Der Kampf um die Symbole des Rassismus

Der Abriss eines Denkmals sorgt in den USA für Proteste und sogar Todesdrohungen. Es brodelt in der Frage: Sollen Denkmäler entfernt werden – oder als Erinnerung dienen?

Wollen die Monumente behalten: Demonstrierende mit Konföderierten-Flaggen protestieren gegen den Abriss eines Monuments in New Orleans, Louisiana. (11. Mai 2017)

Wollen die Monumente behalten: Demonstrierende mit Konföderierten-Flaggen protestieren gegen den Abriss eines Monuments in New Orleans, Louisiana. (11. Mai 2017) Bild: Reuters

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Es hagelte Beleidigungen, ja sogar Todesdrohungen erhielt Bob Fenwick. Als einer von fünf Stadträten in Charlottesville im Staat Virginia, berühmt als Sitz der Universität von Virginia und Heimat Thomas Jeffersons, gab Fenwick im Februar das entscheidende Votum für die Entfernung eines Denkmals ab. Er werde sich nicht einschüchtern lassen, sagte der Stadtrat, er habe «schon viel Schlimmeres durchgemacht».

Ein gewöhnliches Denkmal war es nicht, über das da abgestimmt wurde: In einem Park der Stadt erhebt es sich imposant über Passanten und Betrachter, ein überlebensgrosser General zu Pferd. Das Monument bildet den konföderierten Oberbefehlshaber Robert E. Lee ab, gemäss der Entscheidung des Stadtrats soll er bald anderswo reiten und der nach ihm benannte Park einen neuen Namen erhalten.

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Nicht alle sind mit dieser Entscheidung einverstanden: Die Nachfahren konföderierter Veteranen sowie traditionsbewusste Bürger klagten gegen die Entfernung, kürzlich erliess ein Gericht eine einstweilige Verfügung gegen die Entscheidung der Stadt. Der Streit in Charlottesville belegt, dass anderthalb Jahrhunderte nach dem Ende des Konfliks zwischen dem sklavenfreien Norden und dem sklavenhaltenden Süden noch immer ein Bürgerkrieg in den Herzen und Köpfen der Amerikaner tobt.

Geschichte nicht verleugnen

Überall in den Staaten der einstigen Konföderation, von Virginia bis hinunter nach Texas, regt sich Widerstand gegen Monumente und Symbole, die an den alten Süden und seine Helden erinnern. Meistens wurden sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtet, zu einer Zeit, als eine Welle des Rassismus gegen Afroamerikaner den Süden überrollte und die Rassentrennung zur Institution wurde. Manche Befürworter der Denkmäler glauben, die Region dürfe ihre hässliche Geschichte nicht verleugnen, andere sehen im Abriss oder Abtransport der Denkmäler einen Attacke auf ihre Herkunft und Traditionen als Südstaatler.

Befürworter der Denkmäler glauben, die Region dürfe ihre hässliche Geschichte nicht verleugnen.

Gegner der Monumente warnen hingegen vor der Verherrlichung einer Ära, die Afroamerikaner versklavte, sie lynchte und nach ihrer Befreiung zu Bürgern zweiter Klasse ohne Wahlrecht degradierte. Der Streit entzweit Kommunen und Staaten, erbittert wird um die Vergangenheit und ihre Interpretation gerungen.

In der einstigen konföderierten Hauptstadt Richmond in Virginia verlangen Aktivisten die Entfernung der Statuen konföderierter Helden wie Lee oder General Stonewall Jackson längs der berühmten «Monument Avenue», im Norden Virginias in der Stadt Arlington wird eine nach dem konföderierten Präsidenten Jefferson Davis benannte Strasse umbenannt. Und in New Orleans versprach Bürgermeister Mitch Landrieu bereits 2015, die Statuen konföderierter Generäle zu entfernen.

Der Streit wird weitergehen

Sofort formierte sich Widerstand gegen Landrieus Plan, der vor allem von der afroamerikanischen Mehrheit in New Orleans unterstützt wird. Wie in Charlottesville klagten die Nachfahren konföderierter Soldaten, auch ist es der Stadt bisher nicht gelungen, Firmen zu finden, um die Denkmäler mit schweren Kranen abzutransportieren: Alle Spezialbetriebe im Umkreis von New Orleans erhielten Drohungen.

Alle Spezialbetriebe im Umkreis von New Orleans erhielten Drohungen.

In South Carolina, berühmt und berüchtigt als Heimat konföderierter Heissporne und Ausgangsort des Bürgerkriegs, wurde nach dem Mord an neun Afroamerikanern durch den weissen Südstaaten-Fan Dylann Roof im Juni 2015 zwar endlich die konföderierte Fahne vom Gelände des Staatsparlaments in Columbia verbannt. Ein Gesetz des Staats aber verbietet Kommunen die Entfernung von Bürgerkriegsdenkmälern.

Georgia, Mississippi und Tennessee erliessen ähnliche Gesetze, auch in diesen Staaten regt sich jedoch Widerstand gegen die Symbole der einstigen Konföderation. Ausgestanden ist der Streit über die Vergangenheit noch lange nicht, noch Jahre wird er vor Gerichten wie in der öffentlichen Arena ausgetragen werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2017, 16:20 Uhr

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