und weil die Presse mit der Politik verflochten ist, drängt es ihn in die Republikanische Partei Lincolns, von der er sich aber immer weiter entfernt, je konservativer sie ihm vorkommt. Schliesslich wechselt er zu den Demokraten. Pulitzer ist nicht käuflich und deckt unerschrocken Korruptionsskandale auf. Das hindert ihn aber nicht daran, Konkurrenten öffentlich fertigzumachen. Er hat auch keine Bedenken, sich selber in der dritten Person anzupreisen, wenn er sich um ein Amt bewirbt, im Parlament von Missouri, in Kommissionen, später im amerikanischen Kongress. Von seinem Charakter her wird er als aufbrausend und leidenschaftlich beschrieben, er strahlt Charme und Esprit aus und ist von schneller Intelligenz. Ein Stürmer und Dränger, ein explosiver Typ und ruchlos, wenn es zählt. Joseph Pulitzer ist, um einen Fachbegriff zu verwenden, eine journalistische Wildsau.

Boulevard, Comics und Recherchen

Dank Investitionen und Beziehungen gelingt es dem Rastlosen, die «Westliche Post» zu übernehmen. Schon bald wird ihm klar, dass er mit einer deutschsprachigen Publikation in Amerika nicht weit genug kommt. Also verkauft er die «Post» und übernimmt zwei englischsprachige Zeitungen, die er sogleich fusioniert. Mit seinem Gespür für lebhaften Journalismus erhöht er die Auflage. Dazu gehören harte Recherchen: Seine Journalisten schreiben über das Monopol der städtischen Gasgesellschaft, decken den Steuerbetrug reicher Besitzer auf. Dazu lässt der Verleger die Bürger in den Strassen befragen, bringt ihre Ansichten in der Zeitung.

Aber Pulitzer will weiter, höher. Weg von St. Louis und nach New York, der medialen Weltstadt. 1883 kauft er für 346 000 Dollar die bankrotte «New York World» und tauft sie an seinem ersten Arbeitstag zur «World» um. Die Branche hält ihn für verrückt, der Neue macht sich an die Arbeit. Mit kühnen Methoden modernisiert er das Blatt. Er kombiniert einen aggressiven Boulevardstil, farbige Titelblätter, Comics, Konsumanreize, seriöse Kampagnen für politische Reformen mit Hochleistungsrecherchen. Dabei lässt er nicht nur über korrupte Deals in Wirtschaft und Politik nachforschen, eine unrechtmässige Millionenzahlung der USA an die Panama Canal Company zum Beispiel. Ihn interessieren auch die täglichen Sorgen der Armen, verschmutztes Wasser in den Quartieren, Strassengewalt, überteuerte Mieten und all das andere, das er in seiner Jugend selber erlebt hat. Der Verleger hat nie vergessen, dass er ein Reporter war, der Millionär weiss noch immer, wie sich das Leben in Armut anfühlt.

Was die Zeitung bringt, wollen die Leute lesen, so fühlen sie sich angesprochen. Unter Pulitzers Führung steigert die «World» ihre Auflage innert fünf Jahren von 15 000 auf 150 000 Exemplare, fünf Jahre später liegt die Auflage bei über 600 000 und macht die «World» zur grössten Zeitung Amerikas. Der Verleger greift mächtige Politiker an, streitet sich mit seinen Redaktoren, ist reizbar und störrisch. Dafür hat er ein Talent für Talente. Als die Journalistin Elizabeth Jane Cochrane bei ihm vorspricht, stellt Pulitzer sie nach einem einzigen Gespräch ein. Er ist beeindruckt von ihrem Können, sie erinnert ihn an sein eigenes. Nellie Bly, so ihr Pseudonym, etabliert sich landesweit als resolute Rechercheurin, wobei sie oft undercover arbeitet. Zum Beispiel mimt sie eine Psychotikerin, um in das berüchtigte Bellevue Hospital eingeliefert zu werden. Sie erlebt und beschreibt, wie die Patienten angebunden, geschlagen und mit eisigem Wasser gequält werden, das Trinkwasser ist verdreckt, das Essen verfault, die Hygiene katastrophal, überall laufen Ratten herum. Ihre Recherche schockt Amerika und löst eine Reform der Psychiatrie aus. Später reist Bly für Pulitzers Zeitung und in Erinnerung an Jules Verne um die Welt, ein weiterer Schlager der «World».

Sieben Jahre später, es ist ein Dezembertag im Jahr 1890, ist Joseph Pulitzer auf dem Höhepunkt seiner Macht und am Ende seiner Hoffnungen. An diesem Tag eröffnet die «World» die neuen Redaktionsräume im damals höchsten Wolkenkratzer der Welt. Das Haus steht an der Park Row in Lower Manhattan, ganz in der Nähe der Parkbänke, auf denen Pulitzer als Bettler übernachtet hat. Es hat zwanzig Stockwerke und ein Vermögen gekostet, Pulitzer hat bar bezahlt. Er hat sich zum grössten Verleger Amerikas hochgearbeitet, hochinvestiert und hochverdient, ein 30-facher Millionär.

Aber sein Leben sieht schwarz aus. Der Kurzsichtige ist erblindet, leidet an Depressionen und Hyperakusis, einer pathologischen Empfindlichkeit für Geräusche. Die Redaktionsräume meidet er, zieht sich auf seine Jacht zurück. Von dort aus korrespondiert er mit der Redaktion, lässt sich die Leitartikel vorlesen, diktiert dem Chefredaktor seine Meinung, streitet mit ihm, lässt sich zuletzt von den Argumenten überzeugen.

Gleichzeitig lässt er sich mit seinem härtesten Rivalen auf einen Konkurrenzkampf ein, der ihm schadet. Der Konkurrent heisst William Randolph Hearst, besitzt das «New York Journal» und hat weder Moral noch Skrupel; so wird ihn Orson Welles auch in «Citizen Kane» porträtieren. Zwar kann die «World» neben dem «Journal» bestehen, beschädigt aber mit ihrem schreienden, kriegstreibenden Journalismus ihren Ruf. Die beiden Zeitungen überbieten sich in Patriotismus und Xenophobie und erreichen, dass die USA in Kuba gegen Spanien in den Krieg ziehen. Auflage über alles.

«Deiner Liebe nicht würdig»

Joseph Pulitzers Leben geht einsam zu Ende, er wird 1911 mit 64 Jahren sterben. Auch seine Ehe mit Kate Davis ist gescheitert, die er 1878 geheiratet hat. Sie ist die Tochter eines reichen Plantagebesitzers in Mississippi, ebenso gescheit und leidenschaftlich wie er, von ihm aber mit sieben Kindern immer länger alleingelassen. «Ich bin deiner Liebe nicht würdig, da zu kalt und selbstbezogen», hatte er ihr geschrieben, als sie einander kennen lernten. «Und doch bin ich nicht unehrenhaft, und das alleine treibt mich an, deiner würdig zu sein.»

Schon während der Flitterwochen muss Kate realisieren, dass nur die Arbeit ihren Mann wirklich interessiert. Die einzige Frau, für die er sich rückhaltlos einsetzt, ist die amerikanische Freiheitsstatue. Pulitzer bringt das Geld für den Sockel auf, auf dem sie zu stehen kommt.

Im 19. Jahrhundert, als die Vereinigten Staaten sich industrialisieren, liefert Andrew Carnegie den Stahl, John D. Rockefeller das Öl, J. P. Morgan das Geld, Cornelius Vanderbilt die Eisenbahn und Joseph Pulitzer die Massenmedien. Neben dem Preis und der Schule, die er stiftet, bleibt das sein grösstes Vermächtnis: Er hat die Köpfe seines Publikums industrialisiert.

James McGrath Morris: «Pulitzer: a Life in Politics, Print, and Power.» New York: Harper Collins, 2010. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.04.2016, 23:10 Uhr

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